> > > Kashchey the immortal: Poznan Philharmonic Orchestra, Lukasz Borowicz
Samstag, 21. Mai 2022

Kashchey the immortal - Poznan Philharmonic Orchestra, Lukasz Borowicz

Düsterer Märchen-Einakter


Label/Verlag: DUX
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die gelungene Einspielung von Rimsky-Korsakovs spätem Einakter macht Lust auf mehr Entdeckungen dieser Art.

‚Kaschtschei der Unsterbliche‘ gehört gewiss nicht zu Nikolai Rimsky-Korsakovs berühmtesten Opern, zumindest nicht außerhalb Russlands. Entsprechend wenige Einspielungen liegen von diesem reizvollen Märchen-Einakter vor – die vermutlich letzte stammt aus dem Jahr 1995, als Valery Gergiev für Philips eine ansehnliche Reihe russischer Opernliteratur auf Tonträger bannen konnte. Nun legt das Label Dux mit einer Neuaufnahme des ‚Kaschtschei‘ oder ‚Kashchey‘ (wie das Cover in englischer Sprache ankündigt) nach, die im März 2018 beim 22. Beethoven Oster-Festival in Poznań entstanden ist. Łukasz Borowicz leitet wie schon bei vorhergehenden Opernveröffentlichen des polnischen Labels das Poznań Philharmonic Orchestra, es singen der Poznań Chamber Choir und eine Riege größtenteils junger Solistinnen und Solisten. Große Namen, die den Käufer locken könnten, sind nicht dabei – man muss schon gezielt Interesse für den ‚Kashchey‘ aufbringen.

Hat man das getan, so vertieft man sich ins Beiheft und muss sich, sofern man des Polnischen nicht mächtig ist, leider mit einem kurzen englischen Kommentar und einer Inhaltsangabe zufriedengeben. Das löblicherweise komplett abgedruckte Libretto ist nur auf Russisch und Polnisch zu verfolgen. Erst die recht ausführlichen Künstlerbiografien sind wieder in englischer Übersetzung vorhanden. So ist es nun einmal, da muss man sich die wichtigen Informationen und den gesungenen Text aus anderen Quellen besorgen. Das ist möglich, aber umständlich, zumal die attraktiv gestalteten Dux-Veröffentlichungen den Eindruck qualitativ überzeugender Redaktionsarbeit vermitteln und offenbar auch eine Hörerschaft außerhalb Polens erreichen wollen.

Das Hörerlebnis versöhnt im Großen und Ganzen mit dem Raritäten-‚Blindflug‘. Borowicz wühlt die dunklen Farben von Rimsky-Korsakovs Partitur lustvoll auf und hat ein untrügliches Gespür für Theatralik und Architektur. Auch der bestens disponierte Chor trägt zur atmosphärischen Dichte dieser herbstlich düsteren Oper bei. Der Schneesturm im Übergang zum zweiten Bild und das symbolträchtige Finale haben in Borowiczs Lesart unbändige Energie und Imaginationskraft.

Solide Leistungen

Auf der vokalen Seite gibt es allesamt solide Leistungen zu hören, Ausfälle sind mitnichten zu verzeichnen. Savva Khastaev ist mit seinem frischen heldisch angehauchten Tenor ein letztlich viel zu junger Kashchey, der seiner Partie eher den Anstrich des feurigen Liebhabers gibt. Es ist ohnehin überraschend, dass Rimsky-Korsakov dem Tenor den alten Bösewicht vermacht und für den strahlenden Prinzen einen Bariton vorsieht. Diesen gibt Yaroslav Petryanik mit großzügig eingesetztem Vibrato und edlem, kernigem Timbre. Der Bassist Mikail Kolelishvili als Windgeist klingt wesentlich älter als er ist, füllt seine übernatürliche Boten-Rolle aber mit Charakter und vokaler Gestik.

In der Geschichte vom bösen Zauberer Kashchey, der seinen Tod in die Tränen seiner mitleidlosen Tochter bannt, und durch ihre finale Rührung bei der Erkenntnis treuer Liebe sein Ende findet, gibt es in Rimsky-Korsakovs Variante vor allem eine Figur, die über die Märchenschablone hinausgeht: Kashcheyevna, die Tochter Kashcheys. Sie wandelt sich von der hartherzigen Verführerin in ein mitfühlendes Wesen und findet als Trauerweide ihre neue Lebensform. Diese Entwicklung zeichnet Irina Shishkova eindrücklich nach. Samtene Mezzofluten und orgelnde Tiefen stehen ihr dabei ebenso zu Gebote wie zarte Piani und neblige Pastelltöne. Ihr stimmlich dicht auf den Fersen ist die Tsarevna von Antonina Vesenina mit mädchenhaftem wie beseeltem Ton. Der Tsarevna fällt ein ordentlicher Teil der wenigen melodischen Passagen zu, die Vesenina entsprechend effektvoll auszukosten weiß.

Die gelungene Einspielung von Rimsky-Korsakovs spätem Einakter macht Lust auf mehr Entdeckungen dieser Art. Und vielleicht dient sie als Anregung, die übersichtliche Diskografie des ‚Kashchey‘ mit zeitgemäßen Besetzungscoups auch zeitnah zu erweitern.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Kashchey the immortal: Poznan Philharmonic Orchestra, Lukasz Borowicz

Label:
Anzahl Medien:
DUX
1
Medium:
EAN:

CD
5902547014852


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Rimsky-Korsakow, Nikolai


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DUX

Das polnische Label DUX wurde 1992 von Malgorzata Polanska und Lech Tolwinski, beides Absolventen der Toningenieur-Fakultät der Frédéric Chopin Musikakademie in Warschau, gegründet. Hauptanliegen war die Produktion von Aufnahmen mit klassischer Musik, wobei man von Anfang an höchste Ansprüche an künstlerische und technische Standards stellte.Viele Aufnahmen von Dux erlangten sowohl in Polen als auch im Ausland breites Interesse bei Publikum und Kritik, die sich in zahlreichen Preisen und Auszeichnungen widerspiegelt.

Ein Schwerpunkt des Labels ist natürlich das reiche musikalische Erbe Polens, das weitaus mehr umfasst als Chopin oder Penderecki. Im Katalog finden sich daher neben bekannteren Namen wie Wieniawski, Szymanowski oder Lutoslawski auch zahlreiche hierzulande bislang weniger bekannte oder völlig unbekannte Komponisten von der Renaissance bis zur Gegenwart, wie Ignaz Jan Paderewski, der Klaviervirtuose und spätere Premier- und Außenminister der Zweiten Polnischen Republik oder Stanislaw Moniuszko, ein Zeitgenosse Verdis und Schöpfer der polnischen Nationaloper. Aber auch zahlreiche polnische Künstler, Ensembles und Orchester gilt es bei DUX zu entdecken, darunter international renommierte Namen wie beispielsweise die gefeierte Altistin Ewa Podles.


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