> > > Pablo Picasso at Pompeii | Parade & Pulcinella : Teatro dell'opera di Roma
Freitag, 28. Januar 2022

Pablo Picasso at Pompeii | Parade & Pulcinella - Teatro dell'opera di Roma

Mit Musik von der falschen Konserve


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Choreografisch spannende, musikalisch hochproblematisch Ballettproduktionen von 1917 und 1920 rekonstruiert.

Im Februar und März 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, reisten Jean Cocteau und Pablo Picasso nach Neapel und besuchten auch die Ruinenstadt Pompeji. Nachdem bereits 2007 die Römische Oper die Choreografie von Erik Saties 'Parade' rekonstruiert hatte, erfolgten als Doppelprogramm zusammen mit Igor Stravinskys 'Pulcinella' 2017, zum Jubiläum von Picassos und Cocteaus Reise, weitere Aufführungen im großen Theater in Pompeji. Saties Ballett war zur Zeit der Entstehung von Cocteaus Szenario und Picassos Ausstattung also zu einigen Teilen bereits fertig, und die Premiere im Mai 1917 im Pariser Théâtre du Chatelet geriet zu einem Skandal. Das lag weniger an Cocteaus teilweise ausgesprochen skurrilen Libretto (nebst einer Szene ohne Musik für ein durch zwei Tänzer darzustellendes Pferd) als vielmehr durch die außermusikalischen Effekte, die er anregte, das Bouteillophone (Flaschenspiel), 'tönende Pfützen', Lotterierad, Schreibmaschine, Nebelhorn, elektrische Klingel, Revolverschüsse sowie zwei Sirenen, aber auch an Picassos 'kubistischer' Ausstattung. Zwei (ursprünglich drei) überlebensgroße 'Pappkameraden' aus Wellpappe und Recyclingmaterial strukturieren die suitenartige Handlung, auch das Pferd ist eckig in Gestalt, und die szenische Ausstattung passt sich diesen 'Eckpunkten' an - während ein chinesischer Zauberer, ein amerikanisches Mädchen und ein Akrobatenpaar das Publikumsinteresse zu erwecken suchen. Mit dem Bühnenvorhang schuf Picasso sein größtes Kunstwerk überhaupt (17,2x10,6 m), und die spektakuläre Ausstattung ist in der Tat auch heute noch eine Augenweide.

1920 wurde Igor Stravinskys 'neapolitanisches' Ballett 'Pulcinella' uraufgeführt; diesmal verfasste Choreograf Léonide Massine das Libretto, mit der (weit traditioneller angelegten) Ausstattung Picassos ist aber auch dies Werk ein charmantes Farbenspektakel. Stravinsky verfremdet Musik der italienischen Barockmusik (er selbst berief sich vornehmlich auf Pergolesi, mystifizierte aber sowohl seine Quellen als auch seine Bearbeitungstechniken.

Musikalisch enttäuschend

Die Sorgfalt, mit der Lorca Massine, Léonides Sohn und Erbe, die Choreografien rekonstruiert hat, ist beeindruckend, und zusammen mit der Pariser Primaballerina Eleonora Abbagnato, die hier die Regie übernimmt, ist das visuelle Erlebnis von herausragender Qualität - wenn auch die Wahl des Veranstaltungsortes etwas beliebig scheint. Umso mehr enttäuscht die musikalische Seite der Produktion, und dies gleich in mehrfacher Hinsicht. Auf Live-Musik wird vollständig verzichtet, vielmehr werden Klangkonserven herangezogen, deren eine, jene zu 'Pulcinella', sich leicht identifizieren lässt: hier handelt es sich wohl relativ eindeutig um die 1978 entstandene vorzügliche Londoner DG-Studioproduktion unter der Leitung Claudio Abbados, mit dem London Symphony Orchestra und den Vokalsolisten Teresa Berganza, Ryland Dvies und John Shirley-Quirk. Zentrales Manko dieser Wahl ist, dass Abbado die revidierte Fassung der Partitur von 1947 eingespielt hat - die Originalfassung von 1917 erklingt also nicht. Auch bei 'Parade' ist eine unglückliche Wahl der Klangkonserve getroffen worden - ich konnte sie zwar nicht identifizieren, aber es fällt auf, dass einige außermusikalische Effekte in der Produktion fehlen. Dass aber die Klangaufnahmen bei den Credits keine Erwähnung finden, bedeutet zusätzlich ein schweres Manko.

Das klangliche Erlebnis (nur 2.0 PCM Stereo-Klang) ist insgesamt etwas matt und einer Bluray wahrlich nicht angemessen. Informations- oder Bonusmaterial fehlt gänzlich - auch ein Booklet sucht man vergebens. So bleiben die vollmundigen Ankündigungen der vorliegenden Produktionen gerade in musikalischer Hinsicht mehr als unerfüllt. Auch die Bildregie ist (trotz der Nutzung von insgesamt sechs Kameras) nicht rundum gelungen - immer wieder sind die Nahaufnahmen nicht exakt fokussiert und nicht selten auch etwas missglückt im Bildausschnitt. Dass die Produktion dennoch wenigstens ein bisschen Vergnügen macht, ist ausnahmslos in der sorgfältigen und liebevollen Rekonstruktion der beiden Choreografien begründet. Mehr Sorgfalt aber gerade mit Blick auf die musikalische Seite hätte man erwarten dürfen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Pablo Picasso at Pompeii | Parade & Pulcinella : Teatro dell'opera di Roma

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Arthaus Musik
1
20.08.2021
63
2018

EAN:
BestellNr.:


4058407094401
109440


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Satie, Erik
Strawinsky, Igor


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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