> > > Gabrieli: Motets, Psalms & Organ Works: Weser-Renaissance Bremen, Manfred Cordes
Sonntag, 24. Oktober 2021

Gabrieli: Motets, Psalms & Organ Works - Weser-Renaissance Bremen, Manfred Cordes

Mehr als nur der Onkel


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Andrea Gabrieli als bedeutender schöpferischer Musiker an einem neuralgischen Ort der Musikgeschichte in hochinteressanter Zeit. Manfred Cordes und Weser-Renaissance Bremen setzen mit dieser Platte ein echtes Ausrufezeichen.

Andrea Gabrieli (1533-1585) mit einem kompletten Programm nur eigener Werke gewürdigt zu sehen, kommt in der Diskografie gar nicht so häufig vor – eher wird man seine Musik als Teil einer zeittypischen Reihung und Kollegenschaft finden. Insofern bedeutet die aktuelle Platte des Ensembles Weser-Renaissance Bremen unter der Leitung von Manfred Cordes schon ein rareres Glück: Die eingesungenen und -gespielten Motetten und Orgelwerke zeigen Gabrieli als stupenden Meister seiner Zeit, als Souverän auf großer Höhe. Er beherrschte Formen und Ästhetiken, gleich ob arriviert oder im Entstehen begriffen, er prägte Musik an den Grenzen heraufziehender spezifischer Instrumentalität mit aus, war sattelfest in Sätzen der Kontemplation und Einkehr wie der Repräsentation und äußeren Wirkung. Heute scheint Andrea im Schatten der Wahrnehmung seines berühmteren Neffen Giovanni zu stehen, ist auch dank des Ruhms, den Heinrich Schütz zugunsten des Letzteren in Deutschland gemehrt hat, eher nur ‚der Onkel von Giovanni‘ als eine Größe eigenen Rangs. Dabei verdankt er viel von seiner heutigen Wahrnehmbarkeit eben jenem Neffen, der etliche Werke des Onkels posthum in Druck gab und so einen wesentlichen Teil des Nachruhms sichern half.

Im außerordentlich lesenswerten Essay von Veronika Greuel wird nicht nur die Geschichte Venedigs in ihren Grundlinien nachgezeichnet und damit mehr als ein Hinweis gegeben, wie diese Stadt zu ihrer Größe und zu ihrem Selbstverständnis kam – es wird auch die Situation an San Marco zu Zeiten Andrea Gabrielis plastisch erfahrbar, wie er mit dem Kapellmeister Gioseffo Zarlino und seinem Organistenkollegen Claudio Merulo – beide bis heute als eigenständige musikalische Größen in Theorie und Praxis vertraut – in den Kontext eines enormen musikalischen ‚Kraftwerks‘ eingebettet war und gleichzeitig bis heute einen eminenten Rang behauptet hat.

Famose Ensembleleistung

Manfred Cordes hat Motetten und Messsätze ausgewählt, die der Vielfalt im Schaffen Gabrielis entsprechen, lässt dazu auch in Canzonen, Ricercaren oder Toccaten den Organisten Gabrieli Kontur gewinnen. Im Vokalensemble ist mit Marie-Luise Werneburg und Mark Williams (Diskant), Marnix de Cat (Altus), Bernd Oliver Fröhlich, Christian Volkmann und Jan van Elsacker (Tenor) sowie Dominik Wörner (Bass) höchstrangige Qualität für dieses Repertoire versammelt, bekannt und vertraut aus vielen anderen Ensembles und Kontexten. Gemeinsam lösen sie die Verantwortung für heikle Linien und deren perfekte Eingliederung in einen oft weit aufgefächerten Gesamtklang glücklich ein, überzeugen mit klarer Zeichnung und je typischen Registereigenschaften rundum. Instrumental wird das mehr als nur begleitet von Veronika Skuplik (Violine), Gebhard David (Zink), Juan Martinez, Christine Brand und Tural Ismaylov (Posaune), Eva-Maria Horn (Dulzian), Thomas Ihlenfeldt (Chitarrone) und Detlef Bratschke (Orgelcontinuo): Diese Besetzung ermöglicht in etlichen Varianten ein Musizieren, das von reicher Farbigkeit und charakteristischer Zeichnung geprägt ist. Die Instrumente sind weniger solistisch wirksam – am ehesten noch in manch diminutivem Moment – als vielmehr im Verbund der vokal-instrumentalen Pracht. Da wird beherzt die erhebliche vertikale Dimension der Musik betont, die Delikatesse im Linearen nicht vernachlässigend.

Die Tempi fließen angesichts der Dichte des Satzes und ausgeprägter Architektonik im zutreffenden Maß, nie übertrieben drängend. Das Zusammenspiel aller Kräfte entfaltet dynamische Wirkungen von klar strukturierter Kraft und Stärke, mit einer stets differenzierten Basis und luzidem Kern. Intonatorisch ist kein einziger Moment der Trübung zu verzeichnen, ist diese Dimension im Gegenteil als absolut beglückend anzusprechen, frei ausschwingend, instrumental und vokal gleichermaßen ideal. Das Klangbild gerät klar und gut proportioniert, in überzeugender Balance, die Vokalstimmen kommen auch in großer Besetzung angemessen zur Geltung.

Fabelhaft klangkräftig

Es fehlen Anmerkungen zur Orgel: Es handelt sich um eine einmanualige Prozessionsorgel, nach norditalienischen Vorbildern von Giovanni Pradella gebaut, mit nur sechs Registern und angehängtem Pedal auf den ersten Blick nicht gerade üppig dimensioniert: Und doch erreicht Edoardo Bellotti fabelhaft klangkräftige Wirkungen, wird das gleichfalls sehr überzeugend abgebildete Instrument zu einem im Grunde idealen Medium zur Explikation dieser Musik, getragen von einer spezifischen Virtuosität.

Andrea Gabrieli ist sehr viel mehr als nur der Onkel von Giovanni: Ein bedeutender schöpferischer Musiker an einem neuralgischen Ort der Musikgeschichte in hochinteressanter Zeit. Manfred Cordes und Weser-Renaissance Bremen setzen mit dieser Platte ein echtes Ausrufezeichen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Gabrieli: Motets, Psalms & Organ Works: Weser-Renaissance Bremen, Manfred Cordes

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203529124


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Gabrieli, Andrea
 - Deus miseredur nostri -
 - Toccata primi toni -
 - Kyrie eleison -
 - Recercare arioso -
 - Egredimini -
 - O gloriosa Domina -
 - Sancta Maria -
 - Ave regina -
 - Ricerare -
 - Jubilate deo -
 - Sanctus -
 - Canzon Ariosa -
 - Domine, ne in furore tuo -
 - Deus, qui beatum Marcum -
 - Exultate iusti -
 - Angelus ad pastores -
 - Angelus ad pastores -
 - Domine Deus meus -
 - Benedictum Dominum -


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Dirigent(en):Cordes, Manfred


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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