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Donnerstag, 28. Oktober 2021

G.F.Händel: Organ Concertos op. 4 & op. 7 - Martin Haselböck, Jeremy Joseph, Orchester Wiener Akademie

Zwischen Historizität und Modernität


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Händels Orgelkonzerte erklingen in schlanker Orchesterversion und auf großer Orgel – ein auf CD gebrannter Anachronimus, jedoch durchaus hörenswert.

An Aufnahmen der Orgelkonzerte Händels herrscht nun wahrlich kein Mangel. Die vorliegende Aufnahme muss also Merkmale besitzen, die ihr Erscheinen sinnvoll erscheinen lassen. Diese Merkmale gibt es, es sind deren zwei: Zum einen musizieren Martin Haselböck und sein Schüler Jeremy Joseph in einem der traditionsreichsten Säle der musikalischen Welt, nämlich dem des Wiener Musikvereins. Zum anderen, damit unmittelbar zusammenhängend, werden die Partien für Orgel auf der dort befindlichen großen Rieger-Orgel gespielt. Bei aller Sorgfalt des Orchesters Wiener Akademie, eine historisch informierte Aufführungspraxis zu bewerkstelligen, liegt hier doch ein Verstoß dagegen vor. Händel komponierte seine Konzerte als Zwischenspiele für Oratorien und spielte eine kleine Kammerorgel, meistens ohne Pedal und mit wenigen Registern. So changiert diese Aufnahme zwischen Historizität und Modernität, zumindest was die Instrumente betrifft. Der Hintergrund dafür dürfte sein, dass das Orchester Wiener Akademie alljährlich einen Zyklus Alter Musik im Wiener Musikvereinssaal veranstaltet und in diesem Rahmen wohl auch die Orgelkonzerte Händels aufgeführt werden. Haselböck nimmt diese neue Rolle der Orgel wahr und lässt verschiedene Registrierungen hören, die in der historischen Situation nicht zu finden sind.

Das Orchester spielt die Konzerte untadelig, mit Frische und Eleganz. Ein Einwand betrifft jedoch die Phasierungen vor allem der schnellen Sätze. So abgehackt, so preußisch-militärisch hat der Komponist das sicher nicht gedacht. Jedoch beweisen die Vergleichsaufnahmen, dass die Schärfe auch von anderen Organisten gepflegt wird. Haben wir es hier mit einer unbewussten Aufführungstradition zu tun? Ob man Simon Preston, Ton Koopman oder Richard Egarr hört, in jeder Aufnahme ist bei den schnellen Sätzen oft ein zu prononciertes Staccato zu hören.

Gleißendes Feuerwerk

Ein Prüfstein für die Bewertung der Aufnahme ist der bedeutende Eingangssatz zum Konzert Opus 7 Nr. 4. Hier erreicht Händel eine für seine Zeit außerordentliche Tiefe der Empfindung. Am überzeugendsten sind Simon Preston und Richard Egarr. Es ist ein mitreißender Sog, in dem sich der Hörer befindet. Wie erfrischendes Quellwasser wirkt das anschließende 'Allegro'. Der dritte Satz ist zur Improvisation freigegeben. Sie half den Ruhm des Komponisten und Organisten so zu verbreiten, dass das Publikum von der Oper hin zu den Oratorien gezogen wurde. Jeremy Joseph bietet eine Chaconne mit einem absteigenden Bass, auf dem sich Figuren tummeln, die durchaus der Barockzeit entsprechen. Egarrs Version könnte direkt von Händel stammen – mit Ausnahme der ersten beiden Akkorde, die sehr dissonant klingen. Koopman entzündet ein gleißendes Feuerwerk von Figuren und Klängen, die dem Stylus phantasticus nahekommen. Das ist spannend und durchaus nicht unzeitgemäß. Er lässt das Orchester anschließend noch einmal das Thema des ersten Satzes aufnehmen.

Die anderen Sätze enthalten im Wesentlichen Vergleichbares. Zu vermerken ist noch, dass in der Version von Simo Preston das Konzert op. 4/6 als Harfenkonzert von Ursula Holliger gespielt wird. Die Aufnahme mit Haselböck und Joseph ist nach alledem durchaus hörenswert. Ihre Crux ist, dass es Vergleichsaufnahmen gibt, die bei ziemlich ähnlicher Musikalität in Einzelheiten der hier vorliegenden Aufnahme überlegen sind. Nachzutragen ist, dass die Vitae der Ausübenden im Booklet in schwer lesbaren Großbuchstaben gehalten sind. Ein Porträt der Orgel wäre wünschenswert gewesen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    G.F.Händel: Organ Concertos op. 4 & op. 7: Martin Haselböck, Jeremy Joseph, Orchester Wiener Akademie

Label:
Anzahl Medien:
Alpha Classics
2
Medium:
EAN:

CD
3760014197420


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Händel, Georg Friedrich


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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