> > > Telemann: Liebe, was ist schöner als die Liebe: Julia Kirchner, Georg Poplutz, La Stagione Frankfurt, Michael Schneider
Mittwoch, 7. Dezember 2022

Telemann: Liebe, was ist schöner als die Liebe - Julia Kirchner, Georg Poplutz, La Stagione Frankfurt, Michael Schneider

Telemann und die Liebe


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


La Stagione Frankfurt nimmt mit Julia Kirchner und Georg Poplutz Telemanns Hochzeits-Serenata auf.

CPO und Deutschlandfunk Kultur springen auf, auf den Telemann-Zug, der gerade anrollt: Mit der neuen CD unter dem Motto „Liebe, was ist schöner als die Liebe“ (Serenata) sowie den Kantaten „Lieben will ich“ und „Der Weiberorden“ gibt es eine reine Telemann-Platte. Das ist rundum gut gemacht, steht doch auch das seit über drei Dekaden erfolgreich musizierende Ensemble „La Stagione Frankfurt“ unter der bewährten Leitung von dessen Gründer, Prof. Michael Schneider (*1953; ARD-Preisträger im Fach Blockflöte 1978; Telemann-Preisträger der Stadt Magdeburg 2000), unter einem absolut soliden Ruf. Zum Jahresausklang besinnen die Hörer sich ja sowieso gern auf Häuslichkeit am Herd und Zweisamkeit: kurz gesagt Wärme und Liebe. Und da kommt die Neuproduktion gerade recht. Auch schippert G. Ph. Telemann derzeit mächtig im Trend: Den altbackenen Charme des „getreuen Music-Meisters“ hat der Altmeister längst abgestreift. Spitzenensembles wie das Freiburger Barockorchester, Ton Koopmans Amsterdam Baroque Orchestra, die Hannoversche Hofkapelle oder auch formidable Kammermusikformationen der Bamberger Symphoniker wie beispielsweise „Fatto A Mano“ widmen sich mit abendfüllenden Programmen dem lange unterschätzen gebürtigen Magdeburger Diakon-Sohn Telemann, der nach seinem begonnenen Jura-Studium in Leipzig – unterwegs in Halle schloss er noch rasch Freundschaft mit dem seinerzeit 15-jährigen Georg Friedrich Händel – eine erstaunliche Musiker-Karriere hinlegte. Sein Weg führte ihn über Sorau, Eisenach, Frankfurt/M. schließlich nach Hamburg (ab 1721), wo er als „oberster Musikdirektor der fünf Hauptkirchen“ sowie als Operndirektor der „Oper am Gänsemarkt“ zum erfolgreichsten Komponisten seiner Zeit avancierte.

Eine gute Dreiviertelstunde nimmt die Hochzeits-Serenata für Sopran (Julia Kirchner), Tenor (Georg Poplutz), Oboe, Streicher und Basso Continuo TVWV 11:26 mit ihren 28 Nummern ein. Sie ist ein beredtes Zeugnis von Telemanns blühender Komponier-Fantasie, obwohl seine beiden eigenen Ehen eher nüchtern ausfielen: Seine erste Frau Louise (geb. Eberlin) stirbt 1711 nach der Geburt des ersten Kindes. Seine zweite Ehe mit der Frankfurter Patriziertochter Maria Catharina Textor wurde nach zwei Jahrzehnten geschieden, weil sie nicht nur finanziell einen zu ausschweifenden Lebensstil pflegte. Trotzdem war Telemann als Komponist von Hochzeitsmusiken höchst nachgefragt. Das wir heute diese Hochzeits-Serenata noch hören können, grenzt nahezu an ein Wunder, denn – wie Eric F. Fiedler in seinem vorzüglichen Booklet-Text schreibt - „die in der Regel nur einmal aufgeführten Werke wurden dann der Vergessenheit anheimgestellt“. Sie ist wohl eine der 20 „starcken Dramata“, die der Komponist in seinen Frankfurter Jahren dichtete und komponierte, wie er selbst in seiner 1718er Autobiographie erklärte.

Leichtfüßiger als Bach

Stark ist schon die nahezu weihnachtlich anmutende „Ouvertüre“ zu diesem Drama: galant im Stil, dazu gepflegt in Instrumentierung und Ausführung, auch leichtfüßiger geschrieben als es ein J.S. Bach tat, fast so wie bei Corelli. Julia Kirchner singt die erste, namensgebende Arie „Liebe, was ist schöner als die Liebe“ nicht ganz makellos (etwas rau in der Stimme und intonationsmäßig manchmal leicht instabil), aber dennoch solide. Leider ist auch ihr Vibrato oft eine Spur zu massiv für eine „Hirtenmusik-Partie“. Eine Nummer besser ist da der Gesang ihres Gegenüber Crito (Georg Poplutz) einzuordnen, der einen weichen, „Evangelisten-Tenor“ sein eigen nennt und mit höchster Textklarheit glänzt. Musikalisch ist das Drama raffiniert mit Taktwechseln und verschiedenen Affekten gestaltet. Auch philosophisch hat der Text seinen reichen Inhalt: „Ist das nicht fein, sein eigener Herr zu sein?“ heisst es da, womit die Zweisamkeit zumindest vordergründig in Zweifel gezogen wird. Critos Arie: „Die Freiheit ist mein Schatz“ legt dann noch einmal kräftig nach. Nach heftigem Hin und Her gibt es noch die Frage, ob Crito lieber eine „Kluge oder Tumme“ Gefährtin wählen soll? Leider ist im Textbuch des Booklet die Zählung ab der Nr. 14 durcheinander geraten (CD-Track-Nummern weichen von der Zählung im Werk ab!), während textlich/musikalisch köstlicher Humor waltet. Ametas Arie „Beleidigte Schönen“ hätte deshalb stimmlich etwas mehr Furor verdient. Versöhnlich ist die abschließende Duett-Arie der beiden Protagonisten, die sehr die barocke Lebensauffassung von Lieben, Scherzen, Küssen verinnerlicht und dazu noch ein harmonisch rasantes Stück darstellt.

Auch die beiden angehängten kürzeren Solokantaten geben schlaglichtartig den Blick frei auf Telemanns Sicht auf die „Unwägbarkeiten bei der Liebe“. Bei der Tenor-Solokantate „Lieben will ich“ TVWV 20:21 handelt es sich um die Nr. 5 eines 1731 im Zyklus von sechs weltlichen Kantaten veröffentlichten Opus. In schöner, selbst-reflektierender Manier – wunderbar accompagniert von La Stagione Frankfurt – führt Georg Poplutz durch die Untiefen der Liebe, was sich an teils ausschweifendem-rezitativischem Stil festmachen lässt. Das gefällt. Hier gewinnt der Sänger noch einmal an Profil, auch weil sein ausgewogenes klangliches Timbre und sein mutiges Zupacken hier bestechen.

Die abschließende Kantate „Der Weiberorden“ TVWV 20:49 für Sopran, Streicher und Basso Continuo nimmt den Hörer hinein in die Vorfreude einer Braut auf das künftige Eheleben. Auch bekommt der Hörer ein komplettes „Strophen-Schlaflied“ (angelehnt an die Harmonik von Pachelbels Kanon!) für etwaigen Nachwuchs gereicht, obwohl die dort kolportierte Erziehungs-Pädagogik: „“Schlaf, mein liebes Söhnelein! Du darfst nicht so abscheulich schrei'n, sonst nenn' ich dich ein kleines Schwein, und schlage mit der Ruten drein“, heute sicher nicht mehr zur Nachahmung empfohlen ist. Julia Kirchner hält sich aber wacker und verteidigt die kühnen Textbilder, dass die „Küsse schmecken wie Speck und Sauerkraut, wonach man alle Finger leckt.“ Auf jeden Fall ist die Kantate eine passable Werbung für den Ehestand und nimmt sich ungeheuer kurzweilig aus.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Telemann: Liebe, was ist schöner als die Liebe: Julia Kirchner, Georg Poplutz, La Stagione Frankfurt, Michael Schneider

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203530021


Cover vergössern

Telemann, Georg Philipp
 - Liebe, was ist schöner als die Liebe -
 - Liebe, was ist schöner als die Liebe -
 - Liebe, was ist schöner als die Liebe -
 - Liebe, was ist schöner als die Liebe -
 - Liebe, was ist schöner als die Liebe -
 - Liebe, was ist schöner als die Liebe -
 - Liebe, was ist schöner als die Liebe -
 - Liebe, was ist schöner als die Liebe -
 - Liebe, was ist schöner als die Liebe -
 - Liebe, was ist schöner als die Liebe -
 - Liebe, was ist schöner als die Liebe -
 - Liebe, was ist schöner als die Liebe -
 - Liebe, was ist schöner als die Liebe -
 - Liebe, was ist schöner als die Liebe -
 - Liebe, was ist schöner als die Liebe -
 - Liebe, was ist schöner als die Liebe -
 - Liebe, was ist schöner als die Liebe -
 - Liebe, was ist schöner als die Liebe -


Cover vergössern

Dirigent(en):Schneider, Michael
Orchester/Ensemble:La Stagione Frankfurt
Interpret(en):Poplutz, Georg
Kirchner, Julia


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Manuel Stangorra:

blättern

Alle Kritiken von Manuel Stangorra...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Authentischer Grenzgänger: Alois Mühlbacher überrascht – wieder einmal – mit für ihn ungewöhnlichem Repertoire. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Forsch und erfrischt: Eine frische, zupackende Telemann-Lesart durch das polnische Altberg Ensemble und seinen Leiter Peter Van Heyghen. Das Programm zeigt einen schönen Ausschnitt der stilistischen Elastizität und Wendigkeit des Komponisten. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Detailverliebt: Alina Ibragimovas Einspielung der Capricci op. 1 von Paganini zeichnet sich nicht durch die Herausarbeitung des großen Bogens aus. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (2/2022) herunterladen (2500 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (11/2022) herunterladen (2700 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Wolfgang Amadeus Mozart: Sonata in D major KV 381 - Allegro molto

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich