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Sonntag, 5. Dezember 2021

Triptychon - Iveta Apkalna, Orgel

Außergewöhnliches Porträt einer außergewöhnlichen Orgel


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Iveta Apkalna offeriert in ihrem Triptychon drei Epochen der Orgelmusik, virtuos und einprägsam dargestellt, aber nicht immer auf gleichem Niveau.

Die vorliegende CD ist bemerkenswert durch etliche Besonderheiten. Sie wurde eingespielt auf der Orgel in der Konzertkirche zu Neubrandenburg – es finden dort keine Gottesdienste mehr statt, sondern in der alten backsteingotischen Hülle befindet sich nun ein Konzertsaal. Die mit vier Manualen und Pedal ausgesprochen große Orgel wurde in ihrer Gänze gestiftet von einem privaten Millionär. Sie wurde von zwei Orgelbaufirmen erstellt, von Klais in Bonn und Schuke in Berlin – beides klangvolle Namen.

Auch die Gestaltung des Albums ist in manchem ungewöhnlich. Es handelt sich um drei CDs, die so verpackt sind, dass die aufgeklappte Hülle etwa 75 cm lang ist und fast meinen gesamten Schreibtisch einnimmt. Es finden sich im Innern nicht nur die CDs, sondern natürlich das ausgezeichnete Booklet mit stimmungsvollen Fotos sowie ein ausklappbares Poster mit einem Foto der Orgel, auf dessen Rückseite Schnitte durch die Orgel und ein Grundriss des Hauptwerks abgebildet sind. Besser kann man eine Orgel kaum präsentieren. Es könnte nur noch getoppt werden durch die Angabe der Registrierungen in den einzelnen Werken.

Bewegt und bewegend

Iveta Apkalna, die Organistin dieser CD, war an der Entstehung dieser Orgel maßgeblich beteiligt. Wer sonst könnte die Vielfalt der Klänge besser darstellen! Das Album mit dem Titel 'Triptychon' enthält drei Komponisten aus drei verschiedenen Epochen. Die Musik der Gegenwart wird repräsentiert durch drei Werke des lettischen Komponisten Peteris Vasks. Zwei davon sind einfach gehalten, für einen fortgeschrittenen Orgelschüler zu bewältigen und in ihrer Tonsprache eher konventionell; Arvo Pärt ist nicht weit entfernt. Über die kompositorische Qualität sagt das natürlich noch gar nichts aus; es sind Stücke, die zur Meditation anregen. Das dritte Stück hingegen, 'Musica seria' überrascht mit geradezu schreienden Dissonanzen, die Unterdrückung Lettlands durch die Sowjets beklagend. Hier gelingen der Organistin bewegte und bewegende Klänge, vom veritablem Orgelgewitter bis hin zum leise verhauchenden Ausklang.

In der Mitte des Triptychons, wie könnte es anders sein, steht Johann Sebastian Bach. Toccata, Adagio und Fuge BWV 564 eröffnen den Reigen, gut und lebendig gespielt von der Organistin. Nur ist hier leider der Konkurrenzdruck schier unüberwindbar. So ist die Aufnahme von Lorenzo Ghielmi noch ein wenig lebendiger, noch ein wenig spritziger, noch ein wenig anrührender als die vorliegende. Ähnlich verhält es sich mit der Orgelsonate Nr. 3. Die Referenzaufnahme von Ton Koopman zeichnet sich durch eine bessere Unterscheidbarkeit der Manuale aus, hervorgerufen durch unterschiedlich klingende Register. Sein Umgang mit Verzierungen ist souveräner, die Taktschwerpunkte, vor allem im langsamen Satz, sind durch Rubati besser markiert. Vor allem im letzten Satz überwältigt die Spielfreude Koopmans den Hörer schier – daran gemessen muss Iveta Apkalna in die zweite Reihe verwiesen werden. Auch die Schüblerschen Choräle, gut und technisch souverän gemeistert, finden eindrücklichere Darstellungen zum Beispiel von Ewald Kooiman.

Hervorragende Virtuosität

Anders sieht die Sache beim dritten Teil des Triptychons aus. Hier kommt Franz Liszt zum Zuge. Die Aufnahme enthält 'Präludium und Fuge über den Namen BACH', 'Nun danket alle Gott und Fantasie über den Choral ‚Ad nos, ad salutarem undam‘'. Es scheint, als sei hier die eigentliche Welt der Interpretin. Die Virtuosität, mit der sie die Stücke angeht, ist hervorragend, die Dramaturgie der Klänge mehr als überzeugend. An einer Stelle von 'Ad nos' werden im Pedal zwei Varianten vorgeschlagen, eine einfachere und eine schwierigere. Iveta Apkalna wählte die einfachere Version, wobei anzumerken ist, dass die Alternative, tonleiterähnliche Sechzehntelketten, für das Pedal wohl unspielbar ist. Zu 'Ad nos, ad salutarem undam' bleibt anzumerken, dass Liszt hier einem Irrtum aufgesessen ist. Das Thema stammt aus der Oper 'Die Hugenotten' von Giacomo Meyerbeer und hat mit dem gregorianischen Choral nicht das Geringste zu tun. Es empfiehlt sich, das Thema vorher anzuschauen oder besser noch anzuhören; vieles in der komplexen Partitur wird dadurch verständlicher.

Als Fazit bleibt festzuhalten: Die Darstellung der Orgel ist damit gelungen. Abseits von den Mäkeleien bei Bach haben wir es mit künstlerisch hochwertigen Interpretationen zu tun, die dem Titel der Interpretin, ‚Titularorganistin der Elbphilharmonie‘, gerecht wird. Wer die Orgel und die Interpretin kennenlernen möchte, ist mit dieser Aufnahme gut bedient.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Triptychon: Iveta Apkalna, Orgel

Label:
Anzahl Medien:
Berlin Classics
3
Medium:
EAN:

CD
885470020051


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Bach, Johann Sebastian
Liszt, Franz
Vasks, Péteris


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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