> > > J.S.Bach: Goldberg-Variationen: Michel Kiener, Cembalo
Sonntag, 3. Juli 2022

J.S.Bach: Goldberg-Variationen - Michel Kiener, Cembalo

Cembalistische Variationskunst


Label/Verlag: Passacaille
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bachs Goldberg-Variationen: Was man in jedem Takt hören kann, ist Bachs tiefe Inspiration – hier mit Raum zum Atmen und sublimer Virtuosität von Michel Kiener verlebendigt.

An den Forkelschen Anekdoten um die mögliche Entstehung der Goldberg-Variationen BWV 988 mag stimmen, was will: Mit diesem Opus hat Johann Sebastian Bach der Nachwelt einen gewaltigen 30-teiligen Variationenzyklus hinterlassen, hervorgehend aus und gerahmt von einer prächtigen Aria, die mit ihrem Basslauf, der den Variationen das Material gibt, Substanz verleiht und genialische Entfaltung beinahe magisch zu induzieren scheint. Bach wäre – selbstverständlich auch in diesem Werk – nicht er selbst, wenn es nicht konstruktiven und intellektuellen Anspruch gäbe: Die Ordnung ist symmetrisch, jeweils drei Variationsteile gehören zusammen, der dritte immer als Kanon in aufsteigenden Intervallen vom Unisono bis zur None gestaltet. Und wo die Dezime verarbeitet werden müsste, steht in der 30. Variation ein Quodlibet, das die Aria mit zwei thüringischen Gassenhauern verbindet – 'Ich bin so lang nicht bei dir gewest' und 'Kraut und Rüben haben mich vertrieben' verbinden sich mit Bachs Substanz, wobei auch hier das ältere Vorbild der in der älteren Musikgeschichte vielfach verwendeten Bergamasca hindurchscheint: Bach also immer auch unberechenbar und vielfältig inspiriert. Und bei all dem Nachdenken und Konstruieren ist das Besondere doch die rein musikalische Magie, die sich bei Bach verlässlich einstellt – jeder einzelne Satz ist ganz vordergründig auch einfach beseelte Musik.

Sublime Virtuosität

Der Schweizer Cembalist Michel Kiener hat dieses Konvolut jetzt beim belgischen Label Passacaille eingespielt und erweist sich in diesem vielfach technisch fordernden Kosmos manuell als über kleinkarierte Kritik erhaben. In allen Sätzen agiert er souverän und spielfreudig, durchaus virtuos in den Sätzen, die das deutlicher fordern wie die fantastische 14. Variation, die das rhythmisch hochpräzise Spiel notwendig macht, um komplett zur Geltung kommen zu können – aber auch da agiert Kiener immer mit gedanklicher Tiefe und überlegter Disposition seiner gestalterischen Mittel, nie in rauschhaftem Übermut. Eine Interpretation dieses gehaltvollen Materials also, die auf gelassener Könnerschaft und interpretatorischer Geduld gründet.  Die Tempi sind entschieden gewählt und innerhalb der kleinen Dreiereinheiten klug zueinander in Beziehung gesetzt. Insgesamt gerät dieses Tableau dennoch maßvoll und erweist sich deutlich als auf das substanzielle Ausmusizieren hin ausgerichtet. Artikulatorisch setzt Kiener immerfort überlegte Akzente, findet – was in der technischen Untiefe manches Satzes einen besonderen Charme entfaltet – bei aller satzbedingten Kleinteiligkeit zu klingend ausgeformter Linearität.

Michel Kiener spielt das auf einem von William Dowd 1978 realisierten Nachbau eines französischen Cembalos der Familie Blanchet aus dem Jahr 1730: Das Instrument hat einen harmonisch hellen Grundklang, mit präzis konturiertem Diskant, schlanker Mittellage und ebenso sehnigen Tiefen – denen es für manchen Schlusseffekt vielleicht an einem gewissen Maß gerundeter Kraft mangelt. Im an sich informativen und inhaltlich wie gestalterisch inspirierten Booklet fehlen bedauerlicherweise weiterführende Informationen zum Instrument. Das Klangbild ist klar und hochpräzis, sehr direkt und gerade dadurch von einer angemessenen Intimität, die der Interpretation dieses Zyklus sehr zugute kommt. Ob der junge Goldberg dem Grafen Keyserlingk dessen schlaflose Nächte mit dieser fabelhaft qualitätvollen Musik tatsächlich versüßt hat, mag dahinstehen. Was man in jedem Takt hören kann, ist Bachs tiefe Inspiration – hier mit Raum zum Atmen und sublimer Virtuosität von Michel Kiener verlebendigt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    J.S.Bach: Goldberg-Variationen: Michel Kiener, Cembalo

Label:
Anzahl Medien:
Passacaille
2
Medium:
EAN:

CD
5425004841087


Cover vergössern

Bach, Johann Sebastian


Cover vergössern

Passacaille

Das belgische Label PASSACAILLE wurde 1995 gegründet und sollte von Anfang an eine Plattform für hochrangige belgische Künstler der historischen Aufführungspraxis sein. Das Barockorchester il Fondamento mit seinem Leiter Paul Dombrecht und der Hammerklavierspezialist Jan Vermeulen gehörten zu den ersten, die für das Label aufnahmen. Später erweiterte sich der Künstlerkreis um weitere prominente Namen wie Wieland Kuijken oder das Ensemble Octophorus. Bald erhielten die Aufnahme internationale Preise, was als zusätzlicher Anreiz gesehen wurde, sich im künstlerischen Bereich auch internationalen Künstlern und Ensembles zu öffnen. Ab 2000 begann die Zusammenarbeit mit Künstlern aus verschiedenen europäischen und transatlantischen Ländern. 2006 übernahm der belgische Traversflötist und Musikwissenschaftler Jan de Winne das Label und erweiterte den Künstlerkreis des Labels erneut um international renommierte Künstler wie zum Beispiel Graham O'Reillys Ensemble Européen William Byrd und Lorenzo Ghielmis Ensemble La Divina armonia, das hier erst kürzlich eine fulminante Aufnahme von Händels Orgelkonzerte Op.4 vorgelegt hat. Als weitere Neuzugänge seien noch der brasilianische Cembalist Nicolau de Figueiredo, der Cellist Sergei Istomin und der Fortepianist Alexei Lubimov zu nennen. Im Rahmen der Neuorganisation des Labels möchte Jan de Winne den bewährten ursprünglichen Schwerpunkt Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beibehalten, aber auch nach und nach Musik späterer Epochen in das Programm integrieren.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Passacaille:

  • Zur Kritik... Alt-neu konzipiert: Markus Schäfer und Zvi Meniker kehren zu Franz Schuberts ursprünglichen Liedopera-Konzepten zurück. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Meisterlich: Carl Philipp Emanuel Bachs 'Auferstehung und Himmelfahrt Jesu' ist ein Meisterwerk, das die Begegnung unbedingt lohnt. Il Gardellino und der Flämische Radiochor unterstreichen das mit einer frischen und gehaltvollen Interpretation. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Zeitgenössische Cembalomusik mit Witz: Der Präsident eines Cembalo-Wettbewerbs legt eine CD mit eigenen Kompositionen für das Instrument vor, die als gelungen gelten darf. Weiter...
    (Diederich Lüken, )
blättern

Alle Kritiken von Passacaille...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Brahms der späten Jahre: Wach und feingliedrig, strukturklar und klangsensibel: Herbert Blomstedt kennt seinen Brahms und gibt ihm im Zusammenspiel mit dem Gewandhausorchester Leipzig Raum zum Atmen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Mit Ambition: Rudolf Lutz und seine Ensembles der St. Gallener Bach-Stiftung sind hier mit besonderen Schmuckstücken zwischen weltlicher und geistlicher Sphäre zu hören: Inspiriert und in Hochform. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Betrachtungen am Grab: Michael Alexander Willens und die Kölner Akademie reihen sich vernehmlich in die Riege der aktuellen Heinichen-Exegeten ein. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Dem Geiger Ivry Gitlis zum 100. Geburtstag: Ein eigenwilliger Protagonist der Violinwelt, der fast ein ganzes Jahrhundert durchlebte, spielt die großen 'Schlachtrösser' der Violinliteratur. Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
  • Zur Kritik... Alter Mann und 'wilde Hummel': Dieser 'Pimpinone' ist nicht nur stimmlich und instrumental eindrucksvoll besetzt, sondern ist obendrein eine wichtige Ergänzung zur mehr als nur übersichtlichen Diskographie des Werks. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Brahms der späten Jahre: Wach und feingliedrig, strukturklar und klangsensibel: Herbert Blomstedt kennt seinen Brahms und gibt ihm im Zusammenspiel mit dem Gewandhausorchester Leipzig Raum zum Atmen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7-8/2022) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich