> > > Satie, Erik: Piano Music Vol.5
Montag, 26. August 2019

Satie, Erik - Piano Music Vol.5

Klangschöner Satie


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Erik Satie (1866-1925) gehört wohl zu den skurrilsten Gestalten der Musikgeschichte. Die Ansichten über ihn reichen vom gänzlich unbegabten Komponisten bis zum genialen Visionär. Viele seiner Zeitgenossen konnten mit ihm und seinen in der Regel nicht scharf zwischen Salon und Kirche trennenden Werk nichts anfangen, und doch hatte er so große Anziehungskraft auf verschiedene Künstler, dass er später sogar zum Oberhaupt einer Komponistenvereinigung, den berühmten ?Les Six?, gekürt wurde. Angesichts dieser Stellung konnte man Satie seine einflussreiche Rolle in der Musikgeschichte nicht in Abrede stellen, was aber nicht verhinderte, dass der Komponist Satie weiterhin kaum Beachtung fand. John Cage meinte in ihm einen Vorreiter des Minimalismus zu erkennen und hat durch seine Interpretationen Satiescher Werke eine gewisse, in letzter Zeit zunehmend starke Satie-Renaissance ausgelöst, die sich in einer mittlerweile breitgefächerten Satie-Diskographie niederschlägt.

Das Label MDG legt mit dem Pianisten Steffen Schleiermacher eine Gesamteinspielung des Klavierwerks vor. Jüngst erschienen ist die fünfte Folge, die verschiedene kleinere Stücke vereinigt, die aus der Schaffensperiode Saties stammen, nachdem er, immerhin als gestandener Herr, die Schulbank der Schola Cantorum gedrückt hatte, um bei Vincent d?Indy die strengen Formen des Kontrapunkts zu lernen. Direkten Einfluss dürfte dieses Studium auf die ?Douze petits chorals? ausgeübt haben, die neben den um ein erst 1992 in den Skizzenbüchern des Komponisten entdecktes Stück ergänzten ?Six Nocturnes? die Hauptwerke der CD bilden. In Ergänzung zu den Nocturnes finden sich noch die wesensverwandten ?Deux rêveries nocturnes? und die ?Rêverie de l?Enfance de Pantagruel?. Saties grotesker Humor zeigt sich nicht nur in seiner Sympathie für die Figur des Pantagruel, sondern auch in seinen oftmals bizarren Titeln. So finden sich auf der CD noch die ?Préludes Flasques? und die ?Véritables Préludes Flasques?, jeweils für einen Hund geschrieben, ferner die ?Nouvelles pièces froides?, schlaffe Vorspiele und kalte Stücke also. Aufgefüllt wird das Programm durch kleinere Werke, ein ?Prélude en Tapisserie?, eine ?Passacaille?, das scherzhafte Stück ?Les Pantins dansent? und abschließend ein kleines Menuett.

Schleiermacher, als Fachmann für zeitgenössische Musik bekannt, orientiert sich in seinen Interpretationen gern an einer Spielweise, die durchaus Cages Vorstellungen vom Minimalisten Satie entgegen kommt. Er lässt sich in seinen Interpretationen stets die Zeit, die skurrilen Klangverbindungen voll zur Geltung zu bringen. Schleiermacher nimmt die Musik ernst und verfällt nicht darin, wie peinlich berührt über die Klänge hinweg zu huschen. Nebenbei schafft er es so, den oftmals geradezu klotzigen Stücken eine Klangschönheit und Differenzierung der Klangfarbe abzugewinnen, die man kaum für möglich gehalten hätte. Die ?Douze petits chorals? strahlen in Schleiermachers Deutung eine innere Ruhe und Würde aus, die man diesen kantigen, grob behauenen Stücken eines Komponisten, der keinen Respekt vor der traditionellen Trennung geistlicher und weltlicher, ernster und leichter Musik gehabt zu haben schien, kaum zugetraut hätte. In den mal besinnlich und verträumt, dann wieder unheimlich-geheimnisvoll vorgetragenen ?Six Nocturnes? beweist Schleiermacher, dass Satie auch klanglich einiges zu bieten hat. In ihrem betonten Kontrastreichtum erreichen die ?Préludes Flasques?, beispielsweise mit dem aggressiven Gebelle im ?Chanson canine? eine ungeahnte Eindringlichkeit. Auch die kleineren, einzeln stehenden Stücke werden ernst genommen und in abgerundeter Form dargeboten, beispielsweise die kernig vorgetragene ?Passacaille?.

Den Produzenten bei MDG liegt stets eine besonders natürliche Aufnahmequalität am Herzen, und so wird auch in jedem Booklet auf das spezielle Klangideal des Labels verwiesen. Auch bei dieser Aufnahme wird das selbst gesteckte Ziel voll und ganz erreicht. Natürlicher und unverfälschter, dabei klanglich ausgewogener ? sprich: besser ? kann man ein Klavier wohl kaum aufnehmen.
Das mit einem Text aus der Feder des Pianisten versehene Beiheftchen kann durchaus überzeugen, wenn die Erläuterungen zu den einzelnen Werken auch recht knapp ausfallen, immerhin aber in Verbindung mit einigen Bildern einen ganz guten Einstieg bieten. Zum Prinzip dieser Reihe ist es wohl auserkoren worden, auf dem Cover den allem Anschein nach willkürlich gewählten Titel eines der eingespielten Stücke abzubilden. In diesem Fall handelt es sich um ?Les Pantins dansent?, einem Stück, das, da es wohl am deutlichsten aus dem Rahmen der hier eingespielten Stücke fällt, kaum als repräsentativ bezeichnet werden kann. Als positiv und sinnvoll sei noch erwähnt, dass sich sämtliche der zum Teil extrem kurzen Stücke dieser CD einzeln anwählen lassen.

Es würde schon die hervorragende Aufnahmequalität ausreichen, diese Einspielung über den Durchschnitt hinauszuheben, aber da Schleiermachers Interpretationen zudem konsequent einem bestimmten Klangideal folgen und stets eine persönliche Note aufweisen, kann diese Produktion vorbehaltlos empfohlen werden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Satie, Erik: Piano Music Vol.5

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
MDG
1
01.09.2003
64:56
2002
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
0760623106724
MDG 613 1067-2


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Satie, Erik


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Interpret(en):Schleiermacher, Steffen (Piano)


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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