> > > Paul Abraham: Ball at the Savoy: Folks Operetta, Anthony Barrese
Sonntag, 24. Oktober 2021

Paul Abraham: Ball at the Savoy - Folks Operetta, Anthony Barrese

Have a ball!


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In sich ist dieser englischsprachige 'Ball im Savoy' eine äußerst stimmige und Laune machende Angelegenheit.

Die Revueoperetten von Paul Abraham auf die Bühne zu bringen oder ihnen auch ‚nur‘ akustisch gerecht zu werden, ist gar nicht so einfach. Diese besondere Farbe der Kunstform Operette ist nicht so leicht zu treffen: die jazzigen Farben, die wunderbaren Anzüglichkeiten, das Changieren zwischen Sing- und Sprechstimme, das Timing, das Überdrehte, die Tempi – um nur ein paar wenige Punkte zu nennen. Abrahams Dauerbrenner 'Viktoria und ihr Husar' und 'Die Blume von Hawaii' haben in unseren Ohren viel Verfälschung erfahren, man denke nur an die süffig gediegenen Querschnitte mit den ansonsten geschätzten Künstlern Rudolf Schock, Margit Schramm, Heinz Hoppe und Anneliese Rothenberger. Zum Glück werden seit einigen Jahren die Musik Paul Abrahams und der Geist seiner Stücke mit viel Genre-Kenntnis und wiedergefundenem Notenmaterial neu belebt.

Der 1932 uraufgeführte 'Ball im Savoy' hat es bislang noch nicht zu vielfältigen Aufnahme-Ehren gebracht, zumindest fehlen repräsentative Gesamtaufnahmen. Die wenig überzeugende Aufführung beim WDR von 2010 ist nie auf CD erschienen, die wunderbare Produktion der Komischen Oper ein paar Jahre später leider auch nicht. So bleiben letztlich die herrlich abgedrehten Einzelsongs mit der Besetzung der Uraufführung und eine schlimme ZDF-Verfilmung aus den 1970ern. Aber nun legt das Label Naxos nach, und zwar mit einer Studioaufnahme der Chicago Folks Operetta aus dem Jahr 2014, die auf zwei gut gefüllten CDs inklusive der Dialogsequenzen erschienen ist. Einziger Haken – sofern man das so sehen will: die Einspielung ist in englischer Sprache (Übersetzung von Hersh Glagov und Gerald Frantzen). Von den prallen und zweideutigen Texten von Fritz Löhner-Beda und Alfred Grünwald hat man nichts, dafür funktioniert die Übersetzung ins Englische überraschend gut, vor allem in den temporeichen und schnörkellos direkt servierten Dialogen.

Äußerst unterhaltsam

Bei dieser Veröffentlichung muss man sich gleich zu Beginn fragen, welche Maßstäbe in einer Beurteilung anzusetzen sind. Eine Gitta Alpar, eine Rosy Barsony und einen Oscar Dénes wie 1932 gibt es kein zweites Mal und auch die Stilsicherheit und Einzigartigkeit einer Dagmar Manzel darf man hier nicht suchen. In sich ist dieser englische 'Ball im Savoy' aber erfreulich stimmig. Das Orchesterarrangement basiert auf dem Originalmanuskript Abrahams, die für die Folk Operetta notwendige Reduktion stammt vom Dirigenten der Produktion Anthony Barrese. Es swingt, scheppert und walzt, dass es eine Freude ist, da blinzelt Kurt Weill um die Ecke und der Sound Berlins kurz vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten wird mit wirbelnden Füßen und klopfenden Herzen hörbar. Dank des sängerischen Zugriffs sind auch die Klänge Cole Porters oder George Gershwins nicht mehr weit. Die Kenntnis jener Partituren ist bei Barreses Dirigat ebenfalls nicht zu leugnen. Aber das ist kein Nachteil für diesen äußerst unterhaltsamen 'Ball im Savoy'.

Die Geschichte erinnert stark an die 'Fledermaus', nur ist sie noch weiter zugespitzt und mit unendlich vielen dramaturgischen und musik-stilistischen Überraschungen gespickt. Ein absoluter Abräumer der vorliegenden Neuerscheinung ist das Buffo-Paar Daisy und Mustafa Bey. Cynthia Fortune Gruel und Ryan Trent Oldham sind ohrenfällig im Musical zuhause und nutzen diesen Hintergrund für ihre zahlreichen Showeinlagen, jazzigen Duette und mitreißenden Songs. Bei ‚Mister Brown‘ oder ‚Wenn wir Türken küssen‘ hält es einen kaum auf dem Stuhl, ebenso wenig beim ‚Känguru‘-Tanz oder ‚Am Bosporus‘. Oldham und Gruel sind eine singende und effektvolle Charmeoffensive, die schamlos alle Trümpfe ausspielt. Ja, es gibt auch weniger gute Nummern, wie beispielsweise das Duett vom ‚Bummeln Gehen‘, das Oldham nicht wirklich gut in der Stimme liegt und bei dem seine Intonation deutlich leidet, aber das wird durch Energie und eine virtuose Schnellsprechnummer übertüncht.

Viel Humor

Mit der unbequemen Tessitura ihrer Partie kämpft Alison Kelly als Madeleine. Über die flirrende, sexy Stimme der Alpar verfügt sie nicht, sie singt sich eher mit voller Sopranwucht und ordentlichem Vibrato durch die Partitur. Bei den Verzierungen in ‚Toujour l’amour‘ lässt das leider jede Erotik und jeden Zauber vermissen und auch das ‚Es träumt Venezia‘ streift die Schmerzgrenze. Sympathisch wirkt ihre Madeleine dennoch, weil sie fest zu ihrer etwas uneleganten und überdimensionierten Art und Weise steht, Abraham zu gestalten. Die Dialoge gelingen ihr mit viel Humor, ebenso ‚Ich küss genauso gut wie Tangolita‘ und ‚Was hat eine Frau von der Treue?‘ ist ein anrührender Moment. Wenn sie mit Cynthias Fortune Gruel im Duett aufeinandertrifft, lässt sich die Sängerin von der Unbeschwertheit ihrer Partnerin sogar anstecken: ‚Die erste Nacht mit ihm allein‘ ist ein Highlight des ersten Aktes.

Ähnlich schwierig, wenngleich absolut authentisch, ist die Besetzung des Aristide mit Gerald Frantzen. Stimmfrisch kann man seine Darbietung gewiss nicht nennen, aber er entledigt sich der tiefen Tenorpartie mit Charme, einem attraktiven Timbre und gutem Gespür für stilistische Kniffs und Tricks. Leider ist Frantzen kein besonders guter Dialogsprecher – das tönt in tenoraler Künstlichkeit –, aber die Kolleginnen und Kollegen fangen diese Schwäche gekonnt auf.

Während man die vor allem in den Sopranstimmen scheppernden Chorstellen lieber schnell vergisst, kann man sich über die parodistische und verführerisch gurrende Tangolita von Bridget Skaggs freuen, wie auch über den lakonischen Archibald von Kingsley Day und den trocken servierten Pomerol von Ron Watkins. Außerdem gibt’s kurz vor dem zweiten Finale als Schmankerl den ‚Niagara-Fox‘ aus der Filmversion des 'Ball im Savoy' von 1934. Das macht einfach nur Spaß!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Paul Abraham: Ball at the Savoy: Folks Operetta, Anthony Barrese

Label:
Anzahl Medien:
Naxos
1
Medium:
EAN:

CD
730099050371


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Abraham, Paul


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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