> > > Gershwin: Porgy and Bess: The Philadelphia Orchestra, Marin Alsop
Sonntag, 24. Oktober 2021

Gershwin: Porgy and Bess - The Philadelphia Orchestra, Marin Alsop

Eingedampfte Konzert-Highlights


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Marin Alsop befeuert die Kraft und Energie von Gershwins 'Porgy and Bess' mit einer fulminanten Angel Blue in den Sopranpartien. Leider beschränkt sich die SACD auf Highlights.

Es ist schon erstaunlich, wie oft George Gershwins 'Porgy and Bess' in den Bereich des Musicals eingeordnet und dabei vollständig ignoriert wird, dass es sich um eine große amerikanische Oper handelt, die nicht nur aus jazzigen Highlights besteht. Ein Geniestreich wie 'Summertime' entzieht sich dabei nahezu jeder Genrezugehörigkeit und es gibt kaum jemanden, der diese Melodie nicht mitsummen kann. 'Porgy and Bess' ist ein Meisterwerk, daran besteht kein Zweifel – und vielleicht ist die Oper sogar Gershwins bekannteste Schöpfung. Vollständige Aufnahmen sind im Vergleich zu dieser Popularität eher rar, noch immer belegen Rattles Einspielung aus den späten 1980ern und jene von Lorin Maazel aus den 1970ern Referenzplätze.

Da ist es mehr als willkommen, eine Neueinspielung auf dem Tonträgermarkt zu entdecken, und zwar jene beim Label Pentatone auf SACD unter der Leitung von Marin Alsop. Allerdings handelt es sich hier nur um einen Querschnitt durch die Oper – 67 Minuten müssen genügen. Das ist zugegebenermaßen schwierig, weil für die Handlung und die Figurenzeichnung wichtige Szenen zwangsweise fehlen und weil erneut der Eindruck entsteht, 'Porgy and Bess' sei einzig ein Potpourri aus Hits. Sei’s drum: Die vorliegenden Highlights, die im Konzertsaal im März 2020 in Philadelphia live mitgeschnitten wurden, haben viel, an dem man sich freuen kann.

Betörend schön

Allen voran ist die Sopranistin Angel Blue eine erstklassige Besetzung für die Bess, eine Partie, die sie in der Saison 20219/2020 auch an der New Yorker Metropolitan mit sensationellem Erfolg interpretiert hat. Im Rahmen des konzertanten Querschnitt-Konzepts gestaltet Angel Blue auch die Rollen der Serena und der Clara. Somit begeistert sie den Hörer schon eingangs mit dem berühmten 'Summertime', das sie betörend schön und seelenvoll intoniert, ganz entschieden mit ihrem klassisch geschulten Sopran und nicht mit souligen oder jazzigen Ansätzen. Je länger das Konzert dauert, umso mehr findet die Sängerin zu ihrer Topform, packt bei einem hochemotionalen 'My Man’s Gone Now' schonungslos zu und umgarnt mit zarten, schwebenden Höhen, gleißenden Farben und prachtvoll üppiger Mittellage ihre Bühnenpartner.

Da kann Lester Lynch als Porgy nicht auf demselben Niveau mithalten. Gerade in den tiefen Passagen muss er kräftig eindunkeln und forcieren, auch sein Vibrato bricht sich bisweilen unschön Bahn. Auf der anderen Seite gestaltet er die vielen Facetten des Porgy mit Leidenschaft und hörbarer innerer Beteiligung. Sein dunkel schimmernder Bariton ist ein Hinhörer – ein echter Bass ist Lynch aber nicht.

Als Crown und Jake kommt Kevin Short zum Einsatz. Routiniert und energetisch setzt der Künstler effektvolle Akzente, vor allem seine Szene mit Bess 'What You Want Wid Bess?' jagt dem Hörer durch die imposante vokale Erscheinung und die am Schopf gepackte Brutalität Schauer über den Rücken. Chauncey Packer holt aus den wenigen Momenten als Sportin‘ Life alles akustisch Mögliche heraus, beißt in den Text und schreckt auch vor fast schon outrierenden Quietschern und Lautmalereien nicht zurück. Im Gesamtbild liefert er aber ein mitreißendes Porträt. Alexandria Crichlow als Maria und Darrin Scott als Mingo ergänzen das kleine Ensemble für die nötigen Nebeneinwürfe. Der Morgan State University Choir ist ein bestens disponierter und kernig agierender musikalischer Partner.

Modern mit Ecken und Kanten

Die Dirigentin Marin Alsop stützt den beherzten, großdimensionierten Zugriff auf Gershwins Partitur restlos. Auch sie betont die Ecken und Kanten, umschifft lauernde Süßlichkeit oder schwelgerisches Broadway-Potenzial. Unter ihren Händen präsentiert sich 'Porgy and Bess' als pralle amerikanische Oper mit all ihren unterschiedlichen Zutaten und Stilanleihen. Die Modernität der Dreißigerjahre ist mit Händen greifbar. Das Philadelphia Orchestra lässt sich auf diese Lesart kompromisslos ein und überzeugt mit herbem und ebenso glasklarem Sound. Die Konzertatmosphäre hat der Livemitschnitt restlos eingefangen, der große Saal ist präsent. Das transportiert lebendige Direktheit, von einer dramatischen Bühnensituation kündet diese Abmischung freilich wenig.

Bei allen positiven Aspekten fühlt man sich im Rahmen der zusammengestellten 60 Minuten auch ein wenig überfordert. Die Wucht der rasch aufeinanderfolgenden Nummern erwischt die Hörerinnen und Hörer ungebremst. Gershwins Oper präsentiert sich hier schon sehr komprimiert, mit wenig Luft zwischen den Szenen. Durch die kleine Besetzung mit vornehmlich vier Solistinnen und Solisten und die daraus resultierenden Doppelrollen ist zudem ein Nachvollziehen der Handlung nahezu unmöglich. Und doch: Diese vorliegenden Highlights haben ihre unbestreitbaren Qualitäten. Da ist es schlicht schade, dass keine Gesamteinspielung entstehen durfte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Gershwin: Porgy and Bess: The Philadelphia Orchestra, Marin Alsop

Label:
Anzahl Medien:
Pentatone Classics
1
Medium:
EAN:

CD
827949088360


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Gershwin, George


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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