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Sonntag, 24. Oktober 2021

Ewald Straesser: Quintette, Sonata - Berolina Ensemble

Versonnenes Naturell


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Ensemble Berolina stellt auf einer insgesamt sehr gelungenen CD den Komponisten Ewald Sträßer vor.

Heinrich Hofmann, Hugo Kaun, Ernst Rudorff, Hans Weisse und Waldemar von Bausznern: Das alles sind reichlich unbekannte Komponisten, die zwischen 1840 und 1940 lebten und denen das Berolina Ensemble seine bisherigen CDs gewidmet hat, Bausznern sogar schon zwei. Nun kommt ein weiterer dazu, der gut in diese Reihe passt: Ihre neueste Platte enthält drei Werke von Ewald Sträßer (1867-1933), international und auf dem CD-Cover auch Straesser geschrieben. Genau für solche Entdeckungen steht das Ensemble, das mit Streichern, Bläsern und Klavier Kammermusik in unterschiedlichsten und auch seltenen oder größeren Besetzungen spielen kann.

Das Quintett für Klarinette und Streicher op. 34 entstand 1915 und ist, obwohl in G-Dur, ein im Charakter recht verhangenes Werk, gleichwohl expressiv. Diese Stimmung treffen die Interpreten sehr gut und erreichen zudem einen sehr angenehmen Gesamtklang. Allerdings hätten dabei stärkere Kontraste an einigen Stellen gut getan. So gibt es etwa im großen Largo einige Stellen, an denen Sträßer mit der Anmerkung ‚animato‘ ein rascheres Tempo verlangt. Da zudem der Hinweis ‚virtuoso‘ in den Noten steht, scheint ihm sogar ein sehr viel rascheres Tempo vorzuschweben, denn mit einer nur mäßigen Tempoänderung wie hier kommt das virtuose Element an dieser Stelle nicht wirklich heraus. Auch dynamisch herrscht eine gewisse Zurückhaltung, die dem an einigen Stellen vorgeschriebene Fortissimo nicht ganz gerecht wird. Grundsätzlich fasst die Klarinettistin Friederike Roth ihren Part offenbar nicht überall solistisch auf und integriert sich immer wieder vollständig in den Klang des Streichquartetts. Das ist auch gut so, schließlich handelt es sich nicht um ein Solokonzert, nur könnten einige Passagen gerne etwas robuster und markanter klingen.

Vorbild Brahms

Offenbar wurde Ewald Sträßer früh das Etikett des Brahms-Epigonen angeheftet. Nun hatte Brahms auch im beginnenden 20. Jahrhundert einen enormen Einfluss auf viele jener Komponisten, die noch seine Zeitgenossen waren, vor allem dann, wenn es um zwei Gattungen ging, die Brahms in seinen letzten Lebensjahren quasi wiederbelebt hatte: Klarinettenquintett und Klarinettensonate. Und auch eine solche findet sich auf der neuen Platte. Beide Werke mögen in ihrer etwas spröden Art Brahms’ Geist aufgreifen, und manche Details erinnern tatsächlich auch in ihrer Satzart an das große Vorbild. Dennoch fallen eigentlich eher die enormen Unterschiede zu Brahms auf. Im Falle der Klarinettensonate erst recht, denn die entstand erst 1932. Doch trotz der recht deutlichen Entfernung von Brahms ist Sträßer einer eindeutig konservativen Richtung zuzuordnen. Dem Werk sind energische Passagen zwar nicht völlig fremd, doch das alles bleibt durchaus im Rahmen. Sträßer komponiert auch hier noch grundsätzlich tonal und bleibt den überlieferten Formen treu. Auch die Sonate steht in Dur, E-Dur in diesem Fall, doch wirklich heiter und unbeschwert ist sie keineswegs, Sträßer bedient sich eher gedeckter Farben.

Anders liegt der Fall beim Bläserquintett G-Dur op. 9, geschrieben für die ‚klassische‘ Besetzung mit Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott. Es ist das früheste der drei Werke und entstand 1903 und zumindest die beiden letzten Sätze sind über weite Strecken geradezu lieblich. Dennoch ist auch dies kein ungebrochen heiteres Werk: Sträßers offenbar eher versonnenes Naturell zeigt sich auch hier immer wieder, expressive Stellen fehlen durchaus nicht und insgesamt ist das Quintett nicht eben anspruchslos. Es mag bloßer Zufall sein, scheint aber eher typisch für Sträßer, dass alle drei Werke nicht etwa im lautstarken Forte enden, sondern ganz unspektakulär im Piano oder Pianissimo verklingen. Der Komponist setzt in seinem Bläserquintett die so unterschiedlichen Klangfarben der fünf Instrumente sehr gekonnt in Szene, und erfreulicherweise gelingt den Interpreten eine so gute Abstimmung, dass diese Farbmischungen voll zum Tragen kommen. Die Platte kommt mit einem gut lesbaren Begleittext, der in Kürze über Sträßer informiert, auf die Werke selbst hätte man allerdings noch etwas mehr eingehen können.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ewald Straesser: Quintette, Sonata: Berolina Ensemble

Label:
Anzahl Medien:
MDG
1
Medium:
EAN:

CD SACD
760623219967


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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