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Sonntag, 24. Oktober 2021

Schattenrisse - Orchesterwerke verfemter Komponisten

Wider das Verstummen


Label/Verlag: Querstand
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Jan Michael Horstmann setzt sich mit der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie Schönebeck für Orchesterwerke verfemter Komponistinnen und Komponisten ein.

Spanisches Feuer entfacht Benno Uhlfelder in der Fantasie 'Sangre Torera'. Von französischem Flair durchzogen ist Maurice Jauberts Filmmusik 'Quatorze Juillet', während sein Landsmann Darius Milhaud in 'Le Carnaval de Londres' musikalisch ins barocke England zurückblickt. Vier delikat instrumentierte Sätze fügt Vitězslava Kaprálovás zu einer tonmalerischen 'Suite en miniature' zusammen. Nikolai Andrejewitsch Roslavets hingegen sprengt in der ausladenden, herb expressiven 'Symphonie de chambre' tonale Grenzen. Im Gegensatz dazu ist Alexander Naumowitsch ‚Bob‘ Tsfasmans 'Jazz-Suite für Klavier, Streicher und Schlagzeug' pures musikalisches Entertainment.

Stilistisch und formal könnten diese Kompositionen, die vorwiegend in den 1930er Jahren entstanden, nicht unterschiedlicher sein. Was sie verbindet, ist der biographische Hintergrund ihrer Schöpfer. Es sind Musikschaffende, die während des nationalsozialistischen Regimes oder der Stalin-Ära als verfemt galten und Repressalien jeglicher Art ausgesetzt waren, mit gravierenden künstlerischen und persönlichen Folgen: Uhlfelder emigrierte nach Argentinien, Milhaud nach Amerika; die hochbegabte Vitězslava Kaprálová starb mit nur 25 Jahren auf der Flucht, drei Tage danach erlag der als Soldat verpflichtete Maurice Jaubert seinen Kriegsverletzungen; Roslavets wurde in der Sowjetunion wegen seiner avantgardistischen Musik als Volksfeind geächtet, der populäre Jazz-Pionier Tsfasman erhielt wegen seiner Nähe zur verpönten westlichen Dekadenz Berufsverbot.

Klingendes Plädoyer

Um dem Vergessen entgegenzuwirken, hat sich das von der Stiftung Lichterfeld geförderte Projekt ‚EchoSpore‘ zum Ziel gesetzt, solche Lebensläufe wieder sichtbar werden zu lassen und die Werke ins Repertoire zu integrieren. In diesem Zusammenhang steht die unter dem Titel 'Schattenrisse' veröffentlichte Doppel-CD mit den eingangs erwähnten Kompositionen. Sie ist das Ergebnis einer beispielhaften Programmgestaltung der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie Schönebeck und ihres Chefdirigenten Jan Michael Horstmann in der Saison 2019/20, als in einer Abonnementsreihe jeweils ein ‚verfemtes‘ Stück gespielt wurde. Und sie ist auch ein Plädoyer für künstlerische Aufgeschlossenheit und Qualität jenseits von kulturellen Hochburgen. Denn unter Horstmanns inspirierender Leitung wird das Instrumentalensemble der geforderten stilistischen Bandbreite rundum gerecht, sei es für Roslavets‘ heikle Klangschichtungen oder für Tsfasmans schmissige Lässigkeit. Die steckt auch der Pianistin Sofja Gülbadamova in den Fingern – wie entfesselt spielt sie den virtuosen Klavierpart der Jazz-Suite. Großartig!

Das als Buch ansprechend aufgemachte Booklet beinhaltet biographische Abrisse der Komponisten und der Mitwirkenden. Sie ergänzen eine wertvolle musikalische Entdeckungsfahrt, auf die sich viele Interessierte begeben sollten.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schattenrisse: Orchesterwerke verfemter Komponisten

Label:
Anzahl Medien:
Querstand
2
Medium:
EAN:

CD
4025796020144


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Milhaud, Darius
Roslawetz, Nikolai Andrejewitsch


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Querstand

Mit viel Liebe zum Detail bringt das querstand-Label dem interessierten Hörer die Vielfalt und Schönheit der klassischen Musik auf wenig ausgetretenen Pfaden näher. Das Label hat sich seit 1994 durch die Produktion hochwertiger klassischer CDs einen ausgezeichneten Ruf erworben. Über 500 Produktionen werden weltweit vertrieben, wobei ein Augenmerk auf Orgelmusik liegt. Die Gesamteinspielung der Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs (bisher 11 CDs) und des Kantaten- und Orchesterwerkes des berühmten Bachschülers bilden ein Glanzlicht des Labels, dem mit der Serie ?Die Orgeln von Gottfried Silbermann? (8 CDs) ein weiteres zur Seite gestellt wurde (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2003). Auch im kammermusikalischen und sinfonischen Bereich wurden zahlreiche CDs veröffentlicht, etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Mit der Aufnahme des Passionsoratoriums ?Der Tod Jesu? von Carl Heinrich Graun mit dem MDR Rundfunkchor und dem MDR Sinfonieorchester unter Howard Arman gewann das Label 2005 einen ECHO Klassik-Award. Im Jahre 2013 erhielt die 9-CD-Box mit allen Sinfonien Anton Bruckners, eingespielt von Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Leipzig, den ICMA (International Classical Music Award). Mit Verlagssitz im Thüringischen Altenburg kann querstand von der einzigartigen Vielfalt der mitteldeutschen Musiklandschaft profitieren, die sich auch im Verlagsprogramm niederschlägt. Neben den vielseitigen Einflüssen der fantastischen Orgellandschaft der Region, ist es auch die Nähe zur Musikstadt Leipzig mit ihrer wunderbaren Tradition und facettenreichen Szene, auf die das Label besonderes Augenmerk richtet.


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