> > > Werke von Schnittke, Pärt: Estonian Philharmonic Chamber Choir, Kaspars Putnins
Sonntag, 19. September 2021

Werke von Schnittke, Pärt - Estonian Philharmonic Chamber Choir, Kaspars Putnins

Noble Fortsetzung mit Schnittke und Pärt


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Estnische Philharmonische Kammerchor und sein Leiter Kaspars Putninš erweisen sich bei Alfred Schnittke und Arvo Pärt abermals als interpretatorisches Kraftwerk von Graden.

Der famose Estnische Philharmonische Kammerchor hat im Jahr 2018 unter der Leitung von Kaspars Putninš eine exzellente Platte mit Arbeiten von Alfred Schnittke und Arvo Pärt vorgelegt, hochgelobt und preisgekrönt. Dieser Weg wird mit denselben Beteiligten jetzt fortgesetzt, dokumentiert durch eine Publikation beim Label BIS, die das ‚Konzert für Chor‘ sowie die ‚Drei geistlichen Gesänge‘ von Schnittke mit den ‚Sieben Magnificat-Antiphonen‘ von Arvo Pärt verbindet. Alfred Schnittke (1934-1998) und Arvo Pärt (geb. 1935) hatten als beinahe Gleichaltrige auch künstlerisch einen ähnlichen Weg, fanden in den 1970er Jahren zum orthodoxen Glauben, kamen auf diese Weise mit der Sphäre der geistlichen Musik in Berührung. Schnittke gelang das auch, indem er ästhetisch an frühere liturgische Traditionen anknüpfte. Das spiegelt sich zum Beispiel in dem 1984/85 entstandenen ‚Konzert für Chor‘, das Schnittke für den Dirigenten Valery Poljanski und dessen Kammerchor des Kulturministeriums der UdSSR schrieb und das ästhetisch deutlich an das ältere Vorbild der Chorkonzerte Dmitri Bortnjanskis anknüpft. Vorgesehen für die Göttliche Liturgie, enthält es meditative Flächen voller Natürlichkeit, kennt zugleich dramatische Steigerungen und echte harmonische Avance. Seiner kompositorischen Substanz und seiner – es umfasst hier beinahe 40 Minuten – Dimension wegen wird es zum Kraftzentrum dieses Programms. Es folgen die ‚Drei geistlichen Gesänge‘, ebenfalls 1984 entstanden, die drei der zentralen Gebete des orthodoxen Gebetbuchs vertonen, abermals für Poljanskis Ensemble. Es sind ‚Spezialitäten‘ wie ein tonartlich verschobener Doppelchor mit entsprechender harmonischer Wirkung zu hören; insgesamt ist die knappe Trias schlichter aber kaum weniger wirkungsvoll, oft gar berückend.

Arvo Pärts Satz wirkt – das war schon bei der früheren Platte des Jahres 2018 der Fall – im direkten Vergleich schlanker, lichter, wie ein Kondensat der religiös inspirierten persönlichen künstlerischen Wendung. Entstanden sind die ‚Sieben Magnificat-Antiphonen‘ 1988 anlässlich des 40jährigen Bestehens des RIAS-Kammerchors, wurden durch Pärt 1991 in ihre endgültige Fassung gebracht. Die Anlage ist formal symmetrisch und auch in jeder sonstigen Hinsicht stimmig gelungen, die Musik insgesamt eines der herausragenden Beispiele für Pärts technische und ästhetische Konsequenz, weit jenseits all der unberechtigten Zuschreibungen oberflächlich Hörender, die seinen Tintinnabuli-Stil allzu leicht verächtlich machen zu können glauben.

Fabelhaftes Ensemble

Der Estnische Philharmonische Kammerchor wird nach der Zeit des Gründers Tõnu Kaljuste und ebenso ertragreichen Perioden unter der Leitung von Paul Hillier und Daniel Reuss seit 2014 vom Letten Kaspars Putninš geleitet. Er wird Kammerchor geheißen, mit einer Besetzung von rund 30 Stimmen auch zu Recht, dazu auch mit den entsprechenden Möglichkeiten im Feinen, in der Differenz. Doch zugleich ist er in der Lage, harmonisch und dynamisch höchst ambitionierte Musik in weitester Lage und teils extremer stimmlicher Auffächerung komplett zu verlebendigen, mit Fülle und Schlagkraft zu versehen – darin viel mehr philharmonischer als Kammerchor. Intoniert wird sicher, wie auf Gleisen gewissermaßen, auch in extremster Auffächerung zur 17-Stimmigkeit bei Schnittke ist das Ergebnis unangefochten, dabei voller Lebendigkeit und zugleich weit entfernt davon, bloß statisch zu sein. Das dynamische Tableau ist, wie schon annonciert, weit gefasst, mit allen Schattierungen versehen, von der behutsamen Formulierung der feinen Nuance bis zur fast schon ungeschützt auftrumpfenden Geste, dabei stets gefasst und kultiviert. All das ist in einem Klangbild mit enormem Raumanteil realisiert, die Tallinner Nikolaikirche wird gebändigt, bleibt aber hörbar an der Realisierung beteiligt, mit erhabenen Wirkungen. Der Chor wird in der ganzen Kernigkeit seiner Register edel balanciert und in der Summe erstaunlich transparent abgebildet.

Die Klangkultur des Ensembles ist beispielhaft, gar überwältigend und hat sich schon in vielen Revieren des Repertoires manifestiert – hier, in der orthodox inspirierten slawischen Tradition, besonders bei Schnittke und Pärt, gerinnen all die genannten Qualitäten zu purem Klanggold, womit der Chor unmittelbar an die erste Platte entsprechenden Zuschnitts anknüpft. Also: Chorgesang vom Feinsten, in herausragend bedeutendem Material realisiert. Der Estnische Philharmonische Kammerchor und sein Leiter Kaspars Putninš erweisen sich bei Alfred Schnittke und Arvo Pärt abermals als interpretatorisches Kraftwerk von Graden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Werke von Schnittke, Pärt: Estonian Philharmonic Chamber Choir, Kaspars Putnins

Label:
Anzahl Medien:
BIS Records
1
Medium:
EAN:

CD SACD
7318599925219


Cover vergössern

Pärt, Arvo
Schnittke, Alfred


Cover vergössern

BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag BIS Records:

  • Zur Kritik... Neue Referenz: Die erste Folge von Jean-Jacques Kantorows Gesamteinspielungen der Sinfonien von Camille Saint-Saens ist ein voller Erfolg. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Kommentierter Bach: Bachs Brandenburgische Konzerte in einer diskografisch wirklich herausragend bedeutsamen Konstellation: Kontrast und Fortspinnung in kreativen Reflexen der Gegenwart. Das Swedish Chamber Orchestra mit einem bemerkenswerten 'Brandenburg Project'. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Klingendes Experimentierfeld: Eduardo Fernández liefert faszinierende Einsichten in Bernd Alois Zimmermanns Kompositionen für Klavier. Weiter...
    (Michael Pitz-Grewenig, )
blättern

Alle Kritiken von BIS Records...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Vielfalt in Fortsetzung: Vierter Teil: Es ist wie stets ein musikalisches und programmatisches Vergnügen, Harry Christophers und The Sixteen bei ihren Purcell-Explorationen zu begleiten. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Im Dialog: Solchen Dialogen lauscht man gern – ob mit historischem Vorbild oder ohne. Dorothee Oberlinger und Edin Karamazov mit feinsinnigem Zusammenspiel, voller Geschmack und edler Klangkultur. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Meisterlich: Heinrich Isaac strahlt mit seiner Kunst über jede kleinliche Einordnung weit hinaus. Und auch Cinquecento wandelt wie auf etlichen Platten zuvor auf einer ganz besonderen Höhe. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

RHPP70

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2021) herunterladen (3400 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (7642 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich