> > > Sigismondo D'India: Lamenti & Sospiri: Cappella Mediterranea, Leonardo Garcia Alarcon
Samstag, 3. Dezember 2022

Sigismondo D'India: Lamenti & Sospiri - Cappella Mediterranea, Leonardo Garcia Alarcon

Im Schatten Monteverdis


Label/Verlag: Ricercar
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Vom mehrstimmigen Madrigal zur begleiteten Einstimmigkeit: Das war ein bahnbrechender Umschwung, an dem neben Claudio Monteverdi sein Kollege Sigismondo d'India einen maßgeblichen Anteil hatte.

Sigismondo d'India wurde um 1680 wahrscheinlich in Neapel geboren. Sein Leben als Sänger, Theorbenspieler, Chorleiter und Kapellmeister verbrachte er überwiegend in Norditalien, in Nachbarschaft zum etwa 15 Jahre älteren Monteverdi. Viele Jahre war er am Hof in Turin und später in Modena, wo er 1629 starb. Danach fiel er bald in Vergessenheit, aus der er erst heute allmählich wieder hervorgeholt wird wie mit dieser spannenden Doppel-CD der Cappella Mediterranea unter Leitung von Leonardo García Alarcón.

Wie sein Kollege, der viel berühmtere Monteverdi, brachte auch d'India Madrigalbücher heraus, daneben komponierte er, was bei seinen Dienstherren verlangt wurde: Musik für die Feste und zur Unterhaltung, einige Messen und schließlich die ersten Versuche eines Musikdramas. Vieles davon ist verschollen. In den Jahren zwischen 1609 und 1623 erschienen zusätzlich fünf Bücher ein- und zweistimmiger Madrigale. Diese haben nun eine ganz andere Anmutung als ihre mehrstimmigen Geschwister: Sie werden durch eine Gruppe von Harmonieinstrumenten begleitet wie Laute, Theorbe, Bassviola und Orgel, eine kontrapunktische Durcharbeitung wird vernachlässigt zugunsten der besseren Textverständlichkeit, und dies gibt die Chance, das, was an Emotionen in den vertonten Gedichten angesprochen wird, durch die Melodieführung und die Art der Begleitung musikalisch noch einmal mehr hervorzuheben.

Wie Sigismondo d'India diese neuen Anforderungen hinbekommt, davon zeugen die aufgenommenen Werke eindrucksvoll. Da entstehen Dissonanzen, wie man sie vorher nicht kannte, Steigerungen in der Melodie reißen auf ihrem Höhepunkt plötzlich ab, unterschiedliche Klangfarben unterstützen die Textaussage, die Rhythmen werden vielfältiger, rezitativische Teile lösen sich mit arienhaften ab – all das und noch viele kleine Überraschungen sind beim Anhören zu entdecken. Ein Höhepunkt sind die zwei opernhaften Szenen jeweils am Ende der beiden CDs. Hier wird mit allen denkbaren dramatischen Effekten gearbeitet, um die Trauer und Klage der verlassenen Frau auszudrücken (einmal ist es Olimpia, das zweite Mal Dido). Beide Szenen sind 12 Minuten lang, also die übliche Madrigallänge deutlich überschreitend.

Abwechslungsreich

Zwei Sängerinnen übernehmen die Partien abwechselnd, treten aber auch im Dialog auf. Da ihre Stimmen ähnlich sind, ist es nicht einfach, beim Hören den Dialog nachzuvollziehen – das vielleicht einzige Manko dieser wunderbaren Edition. Trotzdem wird es nicht langweilig, vom ersten bis zum letzten Ton dabeizubleiben, denn der Gesang ist abwechslungsreich – von tieftraurigen fahlen Tönen ohne jedes Vibrato bis zu kunstvollsten Verzierungen, wie sie jedem Koloraturgesang zur Ehre reichen würden. Die Instrumentalgruppe begleitet kongenial spannend und in ihrer Besetzung ebenso unterschiedlich, den jeweiligen Ausdruck genau unterstützend.

Eine große Hilfe zum Verständnis ist das informative Booklet, das neben einer ausführlichen Erläuterung zum Komponisten und den einzelnen Madrigalen auch alle Texte bietet, bei denen immerhin einige Gedichte von Petrarca vorkommen, aber auch literarisch gute Texte vom Komponisten selbst. Die Erläuterungen haben noch eine deutsche Übersetzung, die vertonten Texte gibt es im italienischen Original und in einer sprachlich adäquaten Übersetzung ins Englische und Französische. Da diese Übersetzungen die alte Sprache nachahmen, also nicht in moderner Fassung daherkommen, macht es für den deutschen Leser etwas Mühe, alles zu verstehen. Aber die Mühe lohnt sich, weil erst dann nachvollzogen werden kann, wie revolutionär d'India die sprachlichen Kunstwerke kongenial in Musik gesetzt hat.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sigismondo D'India: Lamenti & Sospiri: Cappella Mediterranea, Leonardo Garcia Alarcon

Label:
Anzahl Medien:
Ricercar
1
Medium:
EAN:

CD
5400439004290


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India, Sigismondo d'


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Ricercar

Von Haus aus Musikwissenschaftler und Gambist (und hier immerhin Schüler von Wieland Kuijken), gründete der Belgier Jérôme Lejeune 1980 sein Label RICERCAR, das schnell zu einem der wichtigsten im Bereich der Alten Musik wurde. Das war nicht nur durch die musikwissenschaftliche Arbeit Lejeunes nahe liegend, sondern auch dem Umstand geschuldet, dass Belgien von je her zu den führenden Nationen im Bereich der historischen Aufführungspraxis gehörte. Die Künstler, die für RICERCAR aufnehmen bzw. aufgenommen haben, lesen sich ohne Übertreibung wie das Who-is-Who der Alten Musik-Szene: Hier machte zum Beispiel Philippe Herreweghe genauso seine allerersten Aufnahmen wie das Ricercar Consort, Jos van Immerseel oder Mark Minkowski (sowohl als Fagottist als auch als Dirigent). Zu den Künstlern und Ensembles, die derzeit dem Label verbunden sind, gehören so prominente Namen wie der Organist Bernard Foccroulle, die Sopranistin Sophie Karthäuser sowie die Ensemble La Fenice und Continens Paradisi. Nach wie vor bietet Lejeune dabei jungen Künstlern und Ensembles eine künstlerische Plattform und er beweist dabei stets ein besonders glückliches Händchen. Viele der nicht weniger als 250 Aufnahmen, die hier veröffentlicht wurden, waren klingende Lektionen in Musikgeschichte, die in mehrteiligen Reihen solche Themen wie Bach und seine Vorgänger, die franko-flämische Polyphonie oder Instrumentenkunde behandelten und so etwas wie zu einem Markenzeichen des Labels wurden. Das erstaunliche dabei war auch, dass nahezu alle Produktionen des Labels von Lejeune sowohl wissenschaftlich als künstlerisch und technisch betreut wurden.


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