> > > Tiranno: Kate Lindsay, Arcangelo, Jonathan Cohen
Montag, 24. Januar 2022

Tiranno - Kate Lindsay, Arcangelo, Jonathan Cohen

Des Kaisers Leben und Tode


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Kate Lindsey, Arcangelo und Jonathan Cohen zeigen mit 'Tiranno', wie fesselnd und in allen Punkten überzeugend ein Solo-Album sein kann.

Unvorbereitet wie Blitz brechen die ersten Worte nahezu zeitgleich mit dem ersten Akkord über den Hörer herein: ‚Io son Neron!‘ Dieser Beginn hat Kraft und kündet von jenem dramaturgischen Gespür, das die beteiligten Künstlerinnen und Künstler des vorliegenden Albums in den kommenden 75 Minuten entwaffnend unter Beweis stellen. ‚Tiranno‘ ist der Titel dieses aktuellen Albums der amerikanischen Mezzosopranistin Kate Lindsey, die hier vom Ensemble Arcangelo unter Jonathan Cohen unterstützt, angefeuert, kongenial begleitet wird. Die Aufnahmen entstanden an gerade einmal drei Tagen im Oktober 2020 in London, erschienen ist die CD bei Alpha Classics.

Erschreckend gefühlskalt

Wer hinter dem Titel ‚Tiranno‘ ein Sammelsurium an singenden Tyrannen der Mythologie oder Historie vermutet, liegt falsch. Es geht hier um den römischen Kaiser Nero: Wahnsinniger, Hochsensibler, Mörder, Liebender, Herrscher und eben Tyrann im eigentlichen Sinne. Kate Lindsey und Jonathan Cohen gehen aber den entscheidenden Schritt weiter, indem sie nicht (wie schon so oft gehört) verschiedene Nero-Vertonungen einander gegenüberstellen, sondern eine klingende Biografie bieten, die fesselnder kaum sein könnte. Wir werden Zeuge, wie Nero beim Anblick des brennenden Roms bissige und erschreckend gefühlskalte Gesänge anstimmt und sind im Finale des Albums bei ihm, wenn er dem eigenen Tod ins Auge schauen muss. Dazwischen liegen Episoden, die über seine direkten Weggefährten – seine Mutter Agrippina, seine Ehefrau Ottavia, die Kurtisane Poppea und seinen Hofdichter Lucano – erzählt werden. Kate Lindsey schlüpft in nahezu alle dieser Rollen und beleuchtet die verstörend schillernde Person des Nero von innen und außen.

Bis auf vier Ausschnitte aus Claudio Monteverdis ‚L’incoronazione di Poppea‘, die im Zentrum des Albums stehen und Kate Lindsey in einer ihrer Paraderollen als Nero zeigen, handelt es sich bei all den hier eingespielten Werken um Kantaten von Alessandro Scarlatti, Georg Friedrich Händel und Bartolomeo Monari. Schon die einleitende Kantate Scarlattis ‚Il Nerone‘ mit den oben erwähnten vokalen Einstichen ‚Io son Neron‘ raubt einem den Atem. Nicht nur Scarlattis vielschichtige Komposition, seine detailverliebten Rezitative, die drei effektvollen und aussagekräftigen Arien, sondern auch Lindseys Darbietung machen staunen. Die Sängerin schreckt vor keinem Extrem zurück, beißt lustvoll in den Text und spannt überirdisch schöne Phrasen. Zart dahinströmende Piani treffen auf feurige Attacke und Lindseys Farbpalette hat offenbar keine Grenzen.

Äußerst sensibel

Die darauffolgende Kantate ‚Agrippina condotta a morire‘ von Händel zeigt die Künstlerin als Neros Mutter Agrippina, die ihrem Tod entgegensieht. Leidenschaftlich durchlebt Lindsey die emotionale Achterbahnfahrt von fassungslosem und doch klangvollem Verstummen bis hin zum furiosen Wutausbruch. Bewundernswert ist dabei stets, mit welch treffsicherer Dosierung der Mittel Kate Lindsey ihre Figuren zum Leben erweckt. Alle expressiven Grenzpunkte liegen noch immer im Bereich des Sanglichen, des Anrührens oder Aufrüttelns durch Gesang und nicht durch außermusikalische Effekte. Denselben Weg gehen auch Cohen und die Musikerinnern und Musiker von Arcangelo, die äußerst sensibel auf Lindseys Gestaltung reagieren und in den richtigen Momenten neben Atmosphäre auch tiefer liegende Geschichten oder Regungen zu Tage fördern.

Bei Monteverdis letzter Oper zieht sich Lindsey nicht ‚nur‘ auf ihre Paraderolle als Nero zurück, sondern findet auch für die verstoßene Ottavio starke Farben und Töne. ‚Addio Roma!‘ ist ein Showstopper. Für das widerlich ausgelassene ‚Duett‘ Neros mit Lucano nach Senecas Tod gibt sich Andrew Staples als Hofdichter die Ehre und der golden samtige Sopran von Nardus Williams umschlingt als Poppea weltvergessen die Stimme von Lindsey im berühmten Schlussduett ‚Pur ti miro‘.

Trügerische Harmonie

Doch auch Kate Lindsey selbst wird zur Poppea. Hart schließt an die trügerische Harmonie des Monteverdi-Schlusses die Todesstunde Poppeas an. Als Weltersteinspielung erklingt ‚La Poppea‘ von Bartolomeo Monari: Poppea sieht dem Tod ins Auge, nachdem Nero sie mit einem Tritt in den Bauch tödlich verletzt hat. Auch ihr ungeborenes Kind zählt zu den Opfern. Abgrundtiefe Dunkelheit wissen Lindsey und Arcangelo hier zu imaginieren, durchbrochen von wenigen lichten Momenten – wieder ein Moment des Staunens und des Innehaltens vor so viel musikalischer Wahrhaftigkeit.

Wiederum als Ersteinspielung steht Scarlattis ‚La morte di Nerone‘ am Ende von ‚Tiranno‘. Der Kaiser sieht sich mit der Summe seiner Verbrechen konfrontiert. Sie alle bringen ihm den Tod, nicht seine Feinde. Was für ein starker Schluss für ein in allen Punkten überzeugendes, großartiges, ja außergewöhnliches Album.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tiranno: Kate Lindsay, Arcangelo, Jonathan Cohen

Label:
Anzahl Medien:
Alpha Classics
1
Medium:
EAN:

CD
3760014197369


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Händel, Georg Friedrich
Monteverdi, Claudio
Scarlatti, Alessandro


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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