> > > Michael Haydn: Endimione: Salzburger Hofmusik, Wolfgang Brunner
Sonntag, 24. Oktober 2021

Michael Haydn: Endimione - Salzburger Hofmusik, Wolfgang Brunner

Eine Art Salzburger 'Sommernachtstraum'


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit diesem 'Endimione' kommt man als interessierte Hörerschaft der stilistischen Vielfalt und dem Ideenreichtums Michael Haydns ein interessantes Stück näher.

Die Serenate des 17. und vor allem 18. Jahrhunderts sind uns heute als dramatische Gattung ehrlicherweise aus dem Blickfeld gerückt. Als Huldigungskompositionen für höfische Anlässe, Inthronisationen oder Bischofsweihen nähern sich diese in ihren szenischen Mitteln beschränkten Werke den Opernkompositionen ihrer Zeit – und letztlich sind sie in der Spätphase nahezu vollwertige Opern, nur eben kompakter und übersichtlicher in ihrer Konzeption. Der spezielle Anlass für diese Werke hat allerdings den Nachteil, dass sie selten einem größeren Publikum bekannt werden konnten. Der Salzburger Hof steuerte in der zweiten Hälfte, als die Serenata schon im Verblassen begriffen war, noch ein paar wenige Perlen dieser Gattung bei, wie beispielsweise Wolfgang Amadeus Mozarts ‚Il re pastore‘ oder ‚Il sogno di Scipione‘.

Die Feierlichkeiten zur Weihe von Ignaz von Spaur (einem großen Musikliebhaber) zum Fürstbischof von Brixen sind im November 1776 der Anlass für Michael Haydns Serenata ‚Endimione‘, die in Salzburg gegeben wird. Das Libretto stammt ursprünglich von Pietro Metastasio und wurde vor Haydns Version schon viele Male vertont. Es ist die mythologische Geschichte vom attraktiven Schäfer Endimione und der Göttin Diana, die durch Amors Intrigen und Kuppeleien zum Paar werden, nachdem sie eine emotionale Berg- und Talfahrt absolviert haben. Die vierte Person im Bunde, Dianas Gefährtin Nice, ist die Verliererin im erotischen Reigen – den von ihr begehrten Endimione muss sie der Göttin überlassen. Ein wenig liest sich das muntere Treiben im Wald, die Situationen vom Verlieben und Entlieben, die verwirrenden amourösen Zaubereien Amors wie eine Episode aus Shakespeares ‚Sommernachtstraum‘, aber weniger frivol und komödiantisch.

Ungemein unterhaltsam

Was Michael Haydn musikalisch aus diesem Stoff herausholt, ist ungemein unterhaltsam, wenngleich nicht aufregend. Er spielt gekonnt mit den Stilen seiner Zeit, zeigt sich als Kenner der Mittel der Opera seria und versteht es, den vier Protagonisten Kontur zu geben, ihnen Leben einzuhauchen. Stimmlich verlangt Haydn hohe Virtuosität – vermutlich standen ihm hervorragende Solistinnen und Solisten zur Verfügung. Da über die Uraufführung nichts bekannt ist und auch das originale Notenmaterial als verschollen gilt, bleibt eine Orientierung an zeitgenössischen Sängerinnen und Sängern reine Spekulation.

Für die vorliegende Einspielung vom Oktober 2018 in Salzburg, die beim Raritäten-Label cpo auf zwei klanglich einwandfreien CDs herausgekommen ist, wurde auf eine erhaltene Partiturabschrift zurückgegriffen, die heute in der Bayerischen Staatsbibliothek liegt. Dirigent Richard Brunner animiert seine Salzburger Hofmusik zu farbigem und energetischem Spiel. Die verschiedenen Affekte der einzelnen Nummern sind liebevoll bedient und herausgearbeitet, ohne allerdings zu sehr ins opernhaft Theatrale vorzustoßen. Die lebendigen Rezitative lassen aber erahnen, wie die Serenata auf einer Bühne funktionieren könnte. Musiziert wird auf historischen Instrumenten und ein bestens aufgelegtes Vokalensemble ergänzt als Chor die Salzburger Hofmusik.

Kindlicher Übermut

Die vier Solopartien sind überzeugend besetzt. Lydia Teuscher ist der jugendliche frische Amor, glasklar in der Intonation und farbenreich in der Ausgestaltung. Die Verzierungen perlen mit Leichtigkeit, glockenklar und hellwach ist Teuscher Darbietung. In ihre Interpretation mischt sich eine wohldosierte Prise kindlichen Übermuts, aber sie findet auch nahezu heroisch leuchtende Töne in Amors Arie ‚Se s’accende‘. Ähnlich souverän und charmant gestaltet Ulrike Hofbauer die leer ausgehende Nice. Flexibel und virtuos führt sie ihren attraktiven Sopran wie ein Instrument, das keine technischen Schwierigkeiten fürchten muss. Dass Hofbauers Timbre sich zu wenig von jenem Lydia Teuschers absetzt, ist nicht die Schuld der Solistin.

Als Diana beeindruckt Aleksandra Zamojska mit üppigem Klang und zugleich leichtfüßigen Koloraturen und effektvollen vokalen Punktlandungen im Gefühlschaos der Göttin. Zamojska verleiht ihrer Figur wirklichen Charakter, zeigt Mut in der Gestaltung. Es gibt allerdings Momente, in denen man den Eindruck hat, die Sängerin sei leicht indisponiert. Hier und da klingt es leicht rau und angekratzt, dem Ton ist hörbar viel Luft beigemischt. Besonders in den langen Tönen ihrer Schlussarie ist man damit konfrontiert. Freilich tut dieser Umstand der intensiven Verkörperung von Zamojska keinen Abbruch, ihre Diana ist in jeder Hinsicht eine glaubhafte Göttin.

Bleibt noch den Endimione von Countertenor Nicholas Spanos. Die Tessitura dieser Partie ist höllisch und man kommt nicht umhin, dem Sänger größten Respekt zu zollen, mit welcher Furchtlosigkeit er Sopranhöhen erklimmt und in brustige Tiefen hinabsteigt. Das lässt aufhorchen und hat einen großen akustischen ‚Schauwert‘. Die Tonqualität und -schönheit seiner Stimme ist nicht allen Lagen gleich, aber bei dieser Tour de force ist das kaum zu verlangen. Im Gedächtnis bleiben die zarten Piani, die schwebenden Phrasen, die Diminuendi und dann wieder die kraftvolle Attacke. Geläufigkeit und Eleganz gehören ebenfalls zu Spanos‘ Stärken. Die große Arie ‚Vado per un momento‘ ist ein Showstopper, auch wenn der emotionale Gehalt, des seufzenden und leidenden Endimione, sich vielleicht zu stark in der Gesangslinie und Tonbildung niederschlägt. Aber das ist ohne Frage Geschmacksache. Mit diesem ‚Endimione‘ kommt man als interessierte Hörerschaft der stilistischen Vielfalt und dem Ideenreichtums Michael Haydns jedenfalls ein interessantes Stück näher.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Michael Haydn: Endimione: Salzburger Hofmusik, Wolfgang Brunner

Label:
Anzahl Medien:
cpo
2
Medium:
EAN:

CD
761203528820


Cover vergössern

Haydn, Johann Michael
 - Introduzione -
 - Recitativo -
 - Aria di Diana -
 - Recitativo -
 - Recitativo con violini -
 - Aria di Amore -
 - Recitativo -
 - Aria di Endimione -
 - Recitativo -
 - Aria di Nice -
 - Recitativo -
 - Cavatina di Diana -
 - Duetto -


Cover vergössern

Dirigent(en):Brunner, Wolfgang
Interpret(en):Hofbauer, Ulrike
Teuscher, Lydia
Spanos, Nicholas


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

  • Zur Kritik... Es muss nicht immer Vivaldi sein: Völlig zurecht wurde Elizabeth Wallfisch 2021 mit dem Magdeburger Telemann-Preis ausgezeichnet. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Empfindsame Gambe: Johann Gottlieb Graun liebte die Gambe. Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
  • Zur Kritik... Mehr als nur der Onkel: Andrea Gabrieli als bedeutender schöpferischer Musiker an einem neuralgischen Ort der Musikgeschichte in hochinteressanter Zeit. Manfred Cordes und Weser-Renaissance Bremen setzen mit dieser Platte ein echtes Ausrufezeichen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... Ungebrochen modern: Wer keine historisierende Ausstattung braucht und sich von der ungebrochenen Modernität von 'Così fan tutte' überzeugen will, der kann mit der vorliegenden Veröffentlichung nichts falsch machen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Sounds of Martinsson: 'Garden of Devotion' macht mit einem Querschnitt aus Rolf Martinssons zeitgenössischen Schaffen auf einen hierzulande eher selten gespielten Komponisten aufmerksam. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Eingedampfte Konzert-Highlights: Marin Alsop befeuert die Kraft und Energie von Gershwins 'Porgy and Bess' mit einer fulminanten Angel Blue in den Sopranpartien. Leider beschränkt sich die SACD auf Highlights. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Zu Bachs und Händels Schaden: Eine etwas betuliche Hercules-Doppelkantate aus Halle. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Verschlungene Wege: Enrico Onofri und sein Orquesta Barroca de Sevilla mit einer gelungenen Lesart von Pergolesis 'Stabat Mater', die sich wesentlich dem vokalen Glanz von María Espada und Carlos Mena verdankt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... US-Streichquartette: Ives und Barber - und die Originalfassung des berühmten Adagio. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2021) herunterladen (3200 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (7642 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich