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Samstag, 25. September 2021

Reger: Orgelwerke Vol.7 - Gerhard Weinberger, Orgel

Rares und Bekanntes


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Gerhard Weinbergers Gesamteinspielung der Orgelwerke Max Regers geht in die Zielgerade.

Von den größeren Orgelwerken Max Regers ist Phantasie und Fuge c-Moll op. 29 das unbekannteste; 1898 geschrieben und Richard Strauss gewidmet, der den Jüngeren einigen Verlagen empfohlen hatte, wodurch Reger sein Durchbruch als Komponist gelang, ist es von hohem Effekt und in Anlehnung an ein Diktum Regers zu Bachs Choralvorspielen vielleicht selbst eine Symphonische Dichtung für Orgel. Reger beweist, dass er keines Choralcantus bedarf, um genial zu sein. Er zeigt sich als Meister der Architektur, der Spannungsbögen; gerade auch außerhalb Deutschlands sollte diese freie Komposition sich viel größerer Bekanntheit erfreuen.

Gerhard Weinberger hat für dieses Werk die mittlerweile umfänglich restaurierte dreimanualige Jahn-Orgel des Jahres 1909 gewählt (Versöhnungskirche Dresden-Striesen), die er in großer Differenziertheit einsetzt. Ein Vergleich etwa mit der Einspielung auf der Orgel der Christuskirche Mannheim von 2012 (Naxos) offenbart eine deutlich größere Vielfalt an Nuancen, bedingt vor allem wohl durch die Wahl der Register und die Interpretation als Ganzes wie auch durch die Audiotechnik, die auf beiden SACDs Musik wie Instrument vorzüglich abbildet, die Differenziertheit des Werkes kommt im Großen wie im Detail bestens zur Geltung. Gerade die feinen Pianissimo-ppp-Schattierungen sind von hoher klanglicher Präsenz und fein abgestufter Vielfalt, fff-Momente klingen nie übersteuert – ein großes Problem früher Schallplattenproduktionen mit Musik von Reger: Damals war eine Egalisierung der von Reger differenziert notierten Dynamik qua Aufnahmemedium in gewissem Maße zwangsweise vorgegeben.

Besondere Reize

Wie anders das heute klingen kann, zeigt auch das die zweite SACD abschließende Werk: Zu Regers bekanntesten Werken gehört die 1914/15 entstandene Phantasie und Fuge d-Moll op. 135b, die Reger aber nach Einreichung der Stichvorlage noch substanziell kürzte. Die kürzere Fassung ist die einzig autorisierte, doch besitzt die ursprüngliche, deutlich umfänglichere Fassung ganz besondere Reize, auf die Reger in der späteren Fassung verzichtete. Auch ist die Fuge in der gekürzten Fassung von ganz anderer formaler Logik als die ursprüngliche, die irreführenderweise in der alten Gesamtausgabe als einzige gedruckt wurde; die neue Reger-Werkausgabe enthält beide Fassungen, mit der verworfenen Urfassung im Anhang. Die Komposition beginnt quasi aus dem Nichts und endet im vierfachen Forte (das Manuskript ist im Internet einsehbar) – ein imposanter Abschluss einer beachtlichen Zahl an äußerst substanziellen Orgelwerken (die knapperen sieben Stücke op. 145 seien hier bewusst ausgeklammert).

Im Zentrum der Produktion allerdings steht Regers vielleicht komplexeste Orgelkomposition überhaupt, Introduction, Variationen und Fuge fis-Moll op. 73 aus dem Jahr 1903. Auch hier hat Reger nach Fertigstellung des Manuskripts Hand angelegt, und die alte Reger-Gesamtausgabe wich unwissenschaftlicherweise vom definitiven Erstdruck ab (Reger strich eine Variation noch im Manuskript – diese Streichung wurde wieder geöffnet und der Übergang zur nächsten Variation neukomponiert; all dies ist in der neuen Reger-Werkausgabe korrekt wiedergegeben). Die Nähe zu dem großen d-Moll-Streichquartett op. 74 und dem 'Gesang der Verklärten‘'op. 71 für Chor und Orchester ist nicht von ungefähr und zeigt Reger als absoluten Meister seiner Kunst. In kluger Weise wählt Weinberger für dieses Werk eine Orgel, die, obschon sehr häufig Reger-bespielt, bislang noch nie für diese Komposition auf kommerziellem Tonträger verwendet wurde – die große Steinmeyer-Orgel der Christuskirche Mannheim. Die vielfältigen Möglichkeiten des Instruments werden in großer Tiefe ausgelotet, und wenn sich Weinberger mit knapp 40 Minuten mehr Zeit nimmt als viele andere Interpreten, so ist dies gleichermaßen der Raumakustik wie der Klarheit der Interpretation geschuldet.

Ergänzt werden diese drei ‚Hauptwerke‘ durch fünf der dreizehn Choralvorspiele op. 79b und vier der fünf leicht ausführbaren Präludien und Fugen op. 56. Die Qualitäten von Weinbergers Interpretation – großes Verständnis für Regers Form- und harmonisches Denken, feine farbige Schattierung (die einmal mehr zeigt, dass der Begriff des musikalischen Impressionismus nicht nur nicht nur auf französische Musik angewandt werden kann, sondern auch nur ein kleiner Teil eines musikalisch größeren Ganzen ist), kluge Steigerung und wo erforderlich hochsensible Introspektion – sind auch hier unüberhörbar und lassen diese Edition zu einem Meilenstein der Reger-Interpretation auf Tonträger überhaupt werden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Reger: Orgelwerke Vol.7: Gerhard Weinberger, Orgel

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203522927


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Reger, Max
 - Variationen und Fuge über ein Originalthema fis-Moll op.73 - Variationen
 - Variationen und Fuge über ein Originalthema fis-Moll op.73 - Fuge
 - Präludium und Fuge E-Dur Nr.1 - Präludium
 - Präludium und Fuge E-Dur Nr.1 - Fuge
 - Präludium und Fuge G-Dur Nr.3 - Präludium
 - Präludium und Fuge G-Dur Nr.3 - Fuge


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Interpret(en):Weinberger, Gerhard


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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