> > > W.A.Mozart: Cosi fan tutte: Royal Opera House, Thomas Hengelbrock
Sonntag, 24. Oktober 2021

W.A.Mozart: Cosi fan tutte - Royal Opera House, Thomas Hengelbrock

Ungebrochen modern


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wer keine historisierende Ausstattung braucht und sich von der ungebrochenen Modernität von 'Così fan tutte' überzeugen will, der kann mit der vorliegenden Veröffentlichung nichts falsch machen.

Wer bei 'Così fan tutte' Sehnsucht nach Barockkostümen und Puderperücken verspürt und am liebsten eine historisierende Ausstattung sehen möchte, der ist mit diesem DVD-Mitschnitt von Jonathan Millers Londoner Produktion, die bereits 1995 ihre Premiere feierte, sicherlich schlecht beraten. Wer sich aber von der ungebrochenen Modernität von Lorenzo Da Pontes Libretto und Wolfgang Amadeus Mozarts genialer Komposition überzeugen will, der kann mit der vorliegenden Veröffentlichung nichts falsch machen.

Diese nun bei Opus Arte auf einer DVD veröffentlichte 'Così fan tutte' wurde im September 2010 im Royal Opera House, Covent Garden aufgezeichnet. Es ist bereits die siebte Wiederaufnahme einer äußerst populären Erfolgsproduktion. Regisseur Jonathan Miller holt die Liebeswirren ins Heute, die beiden Schwestern hängen öfter mal an ihren Handys und auch der falsche Notar beglaubigt die finale Hochzeit am Laptop. Störend oder gar irritierend wirkt hier nichts, alles fügt sich organisch ins Gesamtbild und macht deutlich: Diese Geschichte könnte jederzeit wieder passieren und ist kein pikanter Bilderbogen aus der Vergangenheit. Die zahlreichen Gags und Anspielungen funktionieren auch fünfzehn Jahre nach der Premiere dieser Produktion noch hervorragend, was auch für die gewissenhafte Wiedereinstudierung spricht. Zudem ist 2010 ein Ensemble am Start, das homogener und spielfreudiger kaum sein könnte. Sie treten allesamt den Beweis an, dass Opernsängerinnen und -sänger eben nicht nur schwerfällig an der Rampe herumstehen oder vor lauter Singen in ihren ohnehin klischeehaft minimierten Darstellungskünsten noch weiter eingeschränkt sind. Dieses Ensemble spielt sich gegenseitig auf hohem Niveau an die Wand und begeistert ganz nebenbei durch qualitativ tadellose Vokalzaubereien – singende Schauspielerinnen und Schauspieler, bei denen beide Ausdrucksformen ideal zusammenwirken. Wenn bei einer 'Così fan tutte' allein in den Rezitativen so viel und so spontan gelacht wird, dann läuft vieles goldrichtig.

Unverwechselbares Timbre

Einen besseren Don Alfonso als Sir Thomas Allen kann man sich nicht vorstellen. Allen hat diese Partie perfektioniert und verkörpert sie mit jeder Faser seines Körpers und aller Kunstfertigkeit seines Gesangs. Schon eine einzige Rezitativzeile Allens versetzt einen in Staunen und die Nonchalance, mit der allein der Phrase ‚finem lauda‘ x-verschiedene Farben entlockt, ist atemberaubend. Mimik und Gestik sind auf den Punkt gebracht, seine Stimme besitzt noch immer ihr unverwechselbares Timbre. Eine Luxusbesetzung an seiner Seite ist Rebecca Evans als Despina. Auch sie schwebt über den Dingen, liefert feine Nuancen, beherrscht ihre Partie mit schlafwandlerischer Sicherheit und zieht Despina aus der Soubretten-Ecke heraus. Evans betört mit satter Tongebung und Klangschönheit, ist sich aber auch nicht zu schade, ihren Doktor im ersten Finale hinter einem Mundschutz zu singen.

Überhaupt beweisen alle Solistinnen und Solisten wunderbaren Humor und sammeln mit viel Selbstironie Sympathiepunkte. So kosten Pavol Breslik als Ferrando und Stéphane Degout als Guglielmo ihre effektvollen Kostümwechsel vom Armani-Anzug über Armeeanzüge bis hin zum überzogenen Biker- oder Rockstar-Outfit genüsslich aus. Perfektes Timing sorgt in den beiden großen Finali und anderen Ensemblenummern für Kurzweil und zahlreiche Lacher. Das Degout dabei seinen Guglielmo mit Balsam in der Kehle und verführerischer Note singt, kommt einem fast schon selbstverständlich vor – so authentisch und gewinnend ist seine Interpretation. Ebenso überzeugt Breslik mit jugendlicher Frische und feurigem Spiel. Seinem ‚Un aura amorosa‘ fehlt ein wenig der ruhige Atem, aber er imponiert durch Natürlichkeit und seinen lyrischen Glanz.

Perfektes Schwesternpaar

Die beiden Schwestern sind bei Maria Bengtsson und Jurgita Adamonyté wunderbar aufgehoben. Nicht nur sind die beiden Sängerinnen schon optisch ein perfektes Schwesternpaar, ihre Stimmen blenden auch bestens. Vielleicht für den ein oder anderen Geschmack sogar ein wenig zu gut, denn klanglich unterscheiden sich die beiden nur wenig voneinander. Dafür gestalten sie ihre Rollen mit Verve und Glaubwürdigkeit. Adamonyté jagt mit stark erhöhtem Puls, aber verblüffend souverän durch ihr ‚Smanie implacabili‘ und bringt im Duett mit Guglielmo nicht nur dessen Herz zum Schmelzen. Maria Bengtsson gelingt es, der Fiordiligi sowohl humoristische, aber nie karikierende Züge zu verleihen, aber ebenso die emotionale Tiefe und Not der Figur sicht- und vor allem hörbar zu machen – bewegend ihr Rondo und das Duett mit Ferrando.

Am Pult des Orchestra of the Royal Opera House steht Thomas Hengelbrock. Schon die Ouvertüre zieht einen vibrierend in einen Strudel, aus dem es kein Entrinnen gibt. Die Musiker spielen schlank und vibratoarm, fast wie ein Originalklang-Ensemble, ohne eines zu sein. Diese federnde Leichtigkeit und Flexibilität tun der Aufführung enorm gut. Viele kleine Temposchwankungen und Überraschungen beleben die musikalische Kommunikation. Dass dabei für außermusikalische Elemente wie Lacher, Blickwechsel oder situativ motivierte Pausen Raum bleibt, ist beglückend. So lebendig und direkt kann diese Theater- und Seelenmusik klingen. Am Cembalo liefert Christopher Willis eine Großtat: hellwach und beweglich in jeder Hinsicht befeuert und unterstützt er die Rezitative.

Die Bildregie ist ein nicht zu vernachlässigender Pluspunkt dieser Veröffentlichung. Robin Lough kennt offensichtlich die Inszenierung bis ins Detail und lenkt den Blick des Zuschauers gekonnt auf die vielen Blicke, Kleinigkeiten und musikalisch pointierte Gesten. Diese DVD ist jeden Cent wert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:








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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    W.A.Mozart: Cosi fan tutte: Royal Opera House, Thomas Hengelbrock

Label:
Anzahl Medien:
Opus Arte
1
Medium:
EAN:

DVD
809478013310


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