> > > The Beggar's Opera: Les arts florissants, William Christie
Samstag, 25. September 2021

The Beggar's Opera - Les arts florissants, William Christie

Pralles Theater zwischen Barock und Heute


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wenn man die 'Beggar's Opera' so präsentiert bekommt, kann man die Faszination von 1728 mit Händen greifen.

Man möchte am Ende dieser selbst auf DVD bezwingenden Vorstellung nur noch mitjubeln: Die 'Beggar’s Opera' von John Gay und Johann Christoph Pepusch ist endlich in der Neuzeit angekommen – authentisch barock und zugleich ungebremst modern. Der nicht ganz zweistündige Mitschnitt der neusten Version von Ian Burton, Robert Carsen und William Christie vom April 2018 im Pariser Théâtre des Bouffes du Nord ist jetzt beim Label Opus Arte erschienen.

Das Werk ist leider viel zu selten auf Spielplänen zu finden. Die Adaption als 'Dreigroschenoper' von Kurt Weill und Bertolt Brecht hat die Erinnerung an die barocke Vorlage von 1728 vom Mörder Macheath, seinen Frauengeschichten und seiner Fast-Hinrichtung stark verblassen lassen. Dabei war es ein Sensationserfolg im frühen 18. Jahrhundert in London: Gay und Pepusch starteten eine bitterböse und schmutzige Alternativ-Veranstaltung zu den hochtrabenden Opern Händels, über die sie sich gehörig lustig machten. Die Original-Partitur ist verloren. Etliche Bearbeitungen und Rekonstruktionen haben versucht, das kraftvolle Stück wiederzubeleben, darunter eine Version von Benjamin Britten. Wie auch immer – den Reiz der legendären Uraufführung konnte keine dieser Versionen adäquat vermitteln, egal wie musikalisch seriös zu Werke gegangen wurde.

Ins Hier und Jetzt geholt

 

Vielleicht liegt auch hier der Knackpunkt: Pepuschs Musik ist nicht zwingend für Opernkehlen komponiert, sondern braucht die richtige Mischung aus Parodie, Kunstfertigkeit und gestalterischem Draufgängertum. Es ist auch kein Stück, das man einfach nur hören sollte – es ist Theater für alle Sinne. Dementsprechend haben Ian Burton und Robert Carsen eine Fassung erstellt, die Gays Texte zeitgemäß aufpeppt und ins Hier und Jetzt holt. Gesprochen und gesungen werden die Partien von Schauspielerinnen und Schauspielern, die teilweise mit Sicherheit aus dem Musicalbereich kommen. Dirty Language gehört freilich dazu, es wird viel geflucht und die spannende Geschichte von Sex & Crime mit Brutalität, Härte und einer Großportion Humor erzählt.

Gleichzeitig liefert William Christie mit seinen Les Arts Florissants wirkliche Barockmusik, keinen angepassten Sound, wie man das beispielsweise aus der Einspielung unter Richard Bonynge kennt. Die Bühne von James Brandily liefert einen wunderbar muffigen Multifunktionsraum aus alten Kartons, die Zuschauer sitzen nah an der Szene auf alten Sofas, Stühlen und Klötzen. Petra Reinhardts Kostüme erwecken den Eindruck, man wäre in einer rauen BBC-Reality, die im Londoner Untergrund spielt, aber auch hier mit ungemein viel Humor und Ironie. Die dynamischen und mitreißenden Choreografien von Rebecca Howell runden das Bühnenspektakel ab.

Es ist faszinierend, wie die Epochen aufeinanderprallen und im selben Moment problemlos ineinandergreifen. Barocke Songs unterstützen eine moderne Darstellung und den entsprechenden Vokalstil. Operngesang vermisst man in keiner Sekunde. Les Arts Florissants greifen in die Seiten und Tasten, dass es eine Wonne ist, nahe an Folk Music und altertümlichen Popballaden.

Ensembletheater im besten Sinne

Diese Aufführung der 'Beggar’s Oper' ist Ensembletheater im besten Sinne. Alle spielen sich gekonnt die Bälle zu, alle legen eine überbordende Energie an den Tag, die keinen Widerspruch duldet. Hohes Spieltempo, Artistik und schmerzfreie Gestaltung dominieren, die Figuren sind herrlich eindringlich gezeichnet. Man leidet mit und lacht zugleich über die Absurdität der Situationen. Ein Showstopper ist Beverley Klein als Mrs. Peachum und Diana Trapes, irgendwo zwischen Bette Midler-Verschnitt und glänzender Angela Lansbury, eine Charmeoffensive, die vor nichts zurückschreckt. Klein singt die barocken Melodien mit einer Selbstverständlichkeit, die staunen macht. Dazu trägt sie ihr Leopardenoutfit in Kombination mit Leggins und Puschel-Puschen in grandioser Todesverachtung.

Glänzend besetzt sind auch Benjamin Purkiss als sexy Macheath im James-Dean-Look und Kate Batter als verliebte Polly mit herzerweichenden Musicaltönen. Der Peachum ist bei Robert Burt in den besten Händen, ebenso der schmierige Lockit bei Kraig Thornber und die Lucy bei der großartigen Olivia Brereton. Die Ganoven und Huren sind allesamt artistische Tänzerinnen und Tänzer, darstellerisch alle definitive Volltreffer – und musikalisch werden sie der Partitur im Sinne der Werkgeschichte ebenfalls gerecht.

Wenn man die 'Beggar’s Opera' so präsentiert bekommt, kann man die Faszination von 1728 mit Händen greifen. Christie und Les Arts Florissants rocken mit jeder Note, das Ensemble könnte nicht besser sein, die szenische Umsetzung ist ein Treffer ins Schwarze. Man muss sich konzentrieren, um alle Seitenhiebe und Feinheiten von Brexit bis Kokslinie auf dem Bügel des Kinderwagens im Finale zu erhaschen. Zu lachen gibt es jedenfalls viel, zu hören auch, zu staunen allemal.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:








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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    The Beggar's Opera: Les arts florissants, William Christie

Label:
Anzahl Medien:
Opus Arte
1
Medium:
EAN:

DVD
809478013280


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Gay, John


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Opus Arte

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