> > > Philippe de Monte: Madrigals & Chansons: Ratas del viejo mundo
Samstag, 21. Mai 2022

Philippe de Monte: Madrigals & Chansons - Ratas del viejo mundo

Für den feinen Geschmack


Label/Verlag: Ramée
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Begegnung mit Philippe de Monte ist ein wirkliches Vergnügen: Der Blick lohnt, mag de Monte nun Spektakuläres an sich haben oder nicht. Die Ratas del viejo mundo zeigen es.

Der Franko-Flame Philippe de Monte (1521-1603) begegnet der interessierten Hörerschaft gelegentlich im habsburgischen Kontext – er war 35 Jahre lang kaiserlicher Hofkapellmeister in Wien und Prag –, ist aber diskografisch doch deutlich seltener anzutreffen als manch prominenterer Name seiner Zeit. An der kompositorischen Qualität seiner Madrigale, Chansons, Messen und Motetten kann es nicht liegen – die ist superb, edel, ausgewogen: ‚Musik für Feinschmecker‘, wie der flämische Musikwissenschaftler Ignace Bossuyt es nennt. Der Autor des aufschlussreichen Booklettexts, Peter Van Heyghen, vermutet, dass es über Leben und Werk de Montes einfach zu wenig Spektakuläres zu berichten gibt, als dass er als historisch interessantere Figur und mit ihm seine Musik stärker hervorträte – anders als bei manch berühmtem Zeitgenossen: Cipriano de Rore und Giaches de Wert seien Bahnbrecher gewesen, Giovanni Pierluigi da Palestrina habe in Rom wie Andrea Gabrieli in Venedig das Glück gehabt, zu historisch relevanter Zeit an entscheidendem Ort gewesen zu sein, zudem sei de Monte ein sehr viel schlechterer Selbstvermarkter gewesen als sein Kollege Orlando di Lasso in München. Dieses amüsante Gedankenspiel wird nicht ins Unangenehme übertrieben, so dass der Ruhm des eigenen ‚Schützlings‘ einzig oder wesentlich durch das Madigmachen seiner zeitgenössischen Kollegenschaft begründet würde, was dem Rezensenten angesichts der unstrittigen Qualitäten der angesprochenen Komponisten auch deutlich missfallen hätte.

Das Programm der beim Label Ramée erschienenen Platte des Ensembles Ratas del viejo mundo zeigt de Monte als Meister des seriösen Madrigals vor den Zeiten der heraufziehenden barocken Fortentwicklung dieser Gattung in hochexpressive Sphären hinein. Hier ist es vor allem die subtile Textdeutung, die besticht, weniger sind es grelle harmonische Kühnheiten oder lineare Effekte. Zu den italienischen Madrigalen treten wenige französische Chansons und Motetten.

Variabler Mix

All das wird in überaus variabler Besetzung geboten: Vom lautenbegleiteten Solo bis zur komplexen vokalen Vierstimmigkeit; hinzu treten als Momente des Kontrasts komplett instrumentale Abschnitte oder Sätze. Man soll die Möglichkeiten des auf den ersten Blick vielleicht limitiert besetzten Ensembles also nicht unterschätzen. Die Ratas del viejo mundo sind die Sopranistin Michaela Riener, die Mezzosopranistin Soetkin Baptist, die Altistin Anne Rindahl Karlsen sowie der Bass Tomàs Maxé auf vokaler Seite, dazu die beiden Gambistinnen Salomé Gasselin und Granace Boizot sowie der Lautenist und Gitarrist Floris de Rycker, der die Formation als musikalischer Leiter anführt. Man mag in der vokalen Reihe den Tenor vermissen, doch die Altistin Rindahl Karlsen ersetzt ihn mit schlankem, gleichwohl kernigem Ton sehr gelungen, wie überhaupt das Moment des Lichten betont wird. Dazu kommt, dass das Klangideal nicht auf stets blankgeputzte Reinheit bedacht ist, sondern dass Momente mit Ecken und Kanten zugelassen werden – aufgeraute Texturen, die dann wieder in erlesene Tonschönheit geführt werden.

Die drei Instrumente sind sehr viel mehr als nur Grundierung: Die Gamben werden zu linearer Pracht entfaltet, edel im Ton und natürlich in der Anmutung; die gezupften Beiträge bieten Struktur und sind gleichberechtigt an der Entfaltung der Sätze beteiligt. Freies Fließen ist allerorten garantiert, keine äußere Force dehnt oder drängt natürlich empfundene Tempi. Intoniert wird ohne Makel, vokal mit den angesprochenen, bewusst gesetzten Unebenheiten – in diesen Momenten ganz auf die üppigen Qualitäten der Stimmen vertrauend. Texte werden klug und behutsam entfaltet, gemeinsam mit dem ebenso intrikaten musikalischen Gewebe. Das Klangbild ist konzentriert, direkt und von aufgeräumter Klarheit – eine angemessene technische Präsentation, die mitatmet und bei aller Präzision nicht ohne Charme ist.

Diese Begegnung mit Philippe de Monte ist ein wirkliches Vergnügen – mit Blick auf das aufgreifende Schaffen des Komponisten und die arg überschaubare Spielzeit der Platte von nur 50 Minuten ein vielleicht allzu kurzes: Der Blick lohnt aber, mag de Monte nun Spektakuläres an sich haben oder nicht. Die Ratas del viejo mundo zeigen es.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Philippe de Monte: Madrigals & Chansons: Ratas del viejo mundo

Label:
Anzahl Medien:
Ramée
1
Medium:
EAN:

CD
4250128520041


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Monte, Pilipp de


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Ramée

Das Label RAMÉE wurde im Jahre 2004 von Rainer Arndt gegründet.
In den ersten vier Jahren seiner Existenz hat sich RAMÉE bereits als eine vielbeachtete Marke am CD-Markt der Alten Musik etabliert. Etliche Veröffentlichungen des noch kleinen Katalogs haben das Lob von Fachpresse und Publikum gefunden und sind mit Preisen prämiert worden. Sechs bis acht »handverlesene« Produktionen pro Jahr des Ein-Mann-Betriebes konzentrieren sich vor allem auf selten oder noch nicht eingespielte Literatur der Alten Musik oder auf bekanntere Werke in neuen und ungewöhnlichen Interpretationen.
Dabei werden nicht nur höchste Ansprüche an die Aufnahme selbst gestellt, sondern ebenso an die graphischen und taktilen Eigenschaften der Hülle sowie an die literarische und wissenschaftliche Qualität des Textheftes: RAMÉE-CDs sollen poetische Objekte als Ganzes sein, denn das Vergnügen des Ohres ist untrennbar mit dem des Auges und der Hand verbunden. Eine Edition für anspruchsvolle Liebhaber guter Musik!


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