> > > Music for the King of Scots: The Binchois Consort, Andrew Kirkman
Mittwoch, 8. Dezember 2021

Music for the King of Scots - The Binchois Consort, Andrew Kirkman

Klangexperiment


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Andrew Kirkman und The Binchois Consort mit gehaltvoller Musik aus dem schottischen Carver Choirbook, technisch hochambitioniert umgesetzt.

Der heute als eindrucksvolle Ruine von früherer Größe kündende Linlithgow Palace war für etliche schottische Könige Lieblingsort und Refugium, Jakob V. und Maria von Schottland wurden hier geboren, Jakob IV. verbrachte Hochfeste an diesem Ort und wusste auch die Musik in der königlichen Kapelle zu schätzen. Das aktuell bei Hyperion erschienene Programm des von Andrew Kirkman geleiteten Binchois Consorts ist aus dem im Zusammenhang mit diesem Ort überlieferten Carver Choirbook gewonnen. Eine große, der heiligen Katharina gewidmete Messe von anonymer Hand und scharfkantig-eigenwilliger Meisterschaft steht im Zentrum: Allein dafür, diesen Beweis eminenter Qualität einer nicht mit einem konkreten – womöglich berühmten – Namen verbundenen Komposition angetreten zu haben, gebührt der Einspielung Anerkennung. Die Messe ist konsequent eingebettet in Gregorianik, die in ebenjenem Chorbuch überliefert ist, gekrönt von einem ebenso ausgreifenden wie charaktervollen, dazu ebenfalls anonym überlieferten Magnificat; am Ende steht, korrespondierend, eine Marienmotette von William Cornysh, die sich stilistisch glänzend zum übrigen Programm fügt.

Technisch hochgerüstet

Das Vorhaben, das die Produktion spiegelt, war nicht nur auf eine simple Klangaufnahme hin orientiert: Wie eingangs angedeutet, sind Schloss und Kapelle heute Ruinen, weshalb man sich mit erstaunlichen wissenschaftlichen Kräften der Anstrengung unterworfen hat, die im Raum der königlichen Kapelle wahrscheinliche Klanglichkeit nachzubilden, ohne einfach in einen ähnlich großen und baulich ausgestatteten Raum zu wechseln – die Entscheidung also für ein Experiment unter Laborbedingungen. Entstanden ist die Aufnahme folglich in einem schalltoten Studio, mit einem ideal im Raum platzierten elektronischen Kopf des imaginären Hörers.

Die Basis bildeten aufwendige Berechnungen der akustischen Verhältnisse in der historischen Kapelle, unter Berücksichtigung der Kenntnisse über die dort verwendeten Baumaterialien und Ausstattungselemente und deren Einfluss auf die Klangentfaltung. Auf der Basis dieser Kenntnisse und Erwägungen hat man dann den fiktiven Raumanteil dazu berechnet und das reale Klangbild der sieben Männerstimmen entsprechend erweitert. Das Ergebnis ist, nüchtern betrachtet und ohne gedankliche Anerkennung all der Mühen, die sich kluge Köpfe in dieser Angelegenheit zweifellos gemacht haben, eher klein dimensioniert, hat nachvollziehbarer Weise wenig Effekte, die die Stimmen zusammenbringen, und wirkt bei aller erreichten Intimität und Transparenz doch auch limitiert, dazu artifiziell. Eine missliche Lage: Authentizität kann auf technischem Wege nicht erreicht werden; gleichzeitig scheint die komplexe Annäherung zu wenig Ertrag zu bringen. Dazu kommt die Frage auf, ob Vokalmusik jener Zeit nicht erst durch den mitklingenden Raum zu sich selbst wird, den tatsächlichen – vielleicht in Dimension und Ausstattung nur ähnlichen -, nicht den berechneten? Angesichts des betriebenen Aufwands ist das zweifellos gute, aber keinesfalls noch besser einzustufende Ergebnis bei der Klangqualität ein zumindest irritierender Befund.

Vokal überzeugend

The Binchois Consort vereint in der Besetzung mit den Altisten David Allsopp und Tim Travers-Brown, den Tenören Nicholas Mulroy, Nick Madden, George Pooley und Matthew Vine sowie dem Bassisten Jimmy Holliday profilierte Stimmen mit teils solistischem Format. Die Stimmcharaktere sind klar und kantig ausgeprägt; die Akteure gehen unter den gegebenen Umständen – fehlende Chance zum gemeinsam ausgehörten Zusammenklang, mangelnde Mischfähigkeit der akustischen Situation, stimmliche Isolation unter schalltoten Bedingungen – mit Mut ins Risiko und kommen zu erstaunlich überzeugenden Ergebnissen. Das Plenum gerät kraftvoll, manches Bicinium dagegen fein und zart, fast gespinsthaft. Die Intonation ist klar und sicher, auch in dieser Sphäre eher das Trennscharfe denn die Verbindung der verschiedenen Einzelbeiträge betonend. Andrew Kirkman lässt das Geschehen fließen, gelegentlich frisch und entschlossen Impulse setzend. Die sieben Vokalisten investieren präzis konturierte Kraft, gestalten dazu eine klar formulierte Linearität von fortwährender Lebendigkeit.

In der Summe ein Klangexperiment mit interessantem Repertoire. Andrew Kirkman und The Binchois Consort mit gehaltvoller Musik aus dem schottischen Carver Choirbook, technisch hochambitioniert umgesetzt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Music for the King of Scots: The Binchois Consort, Andrew Kirkman

Label:
Anzahl Medien:
Hyperion
1
Medium:
EAN:

CD
034571283333


Cover vergössern

Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Hyperion:

  • Zur Kritik... Vaughan Williams für das 21. Jahrhundert: Martin Brabbins bezaubert mit Vaughan Williams' Pastoral Symphony. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Klanggewordene Kirchenfenster: Zum 70. Geburtstag der englischen Komponistin Cecilia McDowall legt Hyperion eine repräsentative Auswahl ihrer Chormusik vor. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Meisterlich: Heinrich Isaac strahlt mit seiner Kunst über jede kleinliche Einordnung weit hinaus. Und auch Cinquecento wandelt wie auf etlichen Platten zuvor auf einer ganz besonderen Höhe. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Hyperion...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Ohne Schlacken: Eine rundum schöne Advents- und Weihnachtsplatte: Im besten Sinne zugänglich und stimmungsvoll, dabei von Gewicht und künstlerischer Substanz. Auch in dieser Saison kann es mit The Sixteen feierlich weihnachten. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Giosquino, der Italiener: Ein weitere hochklassige Würdigung Josquins in seinem 500. Todesjahr: Diese Platte von Odhecaton und Gesualdo Six setzt willkommene Impulse, um das erfreulich reich überlieferte kompositorische Erbe Josquins vor Ohren geführt zu bekommen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Hitmaschinen: Die Lautten Compagney mit einem Volltreffer: Für das wache Ohr und den kritischen Geist ebenso wie für den reinen Klanggenuss. Purcell und die Beatles vereint in einer Zeitreise, die sich lohnt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Vergessene Interpretationskunst: Auf 5 CDs wird der französischen Pianistin Yvonne Lefébure gedacht – eine Entdeckung auch für Kenner historischer Aufnahmen. Weiter...
    (Daniel Eberhard, )
  • Zur Kritik... Ohne Schlacken: Eine rundum schöne Advents- und Weihnachtsplatte: Im besten Sinne zugänglich und stimmungsvoll, dabei von Gewicht und künstlerischer Substanz. Auch in dieser Saison kann es mit The Sixteen feierlich weihnachten. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Bach mit Herz und Seele: Claire Huangci empfiehlt sich mit ihrem neuen Album für weitere Bach-Aufgaben. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

IMMA

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/12 2021) herunterladen (3500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich