> > > Philippe Manoury: lab.oratorium: Gürzenich-Orchester Köln, Francois-Xavier Roth
Sonntag, 23. Januar 2022

Philippe Manoury: lab.oratorium - Gürzenich-Orchester Köln, Francois-Xavier Roth

'Spannungslage einer Wohlstandsgesellschaft'


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Klanglich vorzüglicher Uraufführungsmitschnitt eines vielgestaltigen 'Oratoriums'.

Philippe Manoury gilt, so sein Management, als einer der wichtigsten französischen Komponisten und als Forscher und Wegbereiter auf dem Gebiet der Musik mit Live-Elektronik. Der aus Tulle (Nouvelle-Aquitaine) stammende und in Strasbourg lebende Komponist und Programmierer, der 2022 70 Jahre alt wird, hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt auch mit deutschsprachiger Lyrik befasst.

Komplexes Klang- und Formkonzept

2016-19 erlebte die ‚Trilogie Köln‘ in der dortigen Philharmonie ihre Uraufführung, auf deren räumliches Konzept sie zugeschnitten ist. ‚Lab.Oratorium‘ fordert zwei Schauspieler, zwei Solosängerinnen, Kammerchor, großen Chor, Live-Elektronik und Orchester. Es rekurriert auf die beiden anderen Teile (‚Ring‘, Uraufführung 2016, mit einem 120 Mann starken Orchester, und das weniger aufwändige Flötenkonzert ‚Saccades‘), doch es ist unzweifelhafter Höhepunkt dieser Trilogie. Inspiriert durch die Inszenierungsstrategien im zeitgenössischen Theater, namentlich durch seine Zusammenarbeit mit dem Regisseur Nicolas Stemann, intensiviert Manoury das Zusammenspiel von musikalischer und theatralischer Idee. Gemeinsam mit François-Xavier Roth, mit dem er schon 2013 in Donaueschingen zusammenarbeitete, entwickelte er das komplexe Klang- und Formkonzept des fast 80-minütigen Werkes in zehn Kapiteln.

Inhaltlich kreist das Werk um das Sterben Tausender Menschen auf der Flucht im Mittelmeer. Im Gespräch mit Seenotrettern und Geflüchteten haben Stemann und Manoury ihr Bewusstsein für diese Krise geschärft. In krassen Farben vereint das Werk ‚die Spannungslage einer Wohlstandsgesellschaft auf der Suche nach Unterhaltung und der Unmöglichkeit, vor der Wirklichkeit die Augen zu verschließen‘ (Patrick Hahn). Texte von Hannah Arendt, Ingeborg Bachmann, Elfriede Jelinek und Georg Trakl bilden die Grundlage für die Komposition, deren Konzept Henzes ‚Floß der Medusa‘ nicht ganz unähnlich ist. Die Philharmonie wird zu einem dekadenten Kreuzfahrtschiff – oder ist es eine Arche? Ingeborg Bachmanns Gedicht ‚Reklame‘ führt mitten ins Herz des ‚Lab.Oratorium‘: ‚Wohin aber gehen wir?‘ fragt darin das lyrische Ich. ‚ohne sorge sei ohne sorge‘ antwortet eine zweite Stimme, ‚heiter und mit musik‘. Doch die zweite Stimme verstummt angesichts der Realitäten.

Perfektes Timing

François-Xavier Roth, Meister des frühen 19. wie des frühen 21. Jahrhunderts, erweist sich als überlegener Koordinator der unterschiedlichen Klanggruppen, mit perfektem Timing und feinem Gespür für Ernst, schrägen Humor und bittere Ironie. Die genau tarierten instrumentalen Feinheiten kommen ebenso zum Tragen wie die Kraft der ‚klanglichen Masse‘, die Verwendung von Zitaten und Anspielungen oder die Details der Chorpolyphonie. Das SWR Vokalensemble (Einstudierung Léo Warynski) und der Lab.Chor (Michael Ostrzyga) haben ebenso wesentlichen Anteil am Geschehen wie das Gürzenich-Orchester Köln und die Solisten Rinnat Moriah (Sopran), Tora Augestad (Mezzosopran), Patrizia Ziolkowska und Sebastian Rudolph (Sprecher); die digitalen Klangeffekte sind perfekt gesetzt und das Ergebnis ein beeindruckendes, bewegendes, hochaktuelles Ganzes von großem musikalischen Reichtum. Besonders ist, das sei noch einmal ausdrücklich wiederholt, die ausgezeichnete Aufnahmetechnik (Stephan Cahen), die die ganzen räumlichen Möglichkeiten der Kölner Philharmonie sozusagen zum Klingen bringt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Philippe Manoury: lab.oratorium: Gürzenich-Orchester Köln, Francois-Xavier Roth

Label:
Anzahl Medien:
WERGO
1
Medium:
EAN:

CD
4010228739626


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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