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Montag, 25. Oktober 2021

The Brandenburg Project - Swedish Chamber Orchestra, Thomas Dausgaard

Kommentierter Bach


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bachs Brandenburgische Konzerte in einer diskografisch wirklich herausragend bedeutsamen Konstellation: Kontrast und Fortspinnung in kreativen Reflexen der Gegenwart. Das Swedish Chamber Orchestra mit einem bemerkenswerten 'Brandenburg Project'.

Thomas Dausgaard hat ja recht, wenn er mit Blick auf vertraute Großwerke der Musikgeschichte von der Gefahr spricht, dass sie ‚betuliche Begleiter unseres Lebens werden‘, und wir dazu neigen, ‚– wie bei Menschen, Orten, Büchern oder Gedanken – ihren besonderen Qualitäten gegenüber unempfindlich zu werden und sie gar für selbstverständlich zu halten.‘ Diesen Befund unterstreicht er auch mit Blick auf Johann Sebastian Bachs sechs Brandenburgische Konzerte, die geschätzt, gar geliebt werden, deren Allvertrautheit aber dann und wann auch in eigentliche Unkenntlichkeit einmünden kann, vom Konzertbetrieb und einer großen Zahl mehr oder weniger profilierter Einspielungen immer wieder neu präsentiert – aber auch wirklich gekannt? In ihrer Substanz beherzigt, in all der teils revolutionären Qualität manches Satzprinzips reflektiert? Dausgaard hat mit seinen Mitstreitern des Swedish Chamber Orchestra Zweifel daran angemeldet, kreative Zweifel, und sechs Komponisten der Gegenwart um ihre Kommentare zu Bach gebeten. Höhepunkt dieses Jahre andauernden Projekts war eine eintägige Gesamtaufführung des gesamten knapp dreieinhalb Stunden Spielzeit umfassenden Konvoluts im Jahr 2018 im Rahmen der BBC Proms in der Londoner Royal Albert Hall. Jetzt liegt bei BIS eine Einspielung dieser bemerkenswerten künstlerischen Anstrengung vor.

Die sechs modernen Kommentatoren

Das erste der Bach-Konzerte kommentiert Mark-Anthony Turnage (geb. 1960) mit seinem viertelstündigen Satz 'Maya' (2016) für Solo-Cello, Streicher und eine delikate Bläserbesetzung. Inspiriert von der famosen Cellistin Maya Beiser, die dem Stück auch hier Kontur und Schönheit gibt, lässt Turnage eine traumhafte Kantilene über unruhigem Pizzicato-Grund erblühen, abgewechselt mit teils scharfkantiger Bläserakkordik, sich allmählich aufschwingend zu größerer Geste und kontrapunktischer Interaktion zwischen Solo und einzelnen Bläsern. Natürlich ist das ein Vehikel für die intensiv spielende Beiser, aber doch ein gehaltvolles. Nach dem zweiten der Bachschen Konzerte kommt Steven Mackey (geb. 1956) mit seinem Stück 'Triceros' aus dem Jahr 2015 zu Gehör, direkt aus dem Schluss des Konzerts hervorgehend. Der zuvor bereits prägende Trompeter kommt mit drei Instrumenten zur Geltung: Einer C-Trompete, einer Piccolo-Trompete und dem Flügelhorn, verschiedene Farbwerte und Klangsphären geduldig erkundend; dazu emanzipiert sich der Klang des Cembalos allmählich aus der Vereinzelung seines anfänglichen Satzes – doch der Trompeter bleibt das strahlende Solo über der Gruppe, mit wunderbaren Lyrismen und attraktiven Rhythmen, dazu getragen von behänder Interaktion mit den übrigen Instrumenten.

Das fünfsätzige Stück 'Bach Materia' aus dem Jahr 2017 für Solo-Violine und Streicher von Anders Hillborg (geb. 1954) hebt mit dem Hüsteln der Instrumentalisten und dem Stimmen des Orchesters an, aus dem heraus brillant aufsteigende Figuren entfaltet werden. Das Solo agiert mit üppigem Freiraum; Hillborg greift einerseits dezidierter als die vorausgehenden Kollegen Bachs Material auf, mit teils verblüffenden Verfremdungseffekten. Gleichzeitig entfernt er sich von dieser Sphäre entschieden, wenn in improvisatorisch gehaltenen Passagen die Instrumentalisten manche Vokalise teils wild mitgrölen.

Konzeptionell stark zeigt sich Olga Neuwirth (geb. 1968) in ihrem 2016/17 als Kommentar zu Bachs viertem Konzert entstandenen Stück 'Aello – Ballet mécanomorphe': Interessant ist zunächst die Instrumentierung mit etlichen verschiedenen Flöten, gedämpften Trompeten, einem Synthesizer mit Cembalo- oder Glasharmonikaklang. Ein batteriebetriebener Milchschäumer interagiert mit einem gestimmten Weinglas, gar einer Portierklingel. Ein erstaunlich wirkungsvoller Einfall ist tatsächlich der auf den ersten Blick abwegig erscheinende Einsatz einer mechanischen Schreibmaschine, um das strukturgebende Moment des Cembalos einzubringen – was klingend viel selbstverständlicher gelingt, als es sich beim bloßen Lesen vermutlich anhört. Dazu kommen weitere Experimente, unter anderem mit verschiedenen Tonhöhen – die Celli spielen mit einem Kammerton von 450 Hz, Violinen und Bratschen mit 443 Hz und dergleichen mehr. Und doch: Neuwirth ist materiell und strukturell konsequent sehr nah bei Bach und gibt sich streng orientiert – aber eben maximal verfremdet und oft in Details zerlegt, mit rhythmischen Mustern als wirksamem Kontext.

Uri Caine (geb. 1956) antwortet mit dem halbstündigen 'Hamsa' (2015), was vom arabischen Wort für fünf herrührt, auf Bachs fünftes Konzert. Das Klavier ersetzt das Cembalo, dazu kommen Flöte, Violine und Streichorchester. Caine starte eine spielerische Affirmation der Strukturen, der Besetzung, des Materials aus Bachs Konzert, die schnell in avanciertere Gesten einmündet, mit multiplen Spieltechniken. Die Violine beansprucht einen improvisatorisch gefärbten Riesenbeitrag, evoziert im Zusammenspiel mit den anderen Partnern klangsinnliche Stimmungen ohne alle Gefühligkeit, findet aber auch zum Trialog von tatsächlich erzählerischer Qualität.

Der Komponist und Bratschist Brett Dean (geb. 1961) schließlich leitet mit seinem Stück 'Approach – Prelude to a Canon' von 2017 zum sechsten Bach-Konzert hin, nähert sich Bachs Prinzip der kontrapunktisch miteinander verflochtenen Soli an – eine Auseinandersetzung voller Intensität und Spannung, klanglich gelegentlich rau, streng in der Organisation, sehr sparsam auf florale Linearität setzend, in knapp formulierten Gesten. Der Übergang zu Bachs Konzert vollzieht sich dann erstaunlich fließend und bruchlos.

Orchester und Solisten zeigen sich inspiriert

Man knüpft also an Besetzungen und Grundtatsachen der Bachschen Konzerte an, kontrastiert, extemporiert – und in der Tat: So wie Thomas Dausgaard es im Einführungsessay des prall gefüllten und hervorragend ausgestatteten Booklets beschreibt, bekommen diese Impulse der Musik Bachs sehr gut, haben genug eigenen Gehalt, um bestehen zu können, modellieren in ihrer eigenen Ästhetik Bachs Stärken wie in einem Spiegel heraus. Sie lassen nie ganz von Bach und dessen Qualitäten, emanzipieren sich aber ohne jede Scheu. Das Swedish Chamber Orchestra spielt diese Gegenwartskommentare lustvoll und zupackend, bei aller Delikatesse mit ausnehmender Leidenschaft, dabei reich nuanciert und in jedem Moment zutreffend. Harmonische Schärfen der überwiegend nicht bis ins Äußerste avancierten, eher freitonalen Musik werden sattsam ausgekostet, auch Eigenwilligkeiten der Besetzung zum Beispiel bei Olga Neuwirth. Dabei wird jede spezifische instrumentale Virtuosität mit reichem Leben erfüllt, auch in Grenzbereichen von Ton und Klang. Herausragende Solisten prägen das Bild: Die Geigerin Antje Weithaas, der Trompeter Håkan Hardenberger, die Flötistin Fiona Kelly, die Cellistin Maya Beiser, der Oboist Mårten Larsson, Tabea Zimmermann und Brett Dean auf der Bratsche, Uri Caine mit seinem Beitrag auf dem Klavier – die Liste ließe sich leicht und deutlich erweitern. Dausgaard entfaltet diese geballte musikalische Kraft in frischen, aber maßvollen Tempi, fern der Extreme siedelnd. Intoniert wird auf heiklem Terrain entschieden und mit Geschmack, durchaus auf kraftvolle Momente und Brillanz setzend. Phrasen werden aus sprudelnder Aktivität gebildet, eine große Zahl an Nuancen wird gelassen ausformuliert.

Und Bach?

Wie schlägt sich diese Allstar-Besetzung mit dem Swedish Chamber Orchestra im Rücken bei Bach? Nun, man wird bei einem isolierten Blick auf die Deutung der Brandenburgischen Konzerte natürlich gleichfalls eine enorm hohe Qualität zu konstatieren haben. Und doch scheint der gedankliche und musikalische Ausgangspunkt nicht mit derselben Intensität versehen wie die Kommentare der Gegenwart: Die Konzerte werden munter und lebendig gespielt, vibrieren aber nicht in jedem Moment vor Energie, sind eher bewegt als druckvoll gehalten, entbehren vielleicht des letzten Funkens, den ihnen manche Spezialensembles wohl einzugeben in der Lage wären. Laid-back-Bach vom Feinsten, vor allem mit üppiger lyrischer Schönheit aufgeladen, eher gediegen denn mit der Überraschung rauer Gesten aufwartend. Die Soli artikulieren präzis und luftig, dabei erfreulich kleinteilig. Ausgerechnet der strukturgebende Basso continuo wird aber etwas zu sehr auf Linie gespielt und gerät zu weich. Das mag auch dem Klangbild geschuldet sein, das über üppige Qualitäten verfügt – Balance, Wärme, Staffelung –, aber bei den modernen Sätzen noch mehr Griffigkeit unter Beweis stellt.

Bachs Brandenburgische Konzerte in einer diskografisch wirklich herausragend bedeutsamen Konstellation: Kontrast und Fortspinnung in kreativen Reflexen der Gegenwart. Thomas Dausgaard und das Swedish Chamber Orchestra mit einem bemerkenswerten 'Brandenburg Project', das zwölf sehr verschiedene Konzerte gelungen miteinander in Verbindung bringt.

Interpretation:
Klangqualität:
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Booklet:





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    The Brandenburg Project: Swedish Chamber Orchestra, Thomas Dausgaard

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BIS Records
3
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EAN:

CD SACD
7318599921990


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Bach, Johann Sebastian


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Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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