> > > J.S.Bach: The Overtures: Concerto Copenhagen, Lars Ulrik Mortensen
Donnerstag, 17. Juni 2021

J.S.Bach: The Overtures - Concerto Copenhagen, Lars Ulrik Mortensen

Ohne Schlacken


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bachs Ouvertüren ohne Pauken und Trompeten – und nicht nur das: Dank solistischer Besetzung auch ganz ohne Schlacken. Lars Ulrik Mortensen und Concerto Copenhagen mit einer konzentrierten, fein balancierten Kammerversion.

Johann Sebastian Bachs Ouvertüren oder Orchestersuiten BWV 1066 bis 1069 gehören zum instrumentalen Kernbestand seines Werks und erfreuen sich vermutlich weit über den Kreis der versierten Bach-Liebhaber besonderer Prominenz. Geprägt je von einem einleitenden, großen Ouvertüren-Satz, entfalten sie sich in der Folge erstaunlich variantenreich und formverschieden. Die Datierung ist in Ermangelung direkter Überlieferung von Bachs Hand schwierig: Auch wenn die Ouvertüren sicher in Bachs musikalischer Praxis im Leipzig der 1730er Jahre eine Rolle spielten, kann eine frühere Entstehung zumindest begründet angenommen werden, kann gar von der Existenz früherer Versionen in reinen Streicherfassungen oder doch zumindest reduzierter Ausgestaltung ausgegangen werden.

Diesem Pfad folgt Lars Ulrik Mortensen, Cembalist und langjähriger Leiter des Concerto Copenhagen: Mit einer Argumentation von Joshua Rifkin nimmt er an, dass angesichts der oft wenig eigenständigen Führung der Trompeten im Verbund mit den Pauken die D-Dur-Ouvertüren BWV 1068 und 1069 sinnvoll in einer Variante nur mit Streichern, Oboen und im Falle der letzteren auch Fagott aufzuführen sind. Ob man das, wie in der aktuellen cpo-Produktion geschehen, dann als Originalversion bewerben muss, sei dahingestellt. Lohnend ist dieser Weg der herausreduzierten klanglichen Vergrößerung oder gar Vergröberung allemal: Hat man sich nicht schon so manches Mal gefragt, ob das Air in BWV 1068 in seinem Goldrahmen von Trompetenklang nicht merkwürdig ästhetisch entfernt scheint vom ‚Rest‘ der Komposition? Mortensen geht diesen Weg mit aller Konsequenz und besetzt alle Register solistisch: Das verlagert die Balance natürlich zu den Holzbläsern und weist zugleich den Weg zu vibrierender kammermusikalischer Intensität. Orchestersuiten im traditionellen Sinne sind es für das solchen Klang gewohnte Ohr dann wohl nicht mehr – einen wirklich lohnenden und in sich konsistenten Ansatz präsentieren Mortensen und sein Ensemble damit aber allemal.

Solistische Könner mit kammermusikalischem Ideal

Concerto Copenhagen findet sich zu einem federnd-sehnigen, präzis rhythmisierten Grundklang zusammen; einzelne Linien erblühen in subtiler Kultiviertheit und entfalten gezielt Wirkung. Angesichts der schmalen Besetzung mit vielfältigen solistischen Aufgaben seien die Namen genannt: Violine spielen Fredrik Form und Hannah Tibell, Viola Torbjörn Köhl, Violoncello Judith-Maria Blomsterberg, Kontrabass Megan Adie, Traversflöte Katy Bircher, Oboe Antoine Torunczyk, Andreas Helm und Per Bengtsson, Fagott Jane Gower und am Cembalo agiert mir großem Temperament Lars Ulrik Mortensen. Gemeinsam schaffen sie in der ‚trompetenlosen‘ Ouvertüre BWV 1068 eine bemerkenswert stimmige Balance, die das Air gelungen einbettet und es nicht zum abrupten Ruhepol werden lässt, wie es sonst gelegentlich geschieht. Artikuliert wird knapp, klar und beredt, gliedernd, aber doch Kontexte nicht leugnend, gefügt zu einem oft vibrierenden, zum Beispiel in BVW 1067 aber auch fein verinnerlichten Ganzen.

Intoniert wird famos, in fein ausgehörter Akkordik sich niederschlagend; etliche freie Klänge geraten geradezu beglückend. Dynamisch wird – natürlich – das Feld der feinen Nuancen durchmessen, nachvollziehbarer Weise weit abseits jeder Kraftmeierei – und doch muss niemand zu schwach energetisierte Darbietungen fürchten. Mortensen forciert keine Tempi und fügt die Sätze ihrer Eigenart entsprechend in harmonisch wirkende Relationen. Es gibt in diesem Suiten- oder eben Ouvertürenkosmos prägende solistische Beiträge: Natürlich in BWV 1067 die Traversflöte, die Katy Bircher mit harmonischem Ton spielt, klug mit den Streichern interagierend, getragen von einer sprudelnd-eloquenten, dabei unaufdringlichen Virtuosität. Fredrik Form erweist sich in BWV 1068 als formidabel und kantilenenstark, schwingt sich mit Hannah Tibell im Air zu einer wunderbar intimen Größe auf. Und Jane Gower trägt mit beeindruckend versatilem Fagott dazu bei, dass BWV 1066 und 1069 mit ganz besonderen Farben aufwarten können.

Das Klangbild der im November 2019 in der Kopenhagener Garnisonskirche entstandenen Aufnahme ist von subtiler Klarheit, strukturbetont und feiert in edler Balance ein Fest der Nuance. Im schön fotografierten Booklet steuert Karl Aage Rasmussen einen erhellenden und pointierten Text bei. Bachs Ouvertüren ohne Pauken und Trompeten – und nicht nur das: Dank solistischer Besetzung auch ganz ohne Schlacken. Lars Ulrik Mortensen und Concerto Copenhagen mit einer konzentrierten, fein balancierten Kammerversion. Edle Miniaturen eröffnen einen neuen Blick und verlieren dabei nichts an musikalischer Substanz oder Prägekraft.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    J.S.Bach: The Overtures: Concerto Copenhagen, Lars Ulrik Mortensen

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203534623


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Bach, Johann Sebastian
 - Overture No.1 in C major BWV 1066 -
 - Overture No.1 in C major BWV 1066 -
 - Overture No.1 in C major BWV 1066 -
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 - Overture No.2 in B minor BWV 1067 -
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 - Overture No.3 in D major BWV 1068 -
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 - Overture No.4 in D major BWV 1069 -
 - Overture No.4 in D major BWV 1069 -
 - Overture No.4 in D major BWV 1069 -
 - Overture No.4 in D major BWV 1069 -
 - Overture No.4 in D major BWV 1069 -


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Dirigent(en):Mortensen, Lars Ulrik
Orchester/Ensemble:Concerto Copenhagen


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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