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Montag, 14. Juni 2021

Reger: Piano Trio op.102 - Artium Trio

Grenzbezirke der Kammermusik


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit seinem Klaviertrio op. 102 lotet Max Reger Grenzbezirke der Kammermusik aus. Das Artium Trio ist dem Werk in jeder Hinsicht gewachsen.

Historisch belegt oder nur gut erfunden? Max Reger soll zu einer Schülerin gesagt haben, das Komponieren einer Symphonie sei einfach: Man schreibe zuerst ein Streichquartett und instrumentiere es dann. Selbst wenn die Aussage eher anekdotischen Charakter hat, verweist sie dennoch auf den Wesenskern vieler (nicht aller) Kammermusikwerke des Komponisten: ihre symphonische Anlage. Dies gilt nicht nur für die oft üppige Ausdehnung, sondern auch die instrumentale Faktur der Stücke, in der alle beteiligten Instrumente ihren Anteil am symphonischen Miteinander haben. Insofern wäre es verfehlt, bei der Besprechung einer Violinsonate Regers zu schreiben, dass der Pianist ein guter Begleiter des Geigers gewesen sei. Er begleitet ihn eben nicht, sondern musiziert mit ihm auf Augenhöhe; durchaus so, dass die Violine auch einmal gegenüber dem Klavier zurücktreten darf.

Ähnliches lässt sich über das Klaviertrio op. 102 aus den Jahren 1907/08 sagen, das schon mit seiner Spieldauer von über 40 Minuten aus dem gattungsüblichen Rahmen herausragt. In Konzertführern ist häufig von ‚expressionistischen Zügen‘ oder den ‚chromatisch zerquälten Flächen‘ des Werkes die Rede; Susanne Popp charakterisiert das Trio in ihrer umfassenden Reger-Monographie wie folgt: ‚Die Balance zwischen Transparenz und klanglicher Wucht, zwischen lyrischen und kraftvollen Expressionsfeldern ist labil, das Kunstwerk entzieht sich einer einfachen Deutung.‘ (S. 298)

Die geballte Ausdruckskraft und seine erhebliche Ausdehnung machen das Trio nicht gerade zu einem Lieblingswerk im Repertoire, und auch die Anzahl der CD-Einspielungen ist überschaubar. Das Artium Trio, bestehend aus Francisco Lima Santos (Violine), Pedro Gomes Silva (Violoncello) und João Barata (Klavier), hat sich nun an das monumentale Werk herangewagt. Daneben stehen – sozusagen als Zugaben – die Suite op. 79d für Violine und Klavier sowie die zwei Stücke für Violoncello und Klavier op. 79e.

Schlüssige Vermittlung

Viel Ausdauer und die Fähigkeit, auch über größere Räume hinweg musikalisch zu gestalten, sind also notwendig, um dem Trio op. 102 gerecht zu werden. Die Musiker des Artium Trio verfügen über diese Eigenschaften, und noch mehr: Sie sind in der Lage, die Abwechslung zwischen den massiven Steigerungen und dazwischen liegenden Ruhephasen innerhalb der Sätze schlüssig zu vermitteln – keine Kleinigkeit angesichts der epischen Dimensionen des Werkes. Alleine der Kopfsatz dauert fast eine Viertelstunde.

Santos, Silva und Barata gestalten sowohl die einzelnen Details (etwa die fast neckischen Pizzicati zu Beginn des zweiten Satzes) als auch die großen Bögen des Stückes so präzise und hervorragend artikuliert, dass man über die nicht optimale Klangbalance der Aufnahme gerne hinweghört. Der Klaviersatz ist so kraftvoll und massiv komponiert (vor allem in den Ecksätzen), dass der Pianist seine Mitstreiter hier und da regelrecht zudeckt. Diese – unstrittig dem Werk selbst geschuldete – Tatsache hätte eine subtile Klangtechnik eventuell etwas ausbalancieren können. Barata, der hier sicherlich auch zeigen möchte, dass er den erheblichen Anforderungen des Klavierparts vollauf gewachsen ist, hätte sich bisweilen ein wenig mehr zurückhalten können. Davon abgesehen ist den drei Musikern aber eine beeindruckende Interpretation eines Werkes gelungen, dessen Dimensionen sich dem Hörer wohl erst nach mehrfacher Lektüre eröffnen. Insofern könnte man zugespitzt formulieren, dass Regers op. 102 das ideale Werk für eine CD ist – wo man sich es mühelos häufiger zu Gemüte führen kann – und weniger ideal für den Konzertsaal, wo man nach einer einmaligen Aufführung kaum alle polyphonen und harmonischen Details dieses Kolosses entschlüsseln wird.

Die beiden kleiner dimensionierten Werke des op. 79 kann man schwerlich mit dem Trio vergleichen, doch als ‚Erholung‘ nach dem monumentalen op. 102 wirken sie durchaus passend. Die Kombinationen Santos/Barata (in op. 79d) bzw. Silva/Barata (in op. 79e) musizieren jeweils überaus harmonisch zusammen und unterstreichen so den positiven Gesamteindruck einer CD, die vor allem eine Lanze für Regers op. 102 bricht. Das Artium Trio hat die Messlatte für folgende Einspielungen hiermit ziemlich hoch gelegt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Reger: Piano Trio op.102: Artium Trio

Label:
Anzahl Medien:
Brilliant classics
1
Medium:
EAN:

CD
5028421957272


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Reger, Max


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