> > > Mascagni: Iris: Chor und Orchester der Berliner Operngruppe, Felix Krieger
Dienstag, 28. September 2021

Mascagni: Iris - Chor und Orchester der Berliner Operngruppe, Felix Krieger

Italienischer Japan-Verismo


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese neue 'Iris' ist ein leidenschaftliches Plädoyer für eine unterrepräsentierte Oper und sie verdient, wie auch die Berliner Operngruppe an sich, entsprechende Beachtung und Hochachtung.

Große Erfolge sind Segen und Fluch zugleich: Sie bringen Popularität und hoffentlich finanzielle Erträge, sie überschatten aber manchmal auch die Leistungen, die vor und nach diesen Erfolgen zu beachten wären. Im Falle eines Camille Saint-Saëns schlägt die Übermacht des 'Karneval der Tiere' härter zu, als es dem Komponisten lieb war, Carl Orffs Schaffen wird gerne auf die 'Carmina Burana' reduziert und ein Pietro Mascagni bleibt wohl ewig der Komponist der 'Cavalleria Rusticana' – zumindest für das breite Publikum. Längst bemüht man sich auch um die weiteren Opern Mascagnis. In Amsterdam gab es unlängst einen hörenswerten 'Piccolo Marat' zu erleben, in Braunschweig reanimierte man 2011 die 'Isabeau', Wexford wagte sich 2015 an den von Mascagni selbst hochgeschätzten 'Guglielmo Ratcliff', und 'L’amico Fritz' ist nie wirklich von den Bühnen verschwunden – allein schon wegen des beliebten 'Kirschen-Duetts'.

Die 1898 in Rom uraufgeführt Japan-Oper 'Iris' ist trotz wiederholter Produktionen nie im Bewusstsein einer breiten Zuhörerschaft angekommen. Nur eine einzige Studioaufnahme von 1988 mit Ilona Tokody und Placido Domingo existiert, wenige Livemitschnitte ergänzen die erschreckend übersichtliche Diskografie, deren Aufnahmen nahezu allesamt vergriffen sind.

Italienische Japan-Oper

Pietro Mascagni und sein Librettist Luigi Illica hatten einen thematisch guten Riecher, als sie Ende des Jahrhunderts auf den in der Opernwelt um sich greifenden Exotismus reagierten. Japan galt als besonders attraktiv und so lieferten Mascagni und Illica mit 'Iris' eine der ersten – wenn nicht die erste – Japan-Oper Italiens im veristischen Stil, angereichert durch Symbolismus und impressionistische Züge. Dass ein paar Jahre später Puccinis 'Madama Butterfly', wiederum auf ein Libretto Illicas, die reizvolle 'Iris' Mascagnis nahezu vergessen machen sollte, gehört zum tragischen Schicksal der ungewöhnlichen Oper.

Dabei ist 'Iris' ein hörenswertes und mutiges Stück Musiktheater, um einiges härter und erbarmungsloser als die 'Butterfly'. In aller Drastik wird die Geschichte eines jungen Mädchens, fast eines Kindes, erzählt, das von zwei skrupellosen Männern durch eine List entführt und in ein Geisha-Haus gesperrt wird. Als sich das Mädchen Iris dem lüsternen Osaka nicht hingeben will, entledigt er sich ihrer, indem er sich in die Auslage seines Betriebs stellt. Iris‘ Vater entdeckt sie dort und verflucht sie, worauf sich das Mädchen in den Tod stürzt. Zwischen Müllbergen haucht sie ihr Leben aus.

Leidenschaftliches Plädoyer

Die Berliner Operngruppe hat sich seit einigen Jahren um die Pflege oder Ausgrabung vernachlässigter Bühnenwerke verdient gemacht. Zum zehnjährigen Jubiläum gab es dann im Februar 2020 zwei konzertante Aufführungen von Mascagnis 'Iris' im Berliner Konzerthaus. Der Mitschnitt dieser beiden Vorstellungen ist als Doppel-CD beim Label Oehms erschienen. Er würdigt nicht nur die lobenswerten Bemühungen des Ensembles, sondern stellt den wenigen 'Iris'-Aufnahmen endlich eine aktuelle und tontechnisch saubere Version an die Seite. Die Leistungen aller Mitwirkenden sind beachtlich, gerade Chor (Leitung: Steffen Schubert) und Orchester unter der musikalischen Leitung von Felix Krieger zeigen sich von ihrer besten Seite. Behutsam und stilistisch versiert arbeitet Krieger die Schönheiten und Raffinessen von Mascagnis Partitur heraus. Schon der Beginn des ersten Akts, der klangvolle Weg von der Nacht zum Tag, gelingt den Musikerinnen und Musikern äußerst eindrucksvoll. Auch wenn hier kein Weltklasse-Orchester am Start ist, springt der Funke der Begeisterung und Ernsthaftigkeit, mit der hier ein Opernjuwel zum Glänzen gebracht wird, unmittelbar auf die Hörer über.

Ebenso leidenschaftlich agiert das Solistenensemble, wenngleich die Interpretationen nicht allein durch vokale Glanzleistungen überzeugen. So beeindruckt Karine Babajanyan in der Titelpartie vor allem durch ihr warmes, goldenes Timbre und den emotionalen Herzenston. Für die Schwierigkeit, ein junges Mädchen akustisch darzustellen, findet aber auch Babajanyan – wie auch andere Fachkolleginnen – keine adäquate Lösung. Ihr Vibrato ist nicht dauerhaft gut unter Kontrolle, in der Höhe verhärtet so mancher Ton und auch das stimmlich transportierte Drama ist immer wieder leicht überdosiert. Am bewegendsten ist die Sopranistin in den leisen, feinen Passagen, die mit ihrem Farbenreichtum eine neue Ebene erreichen.

Wunderbar kernig

Der Tenor Samuele Simoncini entledigt sich der unsympathischen Rolle des Osaka mit Verve und viel Italianità. Die gefürchtete Serenade im ersten Akt bereitet ihm wenig Mühe, wenngleich man sich für die versuchte Verführung seinerseits mehr Schmelz oder stilistische Feinheiten wünschen würde. Den Kyoto verkörpert Ernesto Petti mit edel sonorem Bariton – in der klanglichen Wirkung deutlich attraktiver als der erotisch umtriebige Tenor. David Oštrek singt einen wunderbar kernigen Blinden, ist aber hörbar ein junger Mann mit schöner Stimme. Die kleineren Partien der Geisha und des Lumpensammlers sind mit Nina Clausen und Andrès Moreno García makellos besetzt.

Diese neue 'Iris' ist ein leidenschaftliches Plädoyer für eine unterrepräsentierte Oper und sie verdient, wie auch die Berliner Operngruppe an sich, entsprechende Beachtung und Hochachtung. Eine Konkurrenz zu Giuseppe Patanès Studioeinspielung mit Tokody und Domingo ist dieser Mitschnitt zwar nicht, aber eine wichtige und lohnende Ergänzung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mascagni: Iris: Chor und Orchester der Berliner Operngruppe, Felix Krieger

Label:
Anzahl Medien:
OehmsClassics
2
Medium:
EAN:

CD
4260034869912


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Mascagni, Pietro


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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