> > > Bruckner/Haydn: Motetten: MDR Leipzig Radio Choir, Philipp Ahmann
Donnerstag, 17. Juni 2021

Bruckner/Haydn: Motetten - MDR Leipzig Radio Choir, Philipp Ahmann

Motetten aus Österreich


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Anton Bruckners Motetten gelingen dem MDR-Chor unter der Leitung von Philipp Ahmann bezwingend. Noch interessanter aber ist die Kopplung und Konfrontation mit der Musik Michael Haydns, die andeutet, woher Bruckner kirchenmusikalisch kommt.

Philipp Ahmann hat mit seinem MDR-Rundfunkchor bei Pentatone eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Platte vorgelegt. Es werden Motetten von Michael Haydn mit solchen von Anton Bruckner gekoppelt: Der jüngere Bruder des großen Joseph Haydn und der Spätromantiker Bruckner – wie passt das zusammen? Eine nähere Betrachtung lohnt und macht plausibel, was hinter dieser Idee steckt. Haydn war ausweislich seines beruflichen Wegs ein Mann der religiösen Musik, genauso von seinem Umfeld geprägt, wie er Teil eines lebendigen Geschehens war. Im Rahmen dieses Programms wird wirkungssichere Musik ihrer Zeit geboten. Die späten Werke, etwa das Graduale 'Christus factus est' von 1796, sind expressiv und charakterstark, in klar konturierten Gesten gesetzt oder, wie im Fall des 1778 entstandenen 'O vos omnes', in schöner Akkordik und dynamischer Differenz erblühend. Diese Musik siedelt deutlich oberhalb reiner Gebrauchsmusik, sie verrät Anspruch und eine individuelle Handschrift. Und man hört ihr an, wie sehr diese musikalische Basis der österreichischen Tradition der Humus für die Entwicklung Bruckners als geistlicher Komponist war. Es gab Verbindungen in diese Vergangenheit, etwa die Auseinandersetzung mit der barocken Kontrapunktik eines Johann Joseph Fux oder die kompositionstechnischen Grundlagen, die Bruckner bei seinem Lehrer Simon Sechter legte, der auch der Lehrer Franz Schuberts war. Gewiss, diese Aneignung der Traditionen vollzog sich nie direkt, aber doch selbstverständlich und hörbar, gelegentlich fast demonstrativ.

Das populäre und auch in diesem Programm erklingende 'Locus iste' steht der Geste Haydns nicht fern, allenfalls am Schluss, der in dieser Form harmonisch nicht denkbar gewesen wäre an der Wende zum 19. Jahrhundert. Doch das Schlichte, Weihevolle, gar Inbrünstige teilt Bruckner in derartigen Werken mit Haydn. Zugleich brach sich bei ihm, sehr deutlich in den reifen Werken, der harmonisch und affektiv klar der spätromantischen Sphäre verpflichtete Komponist umfassend Bahn: Eine derart reife Chromatik lässt sich nicht anders deuten, auch die extreme dynamische Auffächerung deutet darauf hin. Die Kopplung von Haydn und Bruckner macht deutlich, wie sich chorische Ästhetik in vergleichbarer Sphäre entwickeln kann – mit klaren Bezügen und der Erkenntnis, dass Komponieren bei aller Individualität des schöpferisch Tätigen auf vielfache Weise historischem Kontext verbunden ist.

Potenter Chor

Der MDR-Chor, den Philipp Ahmann nach langen Jahren in Hamburg beim NDR seit 2020 leitet, erweist sich als kultiviertes Ensemble, getragen von konzentrierten, klar profilierten Registern, auf deren Basis eine leuchtende Linearität entfaltet wird. Ahmann geht behutsam auf die Eigenarten Haydns ein, verhilft im Verbund mit dem Chor dessen Musik zu Größe und Glaubwürdigkeit – auf großem Atem, dazu mit bestechend klarer Diktion. In keiner der beiden ästhetischen Sphären lässt das Ensemble diese Qualitäten vermissen. Bei Bruckner ist eine nochmals gesteigerte Weite der Ausdrucksmöglichkeiten zu verzeichnen, auch dynamisch: In dieser Hinsicht ist der MDR-Rundfunkchor ein Klangkörper, der seine Mittel perfekt zu kontrollieren weiß, so dass feinste Differenzen – in relativ großer Besetzung hochattraktiv – ebenso zur Geltung kommen wie die energische Attacke. Dabei entfaltet der Chor auch in extremen Randlagen – hoch wie tief – einen sehr freien, unforcierten Klang. Das von vier Posaunen begleitete Offertorium 'Inveni David' lässt einen veritablen Männerchor hören, in für Bruckner typischer Klanglichkeit.

Philipp Ahmann lässt in fließenden, freien, niemals gedrängten Tempi musizieren, auf der Basis eines schönen Grundpulses. Intonatorisch sind keinerlei Probleme zu verzeichnen, in allen Lagen und Registern gerät diese Sphäre gelöst und selbstverständlich. Vor allem Bruckner, aber auch Haydn werden mit einem Fest der weit gespannten Linie gefeiert, gegliedert mit klug gesetzten Akzenten und Generalpausen, die nicht nur bei Bruckner ein Stilmittel sind. Das Klangbild der in der Leipziger Paul-Gerhardt-Kirche entstandenen Aufnahme ist von einiger Größe, gliedert das Volumen klar und nachvollziehbar, lässt die Register in gelungener Balance Profil gewinnen.

Jeder Chor von solchem Format muss Bruckners Motetten lieben – etliche Neueinspielungen in jüngerer Vergangenheit zeugen von einer gewissen Renaissance. Sie gelingen auch hier beim MDR-Chor bezwingend. Noch interessanter aber ist die Kopplung und Konfrontation mit der Musik Michael Haydns, die andeutet, woher Bruckner kirchenmusikalisch kommt und welche ästhetischen Vorbilder ihn geprägt haben dürften.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bruckner/Haydn: Motetten: MDR Leipzig Radio Choir, Philipp Ahmann

Label:
Anzahl Medien:
Pentatone Classics
1
Medium:
EAN:

CD
827949086861


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Bruckner, Anton
Haydn, Johann Michael


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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