> > > J.S.Bach: Matthäus-Passion: Gaechinger Cantorey, Hans-Christoph Rademann
Sonntag, 17. Oktober 2021

J.S.Bach: Matthäus-Passion - Gaechinger Cantorey, Hans-Christoph Rademann

Entwickelte Tradition


Label/Verlag: ACCENTUS Music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Hinter Hans-Christoph Rademanns Ansatz steckt sehr viel mehr als nur die veränderte Schreibweise der Gaechinger Cantorey, hier mit einer harmonisch besetzten und stimmig musizierten Matthäus-Passion als Ertrag.

Dunkel und weich hebt der Eingangschor der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach in der Deutung von Hans-Christoph Rademann und seiner Gaechinger Cantorey an, luxuriös im Klang, geschmeidig in der Wirkung, allmählich sich aufhellend, fortwährend und in jeder Dimension bewältigt. Auch in der Folge wirkt der musikalische ‚Gang der Dinge‘ ausmusiziert, nie zu gedrängt, gelegentlich entspannt. Und mit diesen edlen Qualitäten folgt Rademann der Linie der Veröffentlichungen, die er seit seiner Amtsübernahme zur Saison 2016/17 mit den Ensembles der Internationalen Bachakademie Stuttgart vorgelegt hat – ein musikalisches Kraftzentrum, das er unter dem Namen Gaechinger Cantorey auf der Basis der langjährigen Tradition unter der künstlerischen Leitung seines Gründers Helmuth Rilling ästhetisch und musikpraktisch konsequent und sehr gründlich neu ausgerichtet hat.

Im Zentrum der aktuellen Einspielung steht – wenig überraschend – der Evangelist, hier gesungen von Patrick Grahl. Er verfügt über alle Voraussetzungen, materiell und technisch, in Bezug auf Stil und Gestaltungswillen. Umstandslos etabliert er sich als fabelhaft natürlicher Erzähler, der seine stimmlichen Mittel ebenso souverän disponiert wie er mit dem dramaturgischen Potenzial seiner Partie gekonnt umgeht: Ein Souverän mit Ruhe und Ausstrahlung, dazu einem charmanten Zug feierlicher Lyrik, der gleichwohl nie auf Kosten eines beredten Ansatzes geht. In mancher Wendung der hellen Vokale scheint eine Nähe der Stimmdisposition zu der Peter Schreiers auf – eines Sängers, den Hans-Christoph Rademann im einführenden Text als einen Leitstern seiner Jugend im Dresdner Kreuzchor benennt. Grahl gelingt es im Zusammenspiel mit Peter Harvey als Vox Christi das Element des Rezitativischen als Kern des Geschehens zu etablieren.

Harvey gestaltet einen Jesus mit menschlichem Antlitz, nahbar, berührt, erwärmt – er ist vielleicht der herausragende Interpret dieser Partien in unserer Zeit, macht in seiner Rolle nachvollziehbar und glaubwürdig Entwicklungen durch, spricht mit allergrößter Autorität und Natürlichkeit, all das eingebettet in einen Stimmstrom von balsamischer Qualität durch alle Register hindurch.

Akteure von hohem Niveau

In arioser Hinsicht ist die solistische Vokalkunst gleichfalls auf hohem Niveau ausgewogen. Die Sopranistin Isabel Schicketanz verfügt über einen wunderbar klaren Stimmstrahl, elegant und beweglich, mit harmonisch durchgebildeten Registern, in den Arien glänzende Kleinode formend. Nicht zurück steht Marie Henriette Reinhold als Altistin mit ihrer gleichfalls bemerkenswert kompletten Stimme, von edler Tiefe bis zu schöner Expansion in der Höhe. Die wie bei Schicketanz klare Diktion fällt besonders positiv ins Gewicht. Der Tenor Benedikt Kristjánsson ist im Grunde eine zweite frische Evangelistenstimme, von schlanker Statur und bemerkenswerter Beweglichkeit. Das Höhenfinish gibt sich agil und verrät keinerlei Mühen. In manch kantiger Wendung der Tenor-Arien dieser Passion ist Kristjánssons Lyrismus fast schon ein Luxus. Krešimir Stražanac bringt samtig gebettete Bassschwärze ein, voller Eleganz und Leichtigkeit der Tongebung, in leichtfüßiger Linienführung und gleichfalls exzellenter Diktion. Dazu ist sein Pilatus eine dramatische Figur von einiger Autorität und Glaubwürdigkeit.

Die aus dem Chor hervortretenden Soliloquenten gewinnen sämtlich auf dem engen ihnen zustehenden Raum erstaunlich komplett an Statur und reüssieren bruchlos. Die Gaechinger Cantorey selbst erfüllt alle kammerchorischen Standards der gegenwärtigen Bach-Praxis: Ein Ensemble von konzentrierter Größe, mit flexiblen Registern, auch bereit zu Schärfe und Klarheit, in wacher Interaktion in den mit den Soli verbundenen Sätzen. Auch die ‚harten‘ Chöre werden mit Kultur und edlem Klang geboten, wirken vielleicht auch auf Grund der coronabedingt weitläufigen Aufstellung der vokalen Kräfte nicht in jedem Moment kompakt genug. Insgesamt ist der Chor ein Muster an genauer und bewusster Phrasierung, nichts wird hier gegen den Sinn betont. Die Choräle werden makellos musiziert, zumindest eingangs etwas zu glattpoliert und perfekt organisiert in ihrer Wirkung; sie gewinnen später deutlich an emotionaler Wucht und Tiefe, mit dem unbegleiteten ‚Wenn ich einmal soll scheiden‘ als deutlichem Sammlungspunkt.

Hochklassig

Das orchestrale Spiel ist präzis in der Interaktion, gleichzeitig trotz kompakter Register durchaus voluminös in der Wirkung. Natürlich besteht die instrumentale Wirkung in ihrer Hauptsache satzbedingt aus kleinen, aufgelichteten, dazu diversen Konstellationen – ein Fest hochklassig gefasster obligater Partien, auf der Basis eines mit Geschmack und elegantem Kern grundierenden Basso continuo. Dazu wird die Jesus-Partie von einer durchweg noblen Streichergloriole gekrönt. Artikuliert wird kleinteilig, aber im Sinne einer Betonung der Strukturen, nicht als Selbstzweck: Ergebnis ist ein vibrierendes Gesamtbild, das auch reichlich schöne Linien kennt. Entstanden ist die Aufnahme im November 2020 im Forum am Schlosspark Ludwigsburg, natürlich unter Corona-Bedingungen: Das Bild ist groß und vielschichtig, im Reflex der solistischen Beiträge klar und vor allem reich strukturiert. Im Plenum wirkt es – die bereits angedeutete lockere Aufstellung aller Beteiligten mag eine Rolle spielen – um eine Spur pauschaler.

Ein weiteres kräftiges Zeichen der vitalen Stuttgarter Bach-Interpretationen der ‚neuen Ära‘: Hinter Hans-Christoph Rademanns Ansatz steckt sehr viel mehr als nur die veränderte Schreibweise der Gaechinger Cantorey, hier mit einer harmonisch besetzten und stimmig musizierten Matthäus-Passion als Ertrag.

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    J.S.Bach: Matthäus-Passion: Gaechinger Cantorey, Hans-Christoph Rademann

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ACCENTUS Music
2
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EAN:

CD
4260234832464


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Bach, Johann Sebastian


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ACCENTUS Music

ACCENTUS Music wurde 2010 als Produktionsfirma mit einem sehr erfahrenen Team aus Produzenten, Regisseuren, Kameraleuten, Tonmeistern und Cuttern und als gleichnamiges DVD Label auf dem Klassikmarkt gegründet. Die Firma mit Sitz in der Musikstadt Leipzig, unweit der Thomaskirche, produziert weltweit erstklassige Konzertereignisse, Opern sowie Künstlerportraits und Dokumentarfilme. Auf den DVD- und Blu-ray Veröffentlichungen finden sich herausragende Künstler wie Claudio Abbado, Daniel Barenboim, Evgeny Kissin, Martha Argerich, Riccardo Chailly, Pierre Boulez, Joshua Bell, Lucerne Festival Orchestra, New York Philharmonic und das Simón Bolívar Jugendorchester. ACCENTUS Music erfüllt sowohl künstlerisch wie auch technisch höchste Ansprüche von Klassik-Liebhabern rund um den Globus.


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