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Sonntag, 26. September 2021

Jesu meine Freude - Ensemble BachWerkVokal, Gordon Safari

Vom Choral inspiriert


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine feine zweite Platte des Ensembles BachWerkVokal: Hier entfaltet eine musikalische Kraft Wirkung, die interessant und abwechslungsreich zu programmieren versteht und interessante Blicke auf Arriviertes wie auf Schönheiten der Seite zu richten weiß.

Das von Gordon Safari geleitete junge Salzburger Ensemble BachWerkVokal hat mit seinem Plattenerstling bei Dabringhaus & Grimm vor einiger Zeit auf Anhieb mit kenntnissatter Frische für sich einnehmen können und stellt mit einer weiteren Publikation beim selben Label eindrucksvoll unter Beweis, dass das alles andere als eine Eintagsfliege war. 'Jesu, meine Freude' heißt die aktuelle SACD, inspiriert und ausgehend vom bekannten Choral des Berliner Nicolaikantors Johann Krüger auf Basis der bildkräftigen Dichtung von Johann Franck. Vielen Komponisten waren Choral und Dichtung Inspiration, die bekannteste Komposition ist sicher Johann Sebastian Bachs fünfstimmige Motette gleichen Namens, die auch auf der vorliegenden Platte im Zentrum steht.

Erlesene Früchte

Doch sind noch mehr erlesene Früchte zu bestaunen: Zu Beginn erklingt eine Kantate von Georg Philipp Telemann, die das Programm kurzweilig eröffnet, mit klar gezeichneten Arien-Charakteren, funkensprühenden Instrumentalparts und lustvoller Textexplikation auf Basis maßvoll geforderter Virtuosität – ein Beispiel des Kantatenjahrgangs 1714/15, das Telemann auf bemerkenswerter Höhe seiner Kunst zeigt. Darauf folgt mit einer vierstimmigen Motette von Johann Friedrich Doles das erste Beispiel der Bach-Schüler: Sein Text basiert auf einer Überarbeitung der Franck-Dichtung durch Johann Adolf Schlegel, die durchaus nochmals anders gefärbt ist, in jedem Fall aber eine vergleichbar bildstarke Umsetzung evoziert wie das Original. Doles‘ Werk durchweht ein feiner, eleganter Zug; neben diesen besonderen Stärken im Abbild der feinen Nuancen wird der ‚donnernde Grimm‘ gleichfalls sinnfällig zur Geltung gebracht, was die fortdauernde Attraktivität des Sujets unterstreicht. Natürlich knüpft Doles an Bach, setzt die aus dieser Sphäre des ästhetisch Älteren empfangenen Impulse aber elegant und behände ins Werk.

Darauf folgt Bach selbst, mit Blick auf diesen Choral gewiss der ‚Goldstandard‘ und das Maß der Dinge – vor dem die anderen Kompositionen aber erstaunlich eigenständig und überzeugend zu bestehen vermögen. Die Entscheidung, die Bach-Motette hier vokalsolistisch besetzen und im Basso continuo enorm variantenreich begleiten zu lassen verleiht auch diesem Werk eine besondere Delikatesse. Johann Ludwig Krebs, ein weiterer Bach-Schüler, lässt im eher strengen Eingangschor zu seiner knappen Kantate den Lehrmeister Bach mehr als nur erahnen. Doch schon die ariose Entfaltung des Sopran-Satzes 'Schlage bald, geliebte Stunde' macht den weiteren Weg in Richtung Empfindsamkeit entwaffnend plausibel. Interessanterweise greift er auf jene Text-Kombination zurück, die schon Telemann für seine Kantate verwendet hatte.

Frischer Zugriff

Gordon Safari hat für die Besetzung seines Ensembles BachWerkVokal ein Doppelquartett als konzentrierte Größe von feiner Wirkung gewählt, mit herrlicher Ensemblevirtuosität zum Beispiel in Telemanns apartem Chor 'Wenn ich nur dich habe'. Natürlich verblenden sich aus zwei Stimmen gebildete Register nicht komplett, doch profilieren sich charakteristische Farben. Alle acht Sängerinnen und Sänger sind mit solistischen Aufgaben betraut, keine Stimme ist nur im Ripieno gefordert. Auch deshalb sind beide Sphären – die chorische und die vokalsolistische – eng miteinander verwoben, werden in dieser Hinsicht bezwingende, ästhetisch stimmige Übergänge gestaltet. Einzelne solistische Schlaglichter strahlen erfreulich hell, zum Beispiel die von Electra Lochhead gesungene Sopran-Arie der Telemann-Kantate 'Geht, ihr heißen Seufzer hin' oder der Beitrag ihrer Fachkollegin Zsófia Szabó in Krebs‘ Kantaten-Version unter der Textzeile 'Schlage bald, geliebte Stunde'. Als besonders ertragreich erweist sich die solistische Besetzung der Bach-Motette, stellt die so erlangte klangliche Delikatesse doch manchen Bezug zu den anderen Werken des Programms her, erlaubt der Ansatz aber auch erstaunliche agogische Freiheiten und eine gelegentlich rhapsodisch entfaltete Continuo-Begleitung.

Das schmal besetzte Orchester offeriert höchst delikates Spiel in allen Partien, getragen von silbriger Energie, luzide in den Wirkungen der schmal besetzten Register, dazu kommt der schon angesprochene, hochagile Basso continuo von eigenständiger Wirkung.

Gordon Safari leitet das Geschehen zu Tempi von einiger Varianz an, formuliert ein stimmiges Tableau aus. Dynamisch agieren die versammelten Kräfte in expansiver Geste nicht schüchtern – gerade bei Doles und Krebs wird auch kräftig gedonnert und geblitzt. Hier werden aber satzbedingt in mindestens gleichem Maße feine Nuancen betont. Intoniert wird makellos, ganz und gar dem leichten, beinahe schwebendenden Ensembleansatz entsprechend, von allen Beteiligten gemeinsam getragen. Mit wachem Sinn für deren Eigenarten werden die verschiedenen ästhetischen Idiome artikuliert. Das Klangbild ist klar und strukturbetont; die vokal wie instrumental lichte Besetzung wird darin gelungen gespiegelt, mit reicher, lebenspraller Substanz und in stimmiger Balance. Eine feine zweite Platte des Ensembles BachWerkVokal: Hier entfaltet eine musikalische Kraft Wirkung, die interessant und abwechslungsreich zu programmieren versteht und interessante Blicke auf Arriviertes wie auf Schönheiten der Seite zu richten weiß.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Jesu meine Freude: Ensemble BachWerkVokal, Gordon Safari

Label:
Anzahl Medien:
MDG
1
Medium:
EAN:

CD SACD
760623220765


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Bach, Johann Sebastian
Doles, Johann Friedrich
Krebs, Johann Ludwig
Telemann, Georg Philipp


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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