> > > Ariadne auf Naxos: Wiener Staatsoper, Christian Thielemann
Dienstag, 21. September 2021

Ariadne auf Naxos - Wiener Staatsoper, Christian Thielemann

Keine Festaufführung


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Zwei reife Helden und ein schwelgender Dirigent reichen nicht für eine epochale Strauss-Interpretation aus der Wiener Staatsoper 2014.

Eine vielleicht nicht mehr ganz taufrische Prinzessin, ein ewig-junger Gott und allerhand Bühneneffekte auf der epischen wie der komischen Seite – Richard Strauss‘ und Hugo von Hofmannsthals 'Ariadne auf Naxos' geben musikalisch ganz genau vor, was wir von einer Aufführung erwarten dürfen. Doch seit der Uraufführung der revidierten Fassung 1916 an der Wiener Hofoper wurde an eben diesem Ort fast immer der Bacchus mit einem Heldentenor besetzt, der nur selten jugendlich und noch seltener erotisch-sinnlich klang. Johan Bohta gegen Ende seiner Karriere macht da keine Ausnahme (der südafrikanische Sänger starb 2016 nur 51-jährig in Wien) – von vokaler Leichtigkeit kann nicht immer die Rede sein, auch wenn seine Stimme (mit unangenehmen Höhentönen) zumeist zuverlässig anspricht. Berührend seine Fragen ‚Wer bin ich denn?‘ und ‚Und willst du mit mir gehen auf mein Schiff?‘ – hier stören auch die sprachlichen Defizite kaum noch (der Vergleich zu James King oder Ben Heppner ist für Bohta nicht vorteilhaft).

Die zentrale Figur der Oper ist aber natürlich nicht der Tenor, sondern die ‚Primadonna‘ (so betitelt im für 1916 nachkomponierten ‚Vorspiel‘ – nicht Prolog wie im Booklet bezeichnet). Soile Isokoski lässt sich von der Besetzungstradition her den Rollenvorgängerinnen Gertrude Rünger, Leonie Rysanek, Caterina Ligendza oder Deborah Voigt zuordnen – sie ist immer noch eine Sängerin mit vollem, warmem, vorzüglich sitzendem Ton. Zum Zeitpunkt der Aufnahme war sie 57 Jahre alt – man sollte von ihr also keinen jugendlichen Strahleton erwarten, doch ihre Höhe leuchtet immer noch, wenn auch noch nicht mehr ganz so klar wie früher; ihre Atemtechnik ist immer noch vorbildlich, ihr Vibrato zumeist unter Kontrolle, die emotionale Emphase ihrer großen Szene ‚Wo war ich? Tot?‘ wiegt etwas kleinere Artikulationsschwächen mit Leichtigkeit auf. Sie harmoniert gut mit Bohta, und man darf ihre Leistung wohl als die gelungenste der ganzen Aufführung bezeichnen; ihr Anteil am strahlenden Schluss der Oper wirkt nachhaltig positiv.

In bedenklicher Gesellschaft

Leider wirken beide in merklich bedenklicher Gesellschaft. Die drei Nymphen Naiade, Dryade und Echo sind hörbar durch allenthalben solide, zumeist zuverlässige Ensemblesängerinnen besetzt; leider scheint Olga Bezsmertna ihre Rolle als Echo an entscheidenden Stellen (wenn sie nämlich das Echo singen soll) nicht verstanden zu haben. Bedenklicher jedoch noch sind vor allem die Zerbinetta und ihre ‚lustigen Gesellschaft‘. Die intonatorischen Schwierigkeiten von Daniela Fally (zu starkes Vibrato, Vokalverfärbungen und eine ungenügend kontrollierte Linienführung) sind eklatant und an einer Staatsoper kaum in einer Repertoireaufführung würdig, geschweige denn einer Festaufführung, die auf Tonträger gebannt wird. Da gab und gibt es Besseres, viel Besseres; immerhin, die Textverständlichkeit ist zumeist gewährleistet. Adam Plachetka mit seinem nüchternen Bariton verschenkt den Part des Harlekin und lässt von Barry McDaniel oder Hermann Prey träumen.

Auch die Figuren des Vorspiels bleiben vokal nicht selten unbefriedigend. Sophie Koch ist als Komponist denkbar unglücklich eingefangen – die Mikrofonierung ihres ohnehin nicht mehr frischen Mezzosoprans beeinträchtigt ihre Leistung zusätzlich. Auch Jochen Schmeckenbecher als Musiklehrer ist vokal nicht ganz makelfrei und wäre vermutlich besser als Harlekin besetzt gewesen. Da freut man sich über den Nestroy-Preisträger Peter Matić als Haushofmeister, der diesen Part in Salzburg seit 1979 immer wieder gespielt hatte und dessen Darbietung auch hier von natürlicher Autorität und sorgfältig tariertem Timing ist.

Brillanz und Wärme

Die Wiener Philharmoniker kennen und lieben das Werk hörbar und bieten hier ein unendliches Spektrum an Brillanz und Wärme, an Steigerungen und Klangfarben, gerade auch im Kammermusikalischen – und die Aufnahmetechnik hat das Orchester besser (und teilweise lauter) eingefangen als die Opernsänger. Dieser empfindlichen Einschränkung entspricht leider offenbar auch die Sorgfalt der Einstudierung – wo im Orchester jede Phrasierung, jede feine Schattierung fein (gelegentlich detailverliebt fein) ausgearbeitet ist, mangelt es den Vokalisten nicht selten an sorgfältiger Artikulation der deutschen Sprache.

Auch dramaturgisch kann Christian Thielemann den kritisch Zuhörenden nicht rundum wohlwollend stimmen. Zu häufig beugt er in (von Strauss dezidiert abgelehnter) hörbar rhetorisch-emphatischer Absicht die vorgeschriebenen Tempi, setzt erratische Rubati und verzögert den musikalischen Fluss, ergeht sich in der Erkundung instrumentaler Details, statt den von Strauss für viel wichtiger angesehenen dramatischen Fortgang zu betreiben (dies gelingt jedoch gut in der letzten halben Stunde der Aufführung). Insgesamt benötigt er deutlich mehr Zeit als nahezu alle älteren Einspielungen am Markt, gleich ob live oder aus dem Studio.

Leider scheint die Produktion neben den musikalischen Mängeln auch technisch nicht ganz tadellos – unter anderem hatte das Rezensionsexemplar einen merkwürdigen Schnittfehler (?) in der großen Arie der Zerbinetta. Die Aufnahmequalität des Live-Mitschnitts ist im Vorspiel ausgesprochen wenig fokussiert – in der Oper ist die Aufnahmetechnik ungleich besser. Das Booklet ist von bedenklicher Oberflächlichkeit das Werk und die Produktion betreffend, mit ausladenden Künstlerbiografien, die fast zwei Drittel des Umfangs einnehmen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ariadne auf Naxos: Wiener Staatsoper, Christian Thielemann

Label:
Anzahl Medien:
ORFEO
2
Medium:
EAN:

CD
4011790996226


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Strauss, Richard


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ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
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