> > > Anton Bruckner: Symphonie Nr.9 d-Moll für Orgel: Gerd Schaller, Orgel
Sonntag, 1. August 2021

Anton Bruckner: Symphonie Nr.9 d-Moll für Orgel - Gerd Schaller, Orgel

Essenz


Label/Verlag: Profil - Edition Günter Hänssler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bruckners Sinfonik für die Orgel, das ist keine ganz seltene, vor allem aber eine plausible Idee. Die Neunte mit dem vervollständigten Finale ist dafür ganz besonderes Material. Gerd Schaller als starker Bruckner-Deuter.

Gerd Schaller ist ohne Zweifel einer der bedeutenden Bruckner-Interpreten der Gegenwart – wohl weniger schillernd und prominent als manch größerer Name, der sich Bruckners Sinfonien annimmt, aber in vielerlei Hinsicht berufen und in höchstem Maße kompetent. Das zeigt die Einspielung der Sinfonien, die er bei der Profil Edition Günter Hänssler vorgelegt hat, gemeinsam mit der Philharmonie Festiva und im Kontext des Ebracher Musiksommers. Aktuell ist beim selben Label eine besonders interessante Platte erschienen: Die Neunte Sinfonie Bruckners in der um das Finale durch Schaller vervollständigten und hernach für die Orgel bearbeiteten Fassung, ebenfalls von ihm selbst erstellt. Schaller will so die Essenz der Neunten in dem Medium abbilden, das ganz besonders das Bruckners war. Er ist nicht einfach ein erfahrener Bruckner-Dirigent, sondern ein versierter Strukturkenner – die kundige Vervollständigung des Finales der Neunten zeugt davon ebenso wie die eindrucksvolle Orchesterfassung des Brucknerschen Streichquintetts, die er vorgelegt und eingespielt hat: In jedem Fall durchdachte, aber eben zugleich musikalisch erhellende Beiträge.

Dynamische Reize

In der Orgelfassung der Neunten Sinfonie sucht und findet Schaller klare Strukturen, konzentriert er sich auf markante und gestaltgebende Elemente. Es ist wenig überraschend, dass durchbrochene Strukturen, die in Bruckners Musik auch in brausenden Ecksätzen reichlich vorkommen, dank dieses Ansatzes vorzüglich funktionieren, dazu selbstverständlich auch harmonisch dominierte plenare Wirkungen – hier spielt Schaller in seiner Bearbeitung auch die dynamischen Reize der Musik Bruckners gekonnt aus. Etwas schwieriger ist es gelegentlich, in gesteigerter Kraftentfaltung auch dort auftretende klare, oft rhythmisch-prägnante, aber sehr in die Gesamtwirkung integrierte Stimmen abzubilden. Doch ist das keinesfalls ein prägender Eindruck.

Vielleicht hat Gerd Schaller weniger das gesamte spätromantische Orchester Brucknerscher Ausprägung übertragen, als tatsächlich, ausgehend von den stilbildenden französischen Beispielen der Zeit wie Charles-Marie Widor, Louis Vierne oder Alexandre Guilmant, eine genuine Orgelsinfonie zu schaffen getrachtet – und das mit erheblichem Erfolg. Die Satzcharaktere sind diesem Weg gleichermaßen zugänglich; auffällig gelungen ist das behände Trio des Scherzos und natürlich macht das ausgreifende Adagio etlichen Eindruck.

Organist und Orgel

Gerd Schaller ist schon im Rahmen früherer Bruckner-Einspielungen als Organist kleinerer Werke des Österreichers hervorgetreten. Hier ist als Orgelkünstler in einem umfassenden Sinn anzusprechen: Er ist Bearbeiter, Disponent, Interpret im engeren Sinne auf vier Manualen und Pedal. Man muss all diese Aspekte einbeziehen, um die beeindruckende Leistung würdigen zu können. Schaller setzt die üppigen Vorzüge der Orgel, über die noch zu sprechen sein wird, gelungen ein und lässt die Musik abseits vordergründiger Überwältigung in ihrer strukturellen Klarheit aufscheinen. Es werden nicht alle denkbaren klanglichen, vor allem romantisch grundierten Effekte des Instrumentes betont. Der Organist sucht und findet das, was Bruckners Musik in diesem Medium auszeichnen kann: Strukturelle Klarheit, harmonischer Reichtum, gesangliche Linien von großem Reiz. Schaller bewältigt all das makellos und mit entwaffnender Überzeugungskraft – wenn auch vielleicht keine Wunder manueller organistischer Virtuosität zu vollbringen sind. Doch nötigt dieses rundum stimmige Abbild solch eines Korpus‘ vor allem mit Blick auf die Disposition der klanglichen Möglichkeiten allergrößten Respekt ab.

Hinter dem barocken Orgelprospekt der Abteikirche im fränkischen Ebrach verbirgt sich heute eine 1984 komponierte Orgel des Passauer Orgelbauers Wolfgang Eisenbarth mit 56 Registern. Komponiert deshalb, weil sie auf sehr gelungene Weise älteres Material verschiedener Herkunft in das entstehende Gesamtwerk einbezog. Historische Basis war eine Seuffert-Orgel von 1743 mit 32 Registern. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts reiften Pläne, einen auch ästhetisch gänzlich neuen Ansatz zu verfolgen: Im Ergebnis wurde 1902 eine Steinmeyer-Orgel mit 34 Registern auf pneumatischen Kegelladen in das historische Barockgehäuse eingebaut. Schon Steinmeyer übernahm substanziell Pfeifen aus dem Seuffert-Werk, die wiederum Eisenbarth gemeinsam mit Steinmeyer-Substanz und eigenen Beiträgen zu einem Instrument verschmolz, auf dem die Musik älterer Traditionen ebenso adäquat spiel- und darstellbar ist wie die große romantische Geste. Damit bietet die Orgel einerseits das, was Bruckner selbst vielerorts an traditioneller instrumentaler Basis begegnet sein dürfte, integriert aber zugleich jene zeitgenössische Ästhetik, die dem gefeierten Orgelvirtuosen Bruckner aus der Begegnung mit attraktiven neuen Instrumenten seiner Zeit ebenso vertraut war. Das klingende Ergebnis dieser Eisenbarth-Orgel ist extrem farbenreich, von üppiger Substanz, zugleich geprägt von betörend schönen Einzelstimmen, die von Gerd Schaller mutig und entschieden registriert werden.

Kluge Strukturierung

Denn diese reichen Möglichkeiten klug zu strukturieren, ist entscheidend für den interpretatorischen Ertrag. Schaller tut das mit klarer Geste: Manche Linie, die in orchestraler Version noch mehr schwelgt und sehnt, wird hier artikulatorisch für den Orgelklang handhabbar gemacht. Eine starke organisatorische Leistung üppigen musikalischen wie organistischen Materials gelingt, auch auf Grund etlicher Bearbeitungsentscheidungen. Es ist eine gleichfalls große Aufgabe, ein so vielschichtiges Klangergebnis technisch sauber und zugleich stimmungsvoll abzubilden: Hier ist es dem Team um Lutz Wildner vorzüglich gelungen, mit der Darstellung von Größe und Detailreichtum, von Gesamtwirkung und Präzision – ein in der Summe schönes Ergebnis.

Bruckners Sinfonik für die Orgel, das ist keine ganz seltene, vor allem aber eine plausible Idee. Die Neunte mit dem vervollständigten Finale ist dafür ganz besonderes Material. Beim Hören vielleicht nicht unwichtig: Es scheint dem Rezensenten ratsam, diese Musik irgendwann tatsächlich Orgelmusik werden zu lassen und sie nicht innerlich fortwährend mit dem gewohnten orchestralen Klangbild zu vergleichen – diese Loslösung wird belohnt. Die Platte ist zugleich ein schönes Porträt der in ihrer ästhetischen Beschaffenheit interessanten Orgel der Abtei Ebrach mit all ihren erstaunlichen Möglichkeiten. Und sie ist natürlich ein Lob auf den stupenden Bruckner-Deuter Gerd Schaller, auch auf der Orgel.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Anton Bruckner: Symphonie Nr.9 d-Moll für Orgel: Gerd Schaller, Orgel

Label:
Anzahl Medien:
Profil - Edition Günter Hänssler
2
Medium:
EAN:

CD
881488210101


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Bruckner, Anton


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Profil - Edition Günter Hänssler

Profil - The fine art of classical music
EDITION GÜNTER HÄNSSLER - EIN LABEL MIT "PROFIL"
Bei der Gründung seiner "EDITION GÜNTER HÄNSSLER" und dem neuen Label "PROFIL" betrat Produzent Günter Hänssler, der ehemalige Chef des erfolgreichen Labels Hänssler Classics, mit einer ganz klaren Philosophie und Zielsetzung den Klassik-Markt:
"Nur ein Label mit einem klaren PROFIL, mit einem eindeutigen Wiedererkennungseffekt hat heute noch eine Chance auf dem heiß umkämpften CD-Markt - um die Liebhaber klassischer Musik heute mit einem Produkt zu überzeugen braucht man Originalität, Innovation und optimierte Vertriebswege."
Der Name PROFIL ist Programm. Günter Hänssler denkt in Serien. Nur groß angelegte Projekte haben heute noch eine Chance, sich nachhaltig auf dem Markt wiederzufinden. So entstanden international hoch gepriesene und mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnete Editionen wie die EDITION STAATSKAPELLE DRESDEN oder die GÜNTER WAND EDITION.
Die Repertoire-Politik ist charakteristisch. Eine Auswahl erster internationaler Künstler finden sich im Programm von PROFIL ebenso wieder wie erfolgreiche Newcomer der Klassikszene, darunter das mehrfach preisgekrönte Klenke-Quartett, das in der Interpretation von Kammermusik in den letzten Jahren neue Maßstäbe setzen konnte.
Ergänzt wird das Repertoire durch ausgewählte, digital aufwendig restaurierte historische Aufnahmen, Interpretationen von legendärem Ruf in neuer, bisher nicht gekannter digitaler Klangqualität. Auf diese Weise schlägt PROFIL die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und versteht sich so auch als Bewahrer musikalischer Traditionen.
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