> > > Breath of Angels: The Breathtaking Collective, Bruce Dickey, Hana Blazikova
Sonntag, 26. September 2021

Breath of Angels - The Breathtaking Collective, Bruce Dickey, Hana Blazikova

Mit dem Zink unter Engeln


Label/Verlag: Passacaille
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wenn Bruce Dickey sich auf Entdeckungstour macht, ist reicher Ertrag garantiert: Englisches und anderes, das sich zu einem stimmigen Programm fügt, mit Hana Blažíková als kongenialer Partnerin.

Bruce Dickey ist immer auf der Spur des Zink – mit Blick auf Spieltechnik, Instrumente, Schriften und Repertoire ist er seit Jahrzehnten ein unvergleichlicher Impulsgeber für die Renaissance dieses Instruments. Das schlägt sich immer wieder in außergewöhnlichen Programmen nieder, so auch aktuell auf der beim belgischen Label Passacaille erschienenen Platte 'On the breath of angels'.

Hier wird der Zink in Anlehnung an manche zeitgenössische Bilddarstellung als Instrument der Engel angesprochen. Dickey folgt dieser Spur etwa mit dem 'Panis angelicus' des nach einem in Bezug auf den Namen nur bruchstückhaft überlieferten Manuskripts als Carlo G bezeichneten Komponisten der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert oder mit dem 'Angelus Domini' von Giovanni Pierluigi da Palestrina. Er hält sich aber auch nicht sklavisch an dieser Idee fest, findet den Weg zu reinen Instrumentalsätzen, zum Beispiel mit Sonaten von Francesco Cavalli oder Giovanni Maria Bononcini. Darüber hinaus hat er zwei kleine Suiten aus Opern von Alessandro Scarlatti und Giovanni Bononcini zusammengestellt und den Weg in die Gegenwart gewagt, den Zink mit wenigen Schritten aus dem Gefängnis der Historizität befreit: Zunächst über eine gleichsam als Brücke fungierende, aparte Version von 'Les Anges' von Erik Satie schließlich zu tatsächlich neuer Musik, vom 1969 geborenen Julian Wachner mit 'The Vision of the Archangels' und vom profilierten Ivan Moody (geb. 1964) mit 'O Archangels and Angels'. All das wirkt wie eine behutsam geöffnete Schatzkammer, eine Einladung zur delikaten, abgewogenen Interaktion.

Tadellose Könner

Dieses musikalische Miteinander wird – nicht zum ersten Mal bei Produktionen von Bruce Dickey – entscheidend von der tschechischen Sopranistin Hana Blažíková mitgeprägt. Ihr ätherischer Sopran entfaltet sich luxuriös in weiten Teilen der ganz alten wie der ganz neuen Sätze: Ein makellos schöner Stimmstrom, bruchlos durch alle Lagen geführt, mit durchaus gleißendem Höhenstrahl, ebenso geprägt von Gesten schlichter Schönheit, in den Opern-Suiten auch mit stupendem technischen Finish – die Vokalistin bleibt keiner Koloratur etwas schuldig, gestaltet dramatische Rezitative und bietet auch hier das vielschichtige, komplette Bild einer für dieses Repertoire ideal geeigneten Stimme.

Bruce Dickey führt auf dem Zink spielend eine erlesene Kammermusikformation an: Veronika Skuplik und Catherine Aglibut (Violinen), Mieneke van der Velden (Viola da gamba), Matthias Müller (Violone), Kris Verhelst (Orgel und Cembalo) und Jakob Lindberg (Theorbe) interagieren erlesen, finden zu einem blankpolierten Bild voller charaktervoller Klangfarben. Jede technische Finesse sitzt und entfaltet dezidiert ihre Wirkung, voller Sicherheit und Souveränität: Im Grund ist es ein Solistenensemble, aber sensibel in der Grundhaltung und mit der Bereitschaft zu subtil entfalteter Gemeinsamkeit. Auch die stilistische Moderne, die bei Wachner und Moody ein tonales Zentrum nicht verleugnet, wird lustvoll und idiomatisch zutreffend erkundet.

Beglückende Momente

Musiziert wird in gesammelten Tempi; allfällige Diminutionen bewegen das Geschehen spürbar. Artikuliert wird in allergrößter Vielfalt – klare Linien mit lyrischem Potenzial sind zu hören, auch die virtuose Dimension wird reich ausgeleuchtet. Die Intonation – vokal wie instrumental – lediglich makellos zu nennen, wäre eine Untertreibung: Alles stimmt und fügt sich, viele Momente sind schlicht beglückend. Das enorm plastische Klangbild gibt dem einen passenden Rahmen, ist durchsichtig und klar geordnet, dennoch charmant und stimmungsvoll, mit gefasst räumlicher Note.

Wenn Bruce Dickey sich auf Entdeckungstour macht, ist reicher Ertrag garantiert: Englisches und anderes, das sich zu einem stimmigen Programm fügt, mit Hana Blažíková als kongenialer Partnerin. Eine Platte, die alle Beteiligten rühmt: die kompositorisch Schöpferischen ebenso wie die Interpreten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Breath of Angels: The Breathtaking Collective, Bruce Dickey, Hana Blazikova

Label:
Anzahl Medien:
Passacaille
1
Medium:
EAN:

CD
5425004840912


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Passacaille

Das belgische Label PASSACAILLE wurde 1995 gegründet und sollte von Anfang an eine Plattform für hochrangige belgische Künstler der historischen Aufführungspraxis sein. Das Barockorchester il Fondamento mit seinem Leiter Paul Dombrecht und der Hammerklavierspezialist Jan Vermeulen gehörten zu den ersten, die für das Label aufnahmen. Später erweiterte sich der Künstlerkreis um weitere prominente Namen wie Wieland Kuijken oder das Ensemble Octophorus. Bald erhielten die Aufnahme internationale Preise, was als zusätzlicher Anreiz gesehen wurde, sich im künstlerischen Bereich auch internationalen Künstlern und Ensembles zu öffnen. Ab 2000 begann die Zusammenarbeit mit Künstlern aus verschiedenen europäischen und transatlantischen Ländern. 2006 übernahm der belgische Traversflötist und Musikwissenschaftler Jan de Winne das Label und erweiterte den Künstlerkreis des Labels erneut um international renommierte Künstler wie zum Beispiel Graham O'Reillys Ensemble Européen William Byrd und Lorenzo Ghielmis Ensemble La Divina armonia, das hier erst kürzlich eine fulminante Aufnahme von Händels Orgelkonzerte Op.4 vorgelegt hat. Als weitere Neuzugänge seien noch der brasilianische Cembalist Nicolau de Figueiredo, der Cellist Sergei Istomin und der Fortepianist Alexei Lubimov zu nennen. Im Rahmen der Neuorganisation des Labels möchte Jan de Winne den bewährten ursprünglichen Schwerpunkt Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beibehalten, aber auch nach und nach Musik späterer Epochen in das Programm integrieren.


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