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Sonntag, 11. April 2021

Ockeghem: Missa Prolationum - L'ultima parola

Ambition und Klangsinn


Label/Verlag: Raumklang
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein sehr schöner Erstling des Ensembles L'ultima parola: Johannes Ockeghems ambitionierter Satz ist hier in den besten Kehlen. Der hoffentlich weitere Weg wird mit Interesse zu verfolgen sein.

Johannes Ockeghem (ca. 1420-1497) kann in einem Aspekt seiner künstlerischen Arbeit als einer der großen Konstruktionskünstler in der Ära der Kontrapunktik angesprochen werden. Das beweist die aktuell beim Label Raumklang erschienene Platte des Ensembles L'ultima parola, bestehend aus der Sopranistin Axelle Bernage, den Tenören Bernd Oliver Fröhlich und Olivier Coiffet, dazu dem Bass Guillaume Olry. In der außergewöhnlichen 'Missa Prolationum' ist eine fabelhafte Balance von Freiheit und Ordnung, von vagabundierenden Linien, die sich magisch zueinander fügen zu erleben.

Der Satz ist zweistimmig notiert, jede Stimme erzeugt eine weitere kanonische Stimme, die nicht schriftlich niedergelegt ist – im Ergebnis also zwei verschiedene Kanons, die gemeinsam das vierstimmige Geflecht ergeben. In der mensuralen Notation jener Zeit konnten Notenwerte dreizeitig oder zweizeitig sein. Es ergeben sich also im Zusammenspiel beider Varianten enorme Kombinationsmöglichkeiten, die noch dadurch kompliziert werden, dass häufig beide Stimmen des Kanons gemeinsam mit der Ursprungsstimme beginnen. Sie bewegen sich dank der Ungleichzeitigkeit der Notenwerte auseinander und dann wieder zusammen.

Diese komplizierte Logik zum Klingen zu bringen ist die zweite Seite dieser aus heutiger Sicht kaum fassbaren künstlerischen Leistung voller philosophischer und zeitreflektierender Qualitäten. Das Ergebnis ist ein erstaunlich leicht wirkender Satz in steter Bewegung, mit einem großen linearen Sog, klar profilierte Register einfordernd, enorm klangsinnlich und die intellektuelle Seite des Satzes wie der ihm zu Grunde liegenden Ideen fein sublimierend. Ergänzt wird die gut halbstündige Messe um das sehnsuchts- und stimmungsvolle 'Mort tu as navré', das Ockeghem als ausgreifende Klage auf den Tod des berühmten Komponistenkollegen Gilles Binchois geschrieben hat.

Versierte Vokalisten

Der Tenor Bernd Oliver Fröhlich hat das Ensemble L'ultima parola initiativ anlässlich der Einladung zu einem Konzert im Mai 2019 in Berlin gegründet, mit namhaften Akteuren, die aus etlichen einschlägigen Formationen und Kontexten vertraut sind. Hier bei Ockeghem entfalten die vier einen ungemein leichten, luftigen, ebenso präzisen wie stimmungsvoll geweiteten Klang. Die einzelnen Stimmen sind plastisch vorgestellt, die beiden höheren zumal – Sopran und Fröhlich als hoher Tenor – lassen auch schärfere Formulierungen hören, die der Komposition zusätzlich Gestalt und Profil geben. Alle zusammen lassen das Schwierige leicht wirken – das ist in dieser exzeptionellen Messe, die nicht weniger als ein Meisterwerk ist, keine kleine Leistung. Manch schwebendes Bicinium zieht vorbei, das die individuelle sängerische Klasse der Vokalisten offenbart.

Alles fließt und entfaltet sich in freiem Fluss, das Ensemble folgt Ockeghem, hält aber auch erkennbar Schritt. Alle Linien werden klug modelliert, variantenreich, lebendig erblühend und wieder zurückgeführt, mit immer wieder hauchzart angesteuerten und behutsam musizierten Zäsuren. Intoniert wird unangestrengt und frei – je länger eine Linie wird, desto gelassener gefasst wirkt sie auch in dieser Hinsicht. Das Klangbild der in der Christuskirche in Berlin-Oberschöneweide entstandenen Aufnahme ist mit einem schönen Raumanteil versehen, der die Ensemblewirkung nobilitiert, ist insgesamt fein und transparent.

Ein sehr schöner Erstling des Ensembles L'ultima parola: Johannes Ockeghems ambitionierter Satz ist hier in den besten Kehlen. Der hoffentlich weitere Weg wird mit Interesse zu verfolgen sein.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ockeghem: Missa Prolationum: L'ultima parola

Label:
Anzahl Medien:
Raumklang
1
Medium:
EAN:

CD
4018767039023


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Ockeghem, Johannes


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Raumklang

Das Label RAUMKLANG wurde 1993 von Sebastian Pank in Leipzig gegründet. Nach wie vor steht der Name Raumklang für ein authentisches Klangerlebnis. Die Aufnahmen entstehen überwiegend mit nur einem Stereo-Kugelflächen-Mikrophon (One-Point-Recording).
Den Schwerpunkt aller RAUMKLANG-Veröffentlichungen bildet die Alte Musik. In jüngster Zeit ergänzt neben experimenteller/zeitgenössischer Musik eine Reihe mit Weltmusik das RAUMKLANG-Programm. Für seine aufwendig produzierten und anspruchsvoll gestalteten CDs mit ausführlichem Begleitheft erhielt RAUMKLANG bereits zahlreiche begehrte Auszeichnungen, darunter "Grand Prix de l'Académie Charles Cros" und den "Diapason 5".
Seit 1998 liegt der Hauptsitz des Labels auf Schloss Goseck in Sachsen Anhalt, auf dem sich in den letzten Jahren das "Europäsiche Musik- und Kulturzentrum" sowie ein Zentrum für Archäologie (7000 Jahre altes Sonnenobservatorium) etabliert haben. Nicht zuletzt aus dieser Verknüpfung ergeben sich zahlreiche Kontakte zu renommierten Künstlern der Alten Musik im In- und Ausland.
Seit 2003 veröffentlicht RAUMKLANG verschiedene Editionen. Jede Edition wird von einem anderen Produzenten herausgegeben und erweitert damit die Vielfalt des Labelrepertoires. So erscheint neben edition raumklang von Sebastian Pank (Schloss Goseck) die marc aurel edition in Köln, gegründet von Aurelius Donath. Aus der Zusammenarbeit mit der berühmten Schola Cantorum Basiliensis (SCB) in Basel hat sich die schola cantorum basiliensis edition ergeben. In dieser Reihe stellt der Produzent Thomas Drescher (stellv. Direktor der SCB) viel versprechende Absolventen aus Basel vor. 2005 entstand aus den engen Kontakten zur Musikstadt Leipzig eine weitere neue Edition: Unter dem Namen edition apollon veröffentlicht nun das international bekannte Vokalesemble "amarcord" seine CDs.


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