> > > Opera Rarities: Opern von Gazzaniga, Bizet, Dvorak, Fibich, Massenet, Leoncavallo
Mittwoch, 14. April 2021

Opera Rarities - Opern von Gazzaniga, Bizet, Dvorak, Fibich, Massenet, Leoncavallo

Blicke über den Rand hinaus


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wer seinen Opernhorizont erweitern will oder endlich all diese wertvollen oder einfach besonderen Aufnahmen preiswert im Regal stehen haben möchte, der sollte hier unbedingt zugreifen.

Beim Label Orfeo wird anscheinend das Archiv auf Links gedreht. Dabei tauchen wunderbare Schätze aus dem Studio des Bayerischen Rundfunks und anderer Funkanstalten auf, die zum Teil bereits auf CD erschienen waren oder die als Einzelstücke des Bereichs ‚Randrepertoire‘ endlich in Sammlungen Beachtung finden dürfen. Um vergessene oder vernachlässigte Opern hat sich Orfeo bereits in den 19080ern gekümmert. So manche Einspielung mit den Kräften des BR hat noch heute Referenzcharakter und die Besetzungen waren häufig eine edle Angelegenheit mit den Großen ihrer Zeit.

Unter dem Titel 'Opera Rarities' ist bei Orfeo jetzt eine Box mit 10 CDs erschienen, die ältere Verkaufsschlager mit vielleicht weniger erträglichen Einspielungen koppelt. Hörenswert sind die sechs hier vertretenen Operngesamtaufnahmen ohne Frage und so preiswert waren die Erstveröffentlichungen dieser Opern auf CD allemal nicht. Ja, die abgedruckten Libretti und schönen Booklet-Beiträge von damals sind in dieser Box verständlicherweise nicht enthalten, aber das tut dem Genuss wenig Abbruch – für Sammler ist dieser platzsparende 10-CD-Packen ideal.

Zauberhaftes Werk

Die Hälfte der hier wiederveröffentlichten Einspielungen könnte unter dem Titel ‚Die Opern der Anderen‘ rangieren. Denn es gibt einen 'Don Giovanni' – aber nicht von Mozart, sondern von Giuseppe Gazzaniga –, eine 'Armida', die nicht von Rossini, sondern von Dvořák stammt, und 'La Bohème' liefert hier nicht die berühmte Vertonung von Puccini, sondern die wesentlich unsentimentalere und vielleicht auch etwas sprödere Version von Ruggero Leoncavallo. Dazu gesellen sich der Revolutionszweiakter 'Thérèse' von Jules Massenet, Georges Bizets Exotismus-Perle 'Djamileh' und die 'Šárka' von Zedněk Fibich. Letztere mischt sich wie eine nachdrückliche Aufforderung, das zauberhafte Werk doch endlich einmal wahrzunehmen, unter die vorliegende Raritäten-Mixtur. Immerhin ist Fibich als Komponist außerhalb seiner Heimat auf den Spielplänen nicht gerade überrepräsentiert.

Die Einspielung von Gazzanigas 'Don Giovanni' aus dem Jahr 1990 unter der Leitung von Stefan Soltész mit dem Münchner Rundfunkorchester ist eine quicklebendige Lanze für das komplett in Mozarts Schatten stehende Werk. Mit überzeugenden Charakterisierungen und stimmlicher Brillanz agieren u. a. der höhensichere John Aler in der Titelpartie, Eva Steinsky als Donna Anna, Pamela Coburn als Donna Elvira, Jean-Luc Chaignaud als Diener Pasquariello und der viel zu früh aus dem akustischen Blickfeld gerückte Robert Swensen als Ottavio.

Leidenschaftliches Profil

Aus den Studios des BR stammen auch die 'Djamileh' von 1983 und Leoncavallos 'La Bohème' von 1981. Bizets Einakter liegt in den dirigierenden Händen von Lamberto Gardelli und Heinz Wallberg ist der routinierte Leoncavallo-Anwalt. In beiden Opern glänzen Lucia Popp und Franco Bonisolli, wobei letzterer vor allem dem Marcello in der 'Bohème' leidenschaftliches Profil verleiht. Popp ist schlicht entwaffnend als Djamileh und Mimi. Nicht weniger reizvoll klingt der Rest der 'Bohème'-Besetzung: Bernd Weikl als Rodolfo, Alan Titus als Schaunard, Alexandrina Milcheva als sinnliche Musette und Alexander Malta als Barbemuche. Diese Einspielung ist bis heute kaum zu toppen – einmal abgesehen von ganz wenigen Livemitschnitten, die unter Sammlern kursieren.

Als Koproduktion zwischen RAI Roma und dem ORF entstand 1981 die Aufnahme von Massenets 'Thérèse' mit Agnes Baltsa, Francisco Araiza und George Fortune unter der Leitung von Gerd Albrecht. Sie ist vielleicht nicht ganz so idiomatisch wie die ältere Aufnahme mit Huguette Tourangeau, aber sie gelingt den Künstlerinnen und Künstlern fraglos mitreißend. Und da es ohnehin wenig Vergleichsmöglichkeiten auf dem Plattenmarkt gibt, kann man nur für jede Einspielung dieser französischen Herzensepisode dankbar sein.

Dvořáks 'Armida' und Fibichs 'Šárka' erinnern an die Serie von tschechischen Opern, die in den 1990ern und 2000ern bei Orfeo herauskam. Gerd Albrecht leitet bei der 'Armida' von 1995 die blendend disponierte Tschechische Philharmonie und hat eine hervorragende Besetzung zur Verfügung: Joana Borowska in der Titelpartie, den immer noch beachtlichen Wiesław Ochman als Rinaldo, Pavel Daniluk als Hydraot und George Fortune als Ismen. Da bleiben eigentlich keine Wünsche offen, zumal auch hier die Diskographie mehr als dünn bestückt und der hier vertretene Livemitschnitt auch klanglich bemerkenswert ist. Die 'Šárka' von Zedněk Fibich vom Mai 1998 im Wiener Konzerthaus gibt einen Ausblick, mit welchen Werken man das heutige Repertoire anreichern könnte und sollte. Außerdem gibt es ein Wiederhören mit der eindrucksvollen Eva Urbanová als Šárka, dem furchtlosen Tenor von Janez Lotrič als Ctirad und dem edlen Bariton von Dalibor Jenis als Fürst Přemysl. Das Radio-Symphonieorchester Wien leitet Sylvain Cambreling.

Wer seinen Opernhorizont erweitern will oder endlich all diese wertvollen oder einfach besonderen Aufnahmen preiswert im Regal stehen haben möchte, der sollte hier unbedingt zugreifen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Opera Rarities: Opern von Gazzaniga, Bizet, Dvorak, Fibich, Massenet, Leoncavallo

Label:
Anzahl Medien:
ORFEO
10
Medium:
EAN:

CD
4011790200811


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Bizet, Georges
Dvorák, Antonín
Fibich, Zdenek
Leoncavallo, Ruggero
Massenet, Jules


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ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
Unser Ziel: Die Faszination, die klassische Musik ausüben kann, über die Generationen lebendig nahe zubringen.


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