> > > Luigi Rossi: L'Orfeo: Allabastrina, Elena Sartori
Montag, 25. Oktober 2021

Luigi Rossi: L'Orfeo - Allabastrina, Elena Sartori

Mut zu unerwartetem Ausdruck


Label/Verlag: Glossa
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Hier ist eine wichtige und konsequente Neuaufnahme einer zu Unrecht vernachlässigten 'Orfeo'-Vertonung entstanden.

Die vorliegende Neueinspielung von Luigi Rossis 'L’Orfeo' beim Label Glossa klingt in vielerlei Hinsicht ganz anders, als man es vielleicht erwarten würde. Wer William Christies Aufnahme von Anfang der 1990er-Jahre im Ohr hat, wird bei Elena Sartoris Lesart mit ihrem Ensemble Allabastrina möglicherweise eine gewisse Portion Eleganz oder intonatorische Brillanz vermissen. Das ist aber kein qualitatives Manko dieser 2019 in Bozen entstandenen Studioeinspielung, sondern klares Programm. Elena Sartori animiert ihre Künstlerinnen und Künstler zu ausdrucksstarker Wahrhaftigkeit, zu einem lebendigen Dama für die Ohren, das von Farben und mutigen Entscheidungen lebt. So ganz entgeht sie mit diesem Konzept nicht einer gewissen Eintönigkeit, die sich beim Hören dieses knapp vierstündigen 'Orfeo' einstellt. Aber daran mag gerade auch die fordernde Länge der Oper nicht ganz unschuldig sein.

Allerdings mussten die Zuhörer der Uraufführung 1647 in Paris wohl noch deutlich mehr Sitzfleisch beweisen, denn die Dauer der höfischen Inszenierung sprengte den auf Tonträger repräsentierten Rahmen gewiss. Die von Rossi auf ein Libretto von Francesco Buti komponierte Oper ist die erste ihrer Gattung, die speziell für den französischen Hof geschrieben wurde. Die Geschichte vom Sänger Orfeo, dessen Gattin Euridice stirbt und die er aus der Unterwelt zurückerobert, ist unter anderem eine Keimzelle der europäischen Operngeschichte. Zahlreiche Vertonungen bis ins Heute belegen die Faszination dieses Mythos für das Musiktheater.

Dramaturgische Würze

Butis Libretto für den Pariser 'L’Orfeo' geht über den herkömmlichen Handlungsverlauf hinaus und fügt einen weiteren Strang an, der die sonst übliche stringenten Geschichte enorm befeuert. Dem Liebespaar Orfeo und Euridice stellt er die Figur des Aristeo zur Seite, der Euridice ebenfalls für sich gewinnen möchte (später bezieht Jacques Offenbach in seiner Version viel an Komik aus dieser Ergänzung). Die Dreiecksgeschichte erhält zudem dramaturgische Würze durch die Beteiligung zahlreicher Gottheiten, allen voran die rachsüchtige Venus, die nichts unversucht lässt, ihren Sohn Aristeo mit Euridice zu verbandeln.

Wie im 17. Jahrhundert üblich, konzentriert sich das Bühnengeschehen auch nicht auf die bloße Tragödienhandlung, sondern bedient ebenso das komische Element. Groteske Szenen stehen somit neben ergreifend emotionalen Momenten, Tänze neben schreckensstarrer Statik und überzogene Travestie neben der faszinierenden Irritation der Kastratenpartien. Die große Personage von Rossis 'L’Orfeo' sieht neben dem Titelhelden, seiner Gattin und einem Nebenbuhler auch Götter, Ammen, Väter, Satyre, singende Allegorien Schäfer, Hirten und Bacchantinnen vor. Langeweile dürfte damals in Paris nicht aufgekommen sein.

Üppige Personage

Auf Tonträger ist das mit der üppigen Personage so eine Sache. Man muss die Stimmen schon gut auseinanderhalten können, um der Handlung zu folgen. Das fällt in dieser Neueinspielung nicht immer leicht. Francesca Lombardi Mazzulli als Orfeo, Paola Valentina Molinari als Aristeo und Emanuela Galli als Euridice sind ein wunderbares Soprantrio, aber sie setzen sich nicht genügend voneinander ab. Am ehesten sticht noch Galli mit ihrem golden schimmernden Timbre hervor. Sie zeichnet als Euridice auch den schärfsten Charakter, während Lombardi Mazzulli und Molinari gerade in dieser Lesart der Partitur kräftiger hätten zupacken dürfen, um trotz ihrer weichen und teil betörenden Antihelden-Pose irgendeine Ahnung von klingendem Testosteron zu vermitteln.

Das Ensemble Allabastrina mit seiner Dirigentin Elena Sartori wirft sich dagegen kontrastreich ins Zeug. Besonders spannend ist die Entscheidung, nur in seltenen Fällen wirklich die ganze Continuo-Gruppe spielen zu lassen. Oft setzt nur ein einziges Instrument die nötige Farbe, üppig oder prachtvoll höfisch ist hier kaum etwas. Dafür konzentriert sich dieser Zugang stark auf die Sprache und den zu transportierenden Inhalt. Es ist im besten Sinne musikalisierte Rede, von der sich die ariosen Teile, die Duette oder Terzette effektvoll absetzen. Zugleich sucht Sartori nach ausdrucksstarken Extremen: Die Schlachtenmusik im Prolog erinnert mehr an Lärm als Musik und die chorisch singenden Soldaten haben eine nur rudimentäre musikalische Ausbildung genossen. Das provoziert akustisch-szenische Glaubwürdigkeit in hohem Maße. Und genau dieser Umstand macht große Freude beim Hören der drei CDs. Wie wunderbar mitreißend und farbenfroh Allabastrina musizieren kann, zeigt sich spätestens im dritten Akt bei den Tanzmusiken.

Höhen und Tiefen

Das große Ensemble hat Höhen und Tiefen zu verzeichnen, aber allen Mitwirkenden ist die hörbare Begeisterung an Rossis Musik und der lebendigen Art ihrer Interpretation gemein. Der Bassist Rocco Lia ist ein herrlich sonorer Plutone und Augure und der Tenor Alessio Tosi glänzt mit dem Kunststück, den Endimione im Tenor und den Apollo als Counter zu gestalten. An wenigen Stellen tritt er auf diese Weise sogar mit sich selbst in einen Dialog. Alessandro Giangrande gelingt ein urkomisches Kabinettstückchen mit seiner ‚La Vecchia‘, als Momo tritt er ebenfalls in Erscheinung. Des Weiteren beeindruckt Clarissa Reali als Nutrice und Giunone, Venere und Proserpina sind bei Arianna Stornello bestens aufgehoben. Als Giove kommt Raffaele Giordani zum Einsatz, Michele Lo Bianco als Caronte und Bacco und Gabriella Martellacci als Gelosia. Als schwierige Besetzung erweist sich beispielsweise Caterina Dellaere als scharfstimmiger Himeneo. Doch auch bei anderen Solistinnen und Solisten gilt es, über manch vokale Schwäche hinwegzuhören. Doch bei allen steht die Gestaltung im Dienste eines mutigen und fraglos kraftvollen Konzepts, das für sich einnimmt.

Hier ist eine wichtige und konsequente Neuaufnahme einer zu Unrecht vernachlässigten 'Orfeo'-Vertonung entstanden. Das eigentlich schön gestaltete und informative Beiheft lässt allerdings eine Übersetzung des Librettos – und wenn es nur ins Englische wäre – schmerzvoll vermissen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Luigi Rossi: L'Orfeo: Allabastrina, Elena Sartori

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Anzahl Medien:
Glossa
1
Medium:
EAN:

CD
8424562239036


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Rossi, Luigi


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Glossa

Spaniens renommiertestes Klassiklabel wurde 1992 von Carlos Céster und den Brüdern José Miguel und Emilio Moreno gegründet. Sein "Hauptquartier" hat es in San Lorenzo del Escorial in den Bergen nahe Madrid. Zahlreiche herausragende Künstler und Ensembles aus dem Bereich der Alten Musik (z.B. Frans Brüggen und das Orchestra of the 18th Century, La Venexiana, Paolo Pandolfo, Hervé Niquet und sein Concert Spirituel u.v.a.) finden sich im Katalog des Labels. Doch machte GLOSSA von Anfang an auch wegen der innovativen Gestaltung und Produktionsverfahren von sich reden. Zu nennen wären hier die Einführung des Digipacks auf dem Klassikmarkt und dessen konsequente Verwendung, der Einsatz von Multimedia Tracks oder die Platinum-Serie mit ihrem avantgardistischen Design. Innerhalb der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte konnte GLOSSA so zu einem der interessantesten Klassiklabels auf dem Markt avancieren. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt auch dem Spiritus rector und Gesicht des Labels, Carlos Céster.


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