> > > Benda: Medea: Capella Aquileia, Marcus Bosch
Sonntag, 13. Juni 2021

Benda: Medea - Capella Aquileia, Marcus Bosch

'Meine Liebe ist euer Tod'


Label/Verlag: Coviello Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine fulminante Katharina Thalbach macht diese Einspielung von Bendas 'Medea'-Melodram zum Ereignis.

Medea steht vor den Toren Korinths und ringt mit sich und ihrem Schicksal, dem Unrecht, der psychischen Gewalt, die ihr angetan wurden. Sie ist kein unmenschlicher Dämon, sondern eine bis ins Mark verletzte Frau, die sich an der Schwelle zu einer unvorstellbaren und nicht wieder umkehrbaren Tat befindet. Medea wird ihre Kinder töten, um Rache an dem Mann zu nehmen, den sie einst geliebt und für den sie alles geopfert hat. Doch bis zur blutigen Tat ist es noch ein langer Weg durch die Seelenqualen einer Mutter und Verstoßenen – einer Kämpferin. Diesen letzten Moment des Jahrtausende alten Medea-Mythos nehmen sich der Komponist Georg Anton Benda und der Dichter Friedrich Wilhelm Gotter im ausgehenden 18. Jahrhundert als Grundlage ihres Melodrams 'Medea'.

Benda und Gotter sind beileibe nicht die ersten, die Medea auf die Musiktheaterbühne bringen. Zahlreiche Vertonungen begeistern seit den Anfängen der Oper das Publikum, und im Sprechtheater ist der Stoff ohnehin fest verankert. Die Sonderform des Melodrams ist eine Novität in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, ein Experiment, die Errungenschaften des Schauspiels mit jenen des Musiktheaters zu verbinden. Der Text wird von einer Schauspielerin oder einem Schauspieler deklamiert, das Orchester stiftet Form, bündelt Emotion, begleitet, ahnt voraus, hebt das Geschehen auf eine neue Ebene. Gesungen wird hier nicht, was das Melodram signifikant von der Oper unterscheidet. Melodramen waren damals groß in Mode und aus verschiedenen Gründen bei Publikum wie Theatermachern besonders populär. Heute begegnet man dieser musiktheatralen Form äußerst selten – und wenn, dann vermutlich ‚nur‘ im Konzertsaal ohne Ausstattung, also ohne das theatrale, bühnenwirksame Element.

Theatrale Suggestion

Beim Label Coviello Classics ist nun Bendas berühmtes 'Medea'-Melodram – als Ersteinspielung der letztgültigen Version Bendas von 1784 – auf einer CD mit gerade mal 44 Minuten Spieldauer erschienen. Aber diese 44 Minuten haben es in sich. Sie erinnern nicht nur an einen zu Unrecht vernachlässigten Komponisten, sondern erreichen dank der hervorragenden Künstlerinnen und Künstler mit rein akustischen Mitteln ein Maximum an theatraler Suggestion.

Die musikalische Leitung der bereits 2018 in Heidenheim entstandenen Einspielung liegt in den versierten Händen von Marcus Bosch. Seine cappella aquileia weiß tadellos mit Bendas Orchestersatz umzugehen. Alle solistischen Passagen entfalten größtmögliche Wirkung und der heikle Dauerwechsel zwischen Sprechsätzen und nur wenige Takte umfassenden Orchesterkommentaren gelingt vortrefflich. Hochkonzentriert und energetisch aufgeladen halten die Musikerinnen und Musiker gemeinsam mit Bosch den großen Spannungsbogen über dem quasi durchkomponierten Melodram.

Kraftvoller Zugriff

Das eigentliche Großereignis ist aber die Schauspielerin Katharina Thalbach, die Gotters Text mit allen Registern ihrer Kunst zu durchleuchten versteht. Thalbach hat vor allen Dingen keine Angst vor großem Pathos, was der musikalischen Überhöhung durch Benda folgerichtig in die Hände spielt. Auch in Ermangelung einer optischen Komponente vermitteln sich durch den kraftvollen Zugriff Thalbachs überraschend viele Schichten, Farben und Effekte, die man beim bloßen Lesen des im Beiheft vollständig abgedruckten Textes nur schwer erahnt. Katharina Thalbach gibt aber nicht einzig die große Tragödin, sondern findet ebenso den direkten, zutiefst menschlichen Tonfall für die verzweifelte Mutter. Man hat ohne Zweifel größtes Mitleid mit dieser Medea, ihre Qualen machen die schreckliche Tat erschütternd nachvollziehbar. Virtuos sind die schnellen Wechsel in Thalbachs Vortrag: von der mitschwingenden Träne, der großen Zartheit ihrer Worte, dem bebenden Zweifel und ihren echolosen Fragen hin zur verbalen Raserei, dem Schrei nach Vergeltung, dem aufflackernden Wahnsinn. Diese Medea weint, geifert, lässt keine Regung aus. Dass Thalbach zusätzlich noch die wenigen Einwürfe eines Jason, einer Hofmeisterin, der jubelnden Menge oder der beiden Kinder mit derselben Kunstfertigkeit mitliefert, nimmt man da fast schon als selbstverständlich hin.

Regelrecht beklemmend, weil so überraschend, ist der letzte Dialog zwischen Medea und Jason: Medea klingt fast kindlich naiv, mit einem entrückten Lächeln im Gesicht. Vor so viel Mut zum sprachmelodischen Extrem muss man staunend stehen. Es ist eben diese enorme Bandbreite, die die vorliegende Einspielung zu einem so glaubhaften Seelenporträt und einem glühenden Anwalt für Bendas Melodram-Kunst macht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Benda: Medea: Capella Aquileia, Marcus Bosch

Label:
Anzahl Medien:
Coviello Classics
1
Medium:
EAN:

CD
4039956920144


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Benda, Georg Anton


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Coviello Classics

Für Coviello Classics steht bei einer Musikproduktion immer das besondere Hörerlebnis im Vordergrund ? alle technischen und organisatorischen Entscheidungen müssen sich diesem ästhetisch definierten Ziel unterordnen. Wesentliche Entscheidungen treffen bei coviello classics nicht gewinnorientierte Manager, sondern kreative Musik-Gestalter: zum einen die Gründer, Geschäftsführer und prägenden Köpfe Olaf Mielke und Moritz Bergfeld, die als Diplom-Tonmeister und Aufnahmeleiter den coviello classics-Produktionen ihr ?klangliches Gesicht? geben, zum anderen die Interpreten, die für coviello classics immer die wichtigsten Partner sind. Ihre künstlerische Aussage ist das zentrale Kriterium für die Qualität einer Aufnahme; sie sind in alle ästhetischen Fragen einer Veröffentlichung einbezogen.

Hoher Repertoirewert

Grundvoraussetzung für unsere Neuproduktionen sind die besonderen Anforderungen an Künstler und Repertoire. Um dem Klassikmarkt neue Impulse zu geben, produziert coviello classics bislang wenig beachtetes Repertoire, oftmals in Weltersteinspielungen, und sorgt damit immer wieder für überraschende Entdeckungen. Bekanntere Werke erscheinen durch ungewöhnliche Interpretationen in neuem Licht ? hier gibt es keine ideologischen Grenzen oder vermeintlichen Authentizitäts-Anspruch; lebendige Musikkultur zeigt oft das vertraute in ganz anderem klanglichem Gewand. Ein besonderer Schwerpunkt ist die seit einigen Jahren etablierte Reihe coviello contemporary, in der sich die Nähe zum weltbekannten Darmstädter Institut für neue Musik in ganz aktuellen Kompositionen bemerkbar macht.

Technische und ästhetische Kompetenz

coviello classics ist das Label, unter dem die Aufnahmen der Produktionsfirma MBM vertrieben werden ? ob als CD, DVD oder SACD. Durch einen ganz speziell für die Anforderungen hochwertigster Musikproduktionen konzipierten Übertragungswagen sind die Voraussetzungen für die Aufnahmequalität bei MBM optimal. coviello classics bietet darüber hinaus in jedem Bereich und in jeder Phase der Realisierung einer Musikproduktion ? bis hin zu grafischer Gestaltung und Textredaktion bei den begleitenden Druckmedien ? sowohl Logistik und hochwertiges Gerät wie auch technisches und ästhetisches Know-how.

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Zu einer Musikveröffentlichung gehört nicht nur der gespeicherte Ton ? da gibt es noch einiges mehr zu gestalten. Das Cover einer CD, DVD oder SACD muss nicht nur grafisch ansprechend gestaltet sein, sondern auch einen sinnvollen Zusammenhang mit dem musikalischen Inhalt herstellen. Das begleitende Booklet soll umfassend über Werke, Künstler und Aufführungspraxis informieren; die Texte müssen wissenschaftlicher Prüfung standhalten, aber trotzdem allgemein verständlich und auch noch unterhaltsam sein ? schwierige Herausforderungen auch über die Musik hinaus, für die coviello classics mit erfahrenen Grafikern und Textautoren zusammenarbeitet. Schließlich muss das fertige Produkt an möglichst vielen Orten der Welt erhältlich sein. Dafür haben wir in vielen Ländern in Europa, Asien und Nordamerika Partner vor Ort, die ihren Markt genau kennen. Sie werden laufend mit Neuheiten, Informationsmaterial und Rezensionen aus der Presse versorgt ? auch wenn die Produktion eigentlich fertig ist, macht sie uns noch viel Arbeit.


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