> > > Plaisirs Illuminés: Patricia Kopatchinskaja, Sol Gabetta, Francisco Coll, Camerata Bern
Sonntag, 5. Dezember 2021

Plaisirs Illuminés - Patricia Kopatchinskaja, Sol Gabetta, Francisco Coll, Camerata Bern

Aufbrechende Farben und Klänge


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Aus dem Schattendasein ans Licht führen Patricia Kopatchinskaja und die Camerata Bern folkloristisch intendierte Kunstmusik. So gelingt ein Klangabenteuer zwischen Vergangenheit und Moderne.

Längst ist es zur Methode geworden, unkonventionelle Wege einzuschlagen, um aufhorchen zu lassen. Die Camerata Bern ist eines jener Ensembles, denen das in besonderer Weise gelingt. Sie spielen alles zwischen Barock und Gegenwartskompositionen, intelligent wie aufregend zusammengestellt, leisten sich den Luxus eines Composers in Residence pro Saison und konzertieren mit Künstlerinnen und Künstlern von Rang und Namen.

Als wollte die Camerata Bern das noch toppen, gewann sie 2018 Patricia Kopatchinskaja als künstlerische Leiterin, das Ensemble bereit, sich bedingungslos auf alles einzulassen, was auf ihrem Notenpult landet, und das so kompromisslos perfekt, dass es schon wieder leicht und einfach klingt. Dies dokumentiert das Ensemble mit seiner jüngsten CD 'Plaisirs Illuminés'.

Der Titel verweist auf Salvator Dalís gleichnamiges surrealistisches Bild aus dem Jahr 1929. Dalí ging es um das Paradox der Schaulust wie des Begehrens, um Durchblicke, die ad absurdum geführt werden, und um halluzinatorische Wirkung. Inspiriert von dieser einbildungsstarken Vorlage erfand der Spanier Francisco Coll, Composers in Residence bei der Camerata Bern in der Spielzeit 2018/19, für sein viersätziges Werk 'Les Plaisirs Illuminés' als Doppelkonzert für Violine, Violoncello und Kammerorchester fein ziselierte dialogische Klangbilder. Kaum vier oder fünf Minuten lang dauern die einzelnen Sätze in wechselnden Schnell-Langsam-Tempi.

Energetische Kraft

Francisco Coll fordert in den schnelle Sätzen virtuose Spieltechniken, um bei aller Modernität überaus harmonische Klangfarbenbilder zu schaffen. Die quasi improvisatorisch angelegten Soli gleichen den Variablen einer Kommunikation im Kontrapunkt und suggerieren viel Raum für individuelle Gestaltungsmöglichkeiten vornehmlich in den langsameren Sätzen. Das Spiel der Solistinnen Patricia Kopatchinskaja und Sol Gabetta ist ideal aufeinander eingespielt, mitreißend wie packend präzise im aufgerissenen, von verstörend scharfen Dissonanzen durchsetzten Klangbild. Ihre exzellente Interpretation bestimmt eine energetische Kraft bis in feinste Klangspitzen. Dass Francisco Coll hier am Pult eines Ensembles steht, das nur in Ausnahmefällen dirigentische Unterstützung nutzt, spürt man nicht. Gewohnt wie aus einem Guss folgt ein Satz dem anderen.

Im 'LalulaLied' agiert die Widmungsträgerin und Solistin Patricia Kopatchinskaja mit höchster Lust am explosivartigen wie expressiven Zusammenspiel von Sprachlauten und Textsilben. Francisco Coll wählte ein Nonsense-Gedicht von Christian Morgenstern und übersetze es in Stimmenklang und Geigentöne. Die Solistin führt beide Partien aus. Wechselweise oder überlappt mit dem ausgespuckten, hyperskandierten, geschrienen, gesungenen Wortfragment wirbeln die rasanten Geigenklangfetzen durcheinander, wie es kreativem Nonsens zu eigen ist. Patricia Kopatchinskaja lässt ihrer Passion für emotionale Extreme freien Lauf.

Schattendasein

Geigenduette, 'Duo Pizzicato' von Béla Bartók und 'Baladă şi joc' von György Ligeti, sind Francisco Colls Werken vorangestellt. Diese folkloristisch intendierten und von Patricia Kopatchinskaja mit Sonja Starke und Suyeon Kang schön ausmusizierten Werke bilden eine Brücke zu 'Musica concertante' von Sándor Veress, gefolgt von 'Jelek VI' aus 'Games, Signs, and Messages' von György Kurtag und 'Concerto per corde' von Alberto Ginastera. Der Eindruck drängt sich auf, dass Patricia Kopatchinskaja mit dieser Aneinanderreihung von Kleinodien auf möglichst viele Komponisten aufmerksam machen wollte, weil diese im Konzertsaal ein Schattendasein führen. Zuallererst gilt das für den ungarischen Komponisten Sándor Veress.

Verwurzelung und Reflexion über Aufgabe und Verpflichtung seiner Kunst bestimmten Denken und Wirken von Sandor Veress. Geboren in Transsylvanien, aufgewachsen in Budapest, studierte er Klavier bei Béla Bartók und Komposition bei Zoltán Kodály. László Lajtha eröffnete ihm den Zugang zur Volksmusikforschung. Damit waren die Wurzeln gelegt. Sandor Veress unternahm Fahrten zu den Csángó-Magyaren, um ihre Lieder aufzuschreiben. Er bemühte sich um den Aufbau der Musikpädagogik in Ungarn, arbeitete zunächst als Assistent Bartóks und später als Nachfolger Kodalys als Professor für Komposition an der Franz-Liszt-Akademie Budapest.

Vernachlässigter Emigrant

Sandor Veress wollte die Budapester Schule in der Tradition seiner Lehrer weiterführen, scheiterte jedoch an den politischen Umwälzungen. Nach längeren Aufenthalten in London und Rom emigrierte er in die Schweiz. Ab 1950 lehrte er am Konservatorium in Bern Theorie und Komposition, 1968 folgte die Berufung an die Universität Bern als Professor für Musikethnologie und Musik des 20. Jahrhunderts neben seinen Gastprofessuren in den USA und Australien. Die Schweiz zeichnete ihn vielfach aus. Die Schweizer Staatsbürgerschaft erhielt er aufgrund einer restriktiven Gesetzeslage aber erst drei Monate vor seinem Tod. Doch Veress haderte nicht. Als bekennender Exilant wusste er die Freiheit als höchstes Gut künstlerischer und persönlicher Entfaltung zu schätzen. In seiner Bedeutung als Komponist platziert man Sándor Veress zwischen seinen Lehrern Béla Bartók und Zoltán Kodály und seinen Schülern György Kurtág und György Ligeti und vernachlässigt darüber sein Repertoire. Der Geigerin Patricia Kopatchinskaja mit den Musikern der Camerata Bern gelingt hier ein veritabler Einstieg in die Aufbereitung seiner Werke, wovon man in dieser Besetzung mehr hören wollte.

Alberto Ginastera beschäftigte sich lange mit argentinischer und lateinamerikanischer Folklore. Das gilt für eine Vielzahl seiner Werke. Erst die intensive Auseinandersetzung vor allem mit Bartók und dessen Art der Weiterentwicklung ursprünglich folkloristischer Elemente hin zu imaginär-folkloristischer Kunstmusik inspirierte Alberto Ginastera zu einem neuen Denken. So spricht man vom Neo-Expressionisten, wenn es um Ginasteras letzte Schaffensphase geht. Das trifft auf das 'Concerto per corde' zu, ein Musterbeispiel für seine Beherrschung der Dodekaphonie. Hierfür überarbeitete er sein zweites Streichquartett aus dem Jahr 1956. Er strich Partien und komponierte eine neue Einleitung 'Variationi per i solisti'. Die Camerata Bern interpretiert 'Concerto per corde' mit einer Intensität, als erfänden die Solistinnen und Solisten im Augenblick des experimentellen Spiels mit Vierteltönen und Klangflächen den Fortlauf der kurzen Sätze. Bei aller analytischen Scharfsicht auf jedes Detail gelingt ihnen eine inspirierende Wiedergabe.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Plaisirs Illuminés: Patricia Kopatchinskaja, Sol Gabetta, Francisco Coll, Camerata Bern

Label:
Anzahl Medien:
Alpha Classics
1
Medium:
EAN:

CD
3760014195808


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Bartók, Béla
Ginastera, Alberto
Kurtág, György
Ligeti, György
Veress, Sándor


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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