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Samstag, 25. September 2021

Verdelot: Madrigals for four voices - Prefeti della Quinta

Aus der Frühzeit des Madrigals


Label/Verlag: Pan Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein Franzose an der Wiege des italienischen Madrigals: Verdelot und seine Interpreten erfreuen mit einem schönen Beispiel praktischer Musikgeschichte.

Philippe Verdelots (ca. 1480-ca. 1530) Madrigalkunst wurde im Wesentlichen posthum veröffentlicht: 1540 erschien ein Doppelband mit dem Titel 'Di Verdelotto/tutti li madrigali del primo et del secondo libro a quatro voci'. Sie werden auf einer aktuell bei Pan Classics vorliegenden Platte vom Ensemble Profeti della Quinta vor allem vokal, aber auch instrumental in einem Gambenconsort vorgestellt – genauso wie es in einem privaten höfischen Umfeld jener Zeit durchaus vorstellbar ist, einschließlich eines weiblichen Cantus‘. Philippe Verdelot wird als einer der Väter des italienischen Madrigals vorgestellt: Ein früh italianisierter Franzose, der als Verdelotto, wie auch der Druck ihn nennt, noch plausibler in seiner Rolle wirkt. Man muss sich hörend vom Begriffspaar Madrigal – Monteverdi trennen und emanzipieren (von den Extravaganzen eines Gesualdo sowieso), um die Fülle an schüchternen Schönheiten würdigen zu können, die Verdelot am Beginn der Gattung zeichnet. Es gibt immer wieder Ansätze von durchaus intensiver Wortdeutung und Affektklarheit, freilich nicht in der fast schon überreizten Form, wie sie Jahrzehnte später die Gestalt des überreifen Madrigals prägen sollte. Adrian Willaert, ein Verdelot nachfolgender Meister der sich fortentwickelnden Gattung, hat Verdelots Madrigale für Sologesang und Lautenbegleitung bearbeitet – eine Fassung, die wirkmächtiger wurde als das Original und dennoch entscheidend zu Verdelots Bekanntheit beigetragen hat.

Das in Israel gegründete und derzeit in Basel ansässige Ensemble Profeti della Quinta wendet sich der ursprünglichen Fassung zu und hat – was die praktische Umsetzung ganz entscheidend beeinflusst – aus Einzelstimmen gesungen. Das erforderte einen, Corona und die Absage etlicher Konzerte machten es möglich, längeren Vorbereitungsprozess, eine große Zahl an rationalen und intuitiven Entscheidungen. Als Beispiel hierfür sei der Umgang mit der ‚Musica ficta‘ genannt, der Frage also, wie und wo Versetzungszeichen anzubringen sind, um das harmonische Geschehen im Einklang mit den satztechnischen Regeln zu gestalten. Es ist leicht nachvollziehbar, dass man aus der Perspektive der Einzelstimme in manchem Fall zu anderen Lösungen kommen kann als es etwa nach Betrachtung einer Chorpartitur der Fall wäre. Elam Rotem, der Ensembleleiter als Erster unter Gleichen, berichtet in seinem Booklettext davon, dass die Auseinandersetzung mit diesem Thema intensiv war: Verdelots Original ist sparsam mit den Zeichen, Willaert dagegen deutet diesen Raum konsequenter aus. Sollte man sich auf den Zeitgenossen als Goldstandard verlassen oder den aktiv ausübenden Sänger begründet nach Lösungen suchen lassen? Spannende Abwägungen waren die Folge, alles floss in einer schlüssigen Deutung zusammen.

Dezente Könner

Das Ensemble Profeti della Quinta singt in der Besetzung Giovanna Baviera (Sopran), Doron Schleifer (Altus), Jacob Lawrence (Tenor) und Elam Rotem (Bass). Es sind sämtlich keine großen, dramatisch grundierten Stimmen, eher sind feine stimmliche Mittel prägend – erlesen im aushörenden Zusammenwirken. Alle Stimmen sind individuell kenntlich und charmant. Das klingende Ergebnis wirkt wie ein vollkommen ‚normalstimmiges‘ Quartett – ist doch keine tatsächlich herausfordernde Diskantlage zu bewältigen, sind die Tiefen auch für eine luzide Stimme mittlerer Ausdehnung erreichbar. Mit einem Satz: Das Ensemble passt in seinen Stärken deutlich zum Repertoire. Verziert wird maßvoll und ohne die schlichten Dimensionen des Satzes zu verdecken.

Intoniert wird im durchaus unverwechselbaren Rahmen des Ensembleideals makellos, nicht nur fehlerfrei, sondern immer wieder mit beglückenden Wirkungen von schlichter Schönheit. Das Geschehen fließt in einem ruhigen Grundpuls; abgesetzt davon sind wieder einzelne Gesten und einkomponierte Affekte. Die Linien werden weit gegriffen, zuzeiten akzentuiert und mit feiner Energie aufgeladen. Das Klangbild ist sehr direkt – man wähnt sich inmitten des charmanten Ensembleklangs situiert. Alle Anteile sind präsent, ohne dass ein Zerfall des Kontexts zu beobachten wäre. Ähnliches gilt auch für das gelegentlich die vokalen Beiträge abwechselnde Gambenconsort: Hier spielt ebenfalls die Sopranistin des Ensembles, Giovanna Baviera, dazu treten Anna Danilevskaia, Elizabeth Rumsey und Leonardo Bortolotto: Sie setzen den verhalten expressiven Ansatz der vokalen Sphäre fort, nobel im Klang, delikat in der Ausformung der linearen Gestalten, immer wieder in warme Akkordik voller reiner Resonanz mündend.

Das Ensemble Profeti della Quinta singt zutreffend und überzeugend Sätze aus der Frühzeit des Madrigals und macht klar, dass es sich um vollwertige Beiträge zur Gattung und nicht um ‚Protomusik‘ handelt. Ein Franzose an der Wiege des italienischen Madrigals: Verdelot und seine Interpreten erfreuen mit einem schönen Beispiel praktischer Musikgeschichte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Verdelot: Madrigals for four voices: Prefeti della Quinta

Label:
Anzahl Medien:
Pan Classics
1
Medium:
EAN:

CD
7619990104228


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Verdelot, Philippe de


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Pan Classics

Gegründet 1992 vom Musikhaus Pan in Zürich, wurde das Label 1997 von den Tonmeistern Clement Spiess und Koichiro Hattori übernommen. 2011 entschloss man sich zu einem radikalen Neuanfang: Der umfangreiche Katalog wurde gelichtet und die verbliebenen Aufnahmen erhielten ein neues, attraktives Erscheinungsbild. Den CDs wird so ein unverwechselbares Äußeres mit einem hohen Wiedererkennungswert verliehen. Geblieben sind dagegen die Vorliebe für außergewöhnliches Repertoire und der Anspruch, mit renommierten Musikern und Ensembles einen künstlerisch hochwertigen Katalog zu schaffen. Zu diesen Künstlern zählen Namen wie die Hammerklavier-Spezialisten Edoardo Torbianelli und Arthur Schoonderwoerd, der Tenor Jan Kobow u.v.a.


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