> > > Desprez: Le septiesme livre de chansons: Ensemble Clément Janequin, Dominique Visse
Montag, 26. Juli 2021

Desprez: Le septiesme livre de chansons - Ensemble Clément Janequin, Dominique Visse

Ausrufezeichen zum Josquin-Jahr


Label/Verlag: Ricercar
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine interessante programmatische Mischung jeweils ungemein typischer Josquin-Sphären. Dominique Visse setzt mit seinem Ensemble Clément Janequin zu Beginn des Josquin-Jahres 2021 ein Ausrufezeichen.

Josquin Desprez war ein Komponist der Renaissance, dessen Ruhm nach seinem Tod 1521 nie verblasste. 500 Jahre ist das in diesem Jahr her und es zeichnet sich schon jetzt eine reiche diskografische Ernte ab. Hier geht es um eine neue Platte, die der Countertenor Dominique Visse mit seinem Ensemble Clément Janequin beim Label Ricercar vorgelegt hat, mit Chansons verschiedener Art zu fünf und sechs Stimmen aus dem siebten Chansonbuch Josquins. Mitte der 1540er Jahre hatte der Drucker Tylman Susato in Antwerpen dieses Buch gemeinsam mit mehreren weiteren Drucken herausgegeben und so wesentlich zum bleibenden Nachruhm des Komponisten beigetragen.

Im Programm sind drei Kategorien auszumachen: Einerseits klassisch bewegte, unmittelbar textinspirierte Formen, die eine gewisse Heiterkeit ausstrahlen und sich aus allzu strenger Strukturalität zu emanzipieren scheinen, auch wenn sie natürlich im Satz intrikat bleiben. Dazu gehören zum Beispiel 'Allegrez moy doulce plaisant brunette' oder 'Petite Camusette a la mort mavez mis'. Dann gibt es das große und eindrucksvolle Reich der gesammelt trauernden, jedenfalls unmittelbar ans Herz gehenden Sätze. Dazu gehören so emblematische Stücke wie 'Mille regretz', dazu 'Plus nulz regretz' oder 'Doleur me bat' und 'Cueur langoreulx'. Das sind Stücke voller sanfter Kanonik, die streng wirkt, darin aber sublim und kunstfertig. Als dritte Gruppe sind dezidierte Trauergesänge zu hören: Einer von Josquin selbst auf den Tod des großen Johannes Ockeghem, bekannt als 'Nymphes des bois', mit vollem Titel 'La déploration sur la mort de Jehan de Ockeghem' geheißen. Und dann zwei der zahlreicheren Arbeiten, die Kollegen anlässlich des Todes von Josquin selbst verfassten, hier 'O mors inevitabilis' von Hieronymus Vinders und 'Musæ Jovis' von Nicolas Gombert.

Sämtlich ist das erlesene Musik, vokal interpretiert, dazu instrumental ergänzt oder komplementiert. Zwei der berühmten Bearbeitungen von ‚'Mille regretz', die von Luis de Narvaez und Hans Newsidler haben es als rein instrumentale Beiträge ins Programm geschafft.

Können & Leidenschaft

 

Das Ensemble Clément Janequin erweckt das in der Besetzung Anaïs Bertrand (Alt), Dominique Visse (Countertenor), Martial Pauliat und Hugues Primard (Tenor), Vincent Bouchot und Igor Bouin (Bariton) sowie Renaud Delaigue (Bass) mit Überzeugung und echter Könnerschaft zum Leben, so wie die Formation eigentlich immer mit gehaltvollen Beträgen aufhorchen ließ. Die Linien werden entschieden gestaltet, in klar profilierten Registern von unverwechselbarer Statur. Es wird ein zwar harmonisches, aber doch alles andere als kantenfreies Klangideal verfolgt und geradezu lustvoll expliziert. In den bewegten Sätzen geben die Vokalisten, angefeuert von Dominique Visse, dem Affen ordentlich Zucker, tritt die musikdramatische Leidenschaft des Ensembleleiters bei der Interpretation solcher Vorlagen deutlich hervor und bildet damit einen erstaunlichen Kontrast zur Sphäre des Trauerns und der Klage, sichert dem Programm dadurch aber Varianz und bewahrt es vor allzu manifester klanglicher Bekümmerung.

Das Ensemble Clément Janequin war nie eine reine Wohlklangorganisation, mancher der Beiträge mag die Geister der Zuhörerschaft ähnlich scheiden wie die Produktionen des belgischen Ensembles Graindelavoix es tun. Vor allem Dominique Visse wirkt mit seiner pneumatischen Tongebung oft scharf, auch andere Stimmen klingen gelegentlich körnig – doch ist das intonatorische Gesamtbild dennoch schlüssig und hochwertig. In Sachen Entfaltung der Tempi herrscht größte Abwechslung, wird den Gehalten von Text und Satz entschlossen gefolgt. Und auch dynamisch greifen die Vokalisten beherzt nach allen Möglichkeiten von der feinsten Trauernuance bis zur wirklich turbulenten Geste. Dieses Moment der entschiedenen Differenz wird auch artikulatorisch verlebendigt, zwischen den Polen der weit ausgreifenden Trauerlinie und der kleinteiligen Chansonlebendigkeit. Die Instrumente – Laute spielt Eric Belloq, Spinett und Orgel Yoann Moulin – agieren klangfüllend und nobilitieren die wenigen solistischen Beiträge deutlich. Das Klangbild wirkt gesammelt und erfreulich konkret, ist sehr gut balanciert und von klarer Struktur, dennoch nicht ohne Charme.

Eine interessante programmatische Mischung jeweils ungemein typischer Josquin-Sphären. Dominique Visse setzt mit seinem Ensemble Clément Janequin zu Beginn des Josquin-Jahres 2021 ein Ausrufezeichen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Desprez: Le septiesme livre de chansons: Ensemble Clément Janequin, Dominique Visse

Label:
Anzahl Medien:
Ricercar
1
Medium:
EAN:

CD
5400439004238


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Desprez, Josquin


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Ricercar

Von Haus aus Musikwissenschaftler und Gambist (und hier immerhin Schüler von Wieland Kuijken), gründete der Belgier Jérôme Lejeune 1980 sein Label RICERCAR, das schnell zu einem der wichtigsten im Bereich der Alten Musik wurde. Das war nicht nur durch die musikwissenschaftliche Arbeit Lejeunes nahe liegend, sondern auch dem Umstand geschuldet, dass Belgien von je her zu den führenden Nationen im Bereich der historischen Aufführungspraxis gehörte. Die Künstler, die für RICERCAR aufnehmen bzw. aufgenommen haben, lesen sich ohne Übertreibung wie das Who-is-Who der Alten Musik-Szene: Hier machte zum Beispiel Philippe Herreweghe genauso seine allerersten Aufnahmen wie das Ricercar Consort, Jos van Immerseel oder Mark Minkowski (sowohl als Fagottist als auch als Dirigent). Zu den Künstlern und Ensembles, die derzeit dem Label verbunden sind, gehören so prominente Namen wie der Organist Bernard Foccroulle, die Sopranistin Sophie Karthäuser sowie die Ensemble La Fenice und Continens Paradisi. Nach wie vor bietet Lejeune dabei jungen Künstlern und Ensembles eine künstlerische Plattform und er beweist dabei stets ein besonders glückliches Händchen. Viele der nicht weniger als 250 Aufnahmen, die hier veröffentlicht wurden, waren klingende Lektionen in Musikgeschichte, die in mehrteiligen Reihen solche Themen wie Bach und seine Vorgänger, die franko-flämische Polyphonie oder Instrumentenkunde behandelten und so etwas wie zu einem Markenzeichen des Labels wurden. Das erstaunliche dabei war auch, dass nahezu alle Produktionen des Labels von Lejeune sowohl wissenschaftlich als künstlerisch und technisch betreut wurden.


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