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Dienstag, 28. September 2021

Kantaten im Januar - La Petite Bande, Sigiswald Kuijken

Solistischer Bach


Label/Verlag: Accent
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Im Ergebnis ein luzider, lichtdurchfluteter Bach von Sigiswald Kuijken und La Petite Bande – gelegentlich zu statisch und etwas reduziert, stimmlich und in der instrumentalen Energetisierung.

Der Geiger und Ensembleleiter Sigiswald Kuijken, ein Urgestein der historisch informierten musikalischen Praxis, meldet sich aktuell beim Label Accent mit einer Bach-Kantaten-Platte zu Wort. Vor Jahren, von 2004 bis 2014, hatte er, in Abgrenzung der seinerzeit laufenden Gesamteinspielungen etwa von John Eliot Gardiner und Masaaki Suzuki, jeweils eine Kantate Bachs zu den Sonn- und Feiertagen des Kirchenjahrs ausgewählt und diese in konsequent solistischer Vokalbesetzung vorgestellt. Auch das nun vorliegende Signal aus dem Bach-Kosmos kommt in dieser Besetzung daher – was im Grundsatz damals wie heute gut funktioniert, zum Beispiel den intrikaten chorischen Kopfsätzen der Kantaten eine technisch wertige und virtuose Note verleiht. Im aktuellen Programm sind drei Kantaten zu hören: Zunächst BWV 72 'Alles nur nach Gottes Willen' aus dem Januar 1726, dann BWV 156 'Ich stehe mit einem Fuß im Grabe' aus dem Januar 1729 und schließlich die große Choralkantate BWV 92 'Ich hab in Gottes Herz und Sinn' zum Sonntag Septuagesimae, ebenfalls eine Januar-Kantate, hier des Jahres 1725. Es sind dies verschieden dimensionierte Werke für die Zeit nach Weihnachten, die mit allen klassischen Qualitäten der Arbeiten der reifen 1720er Jahre aufwarten.

Solistisch gesungen, geraten sie immer luzide, gelegentlich sehr fein und fast gespinsthaft. Kritische Stimmen dieser Praxis kritisieren gerade das – es gebe zu wenig Differenz, zu wenig Saft und Kraft in den Eingangschören. Und auch mit Blick auf die aktuelle Einspielung lässt sich dieser Vorwurf nicht ganz entkräften. Doch muss man Sigiswald Kuijken zugutehalten, dass er seinen Ansatz vor mehr als eineinhalb Jahrzehnten zwar engagiert und klug argumentierend vorgetragen hat – wer mag, sollte das in den hierzu grundsätzlichen Einführungen seiner früheren Kantatenproduktionen nachlesen; in der aktuellen Publikation vertieft er diese grundsätzlichen Überlegungen nicht und geht selbstbewusst vom kundigen Rezipienten aus –, ihn aber ohne dogmatische Strenge als eine, nämlich seine Möglichkeit zur Diskussion gestellt hat und umstandslos bereit war, auch andere Interpretationen zu schätzen, seien sie nur inspiriert und geleitet von Bachs Kunst.

Eine solistische Besetzung ist immer Chance und Risiko: Chance, weil sie Einsichten liefern kann, die eine im hergebrachten Sinne chorische Besetzung durchaus verdecken kann. Und Risiko, weil sie für ihr Gelingen auf Gedeih und Verderb auf die optimale Wirkung der vier Stimmen angewiesen ist. Die war schon in der früheren Reihe Kuijkens zum Beispiel wegen der mangelnden stimmlichen Flexibilität des Basses Jan van der Crabben gelegentlich eingeschränkt und nicht immer durchgehend glücklich.

Licht und Schatten

Mit Blick auf die jetzige Produktion mit Bachs ‚Januar-Kantaten‘ begegnet zuerst die flutende Frische der Sopranistin Anna Gschwend, engagiert im Duktus der Musik; mit leichter, beweglicher Linie erfüllt sie die Standards heutiger Bach-Interpretation mühelos. Das lässt sich über die Altistin Lucia Napoli nicht in gleicher Weise sagen: Sie verfügt über eine schöne, natürlich strömende Stimme, die sich aber bald als zu statisch erweist, um tatsächlich als eloquent und textlich glaubwürdig gelten zu können. Arios fällt das etwas weniger ins Gewicht, die Rezitative bleiben aber ein Fremdkörper. Der Tenor Stephan Scherpe verfügt über eine feine, eher schmal dimensionierte Stimme, zeigt sich deutlich ensemblefähig, eigentlich auch beweglich – doch gerät auch bei ihm manche Phrase merkwürdig statisch, zum Beispiel in der mit einem Sopran-Choral gekoppelten Arie 'Ich steh mit einem Fuß im Grabe' aus BWV 156. Der Bass Thomas Bauer erweist sich schließlich als rundum gesunde ‚Ankerstimme‘: Mit fein moduliertem Volumen entfaltet er seine schöne Stimmsubstanz ungezwungen und mit leichter Geste. Er ist mit Abstand der Sprachmächtigste des Quartetts, was vor allem den häufigen Bass-Rezitativen zugutekommt.

Kuijken flankiert das mit einer entsprechenden Instrumentalbesetzung: Die Violinen sind doppelt besetzt, alle übrigen Instrumente einfach. Das sichert maximale Durchhörbarkeit und Klarheit, die Balance ist gewahrt: Das klingende Ergebnis ist Kammermusik, flächige Gesten wird man vergeblich suchen. Der Streichbass bleibt in seiner Wirkung für das klingende Ganze etwas zu amorph und gerät viel zu weich, obwohl er wie die anderen Instrumente ebenso delikat wie aktiv gespielt wird. Diese Wirkung mag auch mit der insgesamt etwas höhenliebenden klanglichen Realisierung im Konzerthaus Blaibach liegen, die ansonsten für Klarheit und das präzise Abbild von Strukturen sorgt.

Beinahe starr

Auch wenn Tempi bei Bach nicht äußerlich erzwungen werden dürfen: Hier geht es gelegentlich etwas zu gemächlich, etwas zu buchstabiert zu. Das schon im Kontext der Vokalisten angesprochene Element des Statischen findet hier seine Entsprechung – auch, weil Kuijken dem sprachgeleiteten Fluss etwas entgegenzustehen scheint, geraten einzelne Passagen der Rezitative beinahe starr. Positives Gegenbeispiel ist hier Thomas Bauer, der das Geschehen kraft seiner Sprachmacht in Bewegung bringt.

Im Ergebnis also ein luzider, lichtdurchfluteter Bach – gelegentlich zu statisch und etwas reduziert, stimmlich und in der instrumentalen Energetisierung. Am deutlichsten verfängt Kuijkens Ansatz in BWV 92 mit dem einkomponierten Kontrast von choraler Ruhe und arioser Wirkung. Vokalsolistische Lebendigkeit ist aktuell in der Reihe der Kantateneinspielungen von Rudolf Lutz und seiner St. Gallener Bach-Gesellschaft immer wieder an einzelnen Beispielen sehr überzeugend nachzuhören. Dennoch: Es ist immer anregend, Kuijkens Bach zu hören.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Kantaten im Januar: La Petite Bande, Sigiswald Kuijken

Label:
Anzahl Medien:
Accent
1
Medium:
EAN:

CD
4015023253209


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Bach, Johann Sebastian


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Accent

Schon bei der Gründung des Labels 1979 durch Andreas Glatt war klar, dass ACCENT sich fast ausschließlich mit Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beschäftigen würde. Die Künstler, die für ACCENT aufnehmen oder aufgenommen haben, gehörten von Anfang an zu den renommiertesten Interpreten der "Alte-Musik-Szene": darunter die Brüder Barthold, Sigiswald und Wieland Kuijken, René Jacobs, Jos van Immerseel, Maria Cristina Kiehr mit La Colombina, Paul Dombrecht, Marcel Ponseele mit seinem Ensemble Il Gardellino, aber auch jüngere Künstler wie Ewald Demeyere und sein Bach Concentus, das Ensemble Private Musicke mit Pierre Pitzl oder das Amphion Bläseroktett. Der ACCENT-Katalog möchte den neugierigen Musikfreund auf eine Reise durch die Welt der Alten Musik mitnehmen. Dabei wird er, neben ausgewählten Standardwerken, nicht selten Stücken begegnen, die kaum im Konzertbetrieb oder auf CD anzutreffen sind. Erstaunlicherweise stammen sie nicht nur von wenig bekannten Komponisten, sondern auch von so großen Namen wie Johann Sebastian Bach oder Georg Philipp Telemann. Diese Raritäten werden für ACCENT nicht allein um ihres Seltenheitswerts aufgenommen, sondern vielmehr, weil sie wichtige, bislang sträflich vernachlässigte Werke sind, deren Entdeckung zu einem persönlichen Anliegen der Interpreten wurde.


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