> > > Machaut: The lion of nobility: The Orlando Consort
Donnerstag, 28. Oktober 2021

Machaut: The lion of nobility - The Orlando Consort

Lebendige Stimme aus ferner Zeit


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Orlando Consort ist zweifellos ein famoses Ensemble, das in seiner Machaut-Reihe wieder und wieder ein ungemein harmonisches Miteinander beweist, sensibel, kundig und stimmstark.

Guillaume de Machaut (ca. 1300-1377) war ohne Zweifel eine der überragenden Künstlerpersönlichkeiten des späten Mittelalters, gleichermaßen als Dichter, Komponist und – man würde damit wohl wenig übertreiben – als Gesellschaftsphilosoph: Er spiegelte seine Zeit auf vielfältige Weise. Zum einen sehr konkret, wie der große Lai 'En demantant et lamentant' auf der aktuell bei Hyperion vorliegenden achten Folge der Machaut-Reihe des Orlando Consorts zeigt: Hier sinnt er über das Schicksal Johann II. von Frankreich nach dessen Niederlage gegen die Engländer in der Schlacht von Poitiers nach. Die Gefangennahme dieses ‚Löwen des Adels‘ versetzt den poetischen Beobachter des Gedichts in Trauer. Die ist es auch, die gemeinsam mit weiteren Grundtatsachen des Lebens – Liebe, Entsagung, Übergänge in die Welt des Geistlichen – den umfassenden, gleichsam allgemeinen Beobachtungs- und Reflexionsansatz Machauts prägt und damit alle der musikalischen Formen: Neben dem Lai, den ein Neffe des Komponisten als ‚ein langes und unbequemes Ding‘ beschrieb (in der Tat ist der angesprochene auf König Johanns Schicksal in der gesungenen Form mehr als siebzehn Minuten lang), sind es die Motette und die Ballade, dazu Virelai und Rondeau.

Musikalisch ist es konzentrierte Vokalkunst von leichthändig geführter Einstimmigkeit bis zur Dreierkonstellation in verschiedenen Zusammensetzungen. Dazu war Machaut auch Meister intrikater Gedankensatzkunst, etwa im Rondeau 'Ma fin es mon commencement', in dem das lyrische Ich das Rondeau selbst ist, das seine eigene Aufführung schildert, wobei zwei Sänger aus derselben Stimme singen: Der eine vom Anfang, der andere vom Ende bis zu Mitte. Der dritte Vokalist hat eine eigene Stimme von halber Länge, liest sie nach deren Ende rückwärts – das Ganze wiederholt sich mehrmals: Vertrackt bauen und doch leicht und selbstverständlich wirken und im engeren Sinne musikalisch Effekt erzielen – das zu vermögen ist eines der Geheimnisse dieses großartigen Musicus poeticus.

Glänzende Stimm-Könner

Das Orlando Consort steht in der Besetzung mit Matthew Venner (Countertenor), Mark Dobell und Angus Smith (Tenor) sowie Donald Greig (Bariton) auch in der achten Folge der 'Orlando Consort Machaut Edition', die von einem großen Editionsprojekt der gesammelten Werke Machauts in gedruckter Form begleitet wird, für allerhöchste Vokalkunst, verfeinert in Stil und Geste, bewusst in Linie und Zusammenklang. In der aktuellen Folge sind die vier Herren, abgesehen vom angesprochenen großen Lai, eher in Miniaturen gefordert, agieren hier wie auf der interpretatorischen Langstrecke eindrucksvoll. Sie bringen viel individuelle Farbe ein, Matthew Venner und Mark Dobell agieren in der Regel als Oberstimmen von erstaunlichem Format, freilich machen gelegentliche Wechsel in dieser Rolle auch die Qualitäten der anderen beiden Akteure deutlich, die ansonsten – technisch und intellektuell kaum weniger eindrucksvoll – die jeweilige Gegenstimme in Vokalisten zum Leben erwecken. Alle gemeinsam verleihen auch ambitionierter Komplexität die Anmutung der Zugänglichkeit, das auch dank einer hervorragenden, aktiven Diktion.

Die Tempi sind frisch bewegt, viel ‚Unruhe‘ kommt aus der Kleinteiligkeit der Linien, die einander in dieser Hinsicht deutlich bereichern, in ihrer Eigentümlichkeit immer wieder deutlich rhythmisierende Akzente setzen. Auch dynamisch dominiert keineswegs schüchterne Verhaltenheit; das Klangbild greift das in gesammelter Größe, mit Konzentration und Struktur in feiner Balance höchst gelungen auf: Auch durch diese Sphäre vermittelt sich eine stupende Lebendigkeit.

Das Orlando Consort ist zweifellos ein famoses Ensemble, das in seiner Machaut-Reihe wieder und wieder ein ungemein harmonisches Miteinander beweist, sensibel, kundig und stimmstark. Auch Angus Smith und Donald Greig setzen mit rundum überzeugenden Soli Akzente, die beiden höheren Stimmen von Matthew Venner und Mark Dobell glänzen mit Schmelz und Charme sowieso. Signale aus dem Mittelalter, lebendig gemacht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Machaut: The lion of nobility: The Orlando Consort

Label:
Anzahl Medien:
Hyperion
1
Medium:
EAN:

CD
034571283180


Cover vergössern

Machaut, Guillaume de


Cover vergössern

Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Hyperion:

  • Zur Kritik... Vaughan Williams für das 21. Jahrhundert: Martin Brabbins bezaubert mit Vaughan Williams' Pastoral Symphony. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Klanggewordene Kirchenfenster: Zum 70. Geburtstag der englischen Komponistin Cecilia McDowall legt Hyperion eine repräsentative Auswahl ihrer Chormusik vor. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Meisterlich: Heinrich Isaac strahlt mit seiner Kunst über jede kleinliche Einordnung weit hinaus. Und auch Cinquecento wandelt wie auf etlichen Platten zuvor auf einer ganz besonderen Höhe. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Hyperion...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Venedig da Camera: Roland Wilson und seine Musica Fiata mit einem anregend-lebendigen Bild mancher Stimme, die über Monteverdi hinausweist – und der Meister klingt mittendrin. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Verschlungene Wege: Enrico Onofri und sein Orquesta Barroca de Sevilla mit einer gelungenen Lesart von Pergolesis 'Stabat Mater', die sich wesentlich dem vokalen Glanz von María Espada und Carlos Mena verdankt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Konzentriert: Ein kompletter Kantatendreier in gerade vierzig Minuten Spieldauer, der es substanziell in sich hat: Bachs Musik ist bei Rudolf Lutz und seinen Ensembles der St. Gallener Bach-Stiftung in besten Händen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Zeitgenössische Cembalomusik mit Witz: Der Präsident eines Cembalo-Wettbewerbs legt eine CD mit eigenen Kompositionen für das Instrument vor, die als gelungen gelten darf. Weiter...
    (Diederich Lüken, )
  • Zur Kritik... Herbe Tänze: Marek Szlezer legt beim Label Dux eine der Musik Karol Szymanowskis gewidmete Platte vor, die vor allem Mazurken enthält. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Venedig da Camera: Roland Wilson und seine Musica Fiata mit einem anregend-lebendigen Bild mancher Stimme, die über Monteverdi hinausweist – und der Meister klingt mittendrin. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2021) herunterladen (3200 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (7642 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich