> > > The French Connection: Herwig Zack, Violine
Donnerstag, 28. Oktober 2021

The French Connection - Herwig Zack, Violine

Große Geigenkunst


Label/Verlag: Thorofon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Intelligent, sauber, mit Format gegeigt: Herwig Zack überzeugt auf ganzer Linie.

Bereits seine vierte CD mit Musik für Violine solo legt der renommierte Würzburger Violinprofessor Herwig Zack vor. Sie trägt den Titel 'The French Connection'. Die Konstante in seinen stets durch eine durchdachte programmatische Klammer gerafften Publikationen ist dabei einmal mehr die Auseinandersetzung mit J.S. Bach. Dessen Partita E-Dur, in selbstbewusster, ehrlicher Manier vorgetragen, überzeugt nahezu restlos, gehört das Werk doch zu Bachs sechs Solosonaten beziehungsweise -partiten, die ja zu den Grundfesten der Violinliteratur zählen. Aber Zacks 'French Connection' hält weitere überraschende Momente bereit: So zum Beispiel neben der allseits bekannten 'Sonate pour violon seul' Nr. 2 op. 27/2 von Eugène Ysaÿe die unbekanntere 'Sonate pur violon seul' von Arthur Honnegger; auch Henri Vieuxtemps' 'Introduction et Fugue' op. 55/6 sowie die so gut wie nie in Deutschland gespielte 'Sonatine pour violon seul' Nr. 5 op.32/1 des Jean Martinon (1910-1976) gehören dazu, alles kühn konstruierte Bereicherungen der Literatur.

In dieser rund 8 Spielminuten dauernden, viersätzigen, André Proffit dedizierten Sonate des Franzosen Martinon zeigen sich zu Beginn schönste Lyrismen, die Herwig Zack mit der ihm eigenen Finesse ausmalt. Wie durch einen Filter schattiert er das weiche 'Allegro espressivo' zu Beginn der mitten im Krieg 1942 geschriebenen Miniatur, deren zweiter Satz 'Allegro' quasi wie ein kurzer Insektenflug vorüberzieht und atemlos in das ruhigere 'Più lento. Adagio' mündet, bei dem der Geiger spröde Gesanglichkeit gekonnt in Szene setzt. Das alles ist erstaunlich sauber, schnörkellos und professionell dargeboten. Auch der Schlusssatz ist ähnlich im Stil wie Ysaÿe, wenngleich technisch vielleicht nicht ganz so anspruchsvoll, aber dennoch sehr effektvoll komponiert und interpretiert. Ein bereicherndes post-impressionistisches Opus!

Feurig und lupenrein

Ysaÿes zweite Sonate A-Moll war schon zuvor erklungen – und die nimmt ja gleich an ihrem Beginn (tongleich!) Bezug auf Bachs Partita E-Dur, die der Künstler sinnigerweise an den Anfang seines Programmes gestellt hat. Hier im Ysaÿe zeigt der Geiger Zack, was er mit nachhaltigem Üben und durch jahrelanges pädagogisches Schaffen als die Quintessenz seines Wirkens ansieht: Eine klare, saubere Tongebung, einen kräftigen, intelligenten Zugriff, eine strukturierte Gliederung des musikalischen Materials und – nach scharfer, oft jahrelanger Analyse – nicht zuletzt die völlige geistige Durchdringung des Notentextes. Ihm entgeht kein Jota der Partitur und das hört der Rezipient. Die 'Obsession: Prélude' klingt bei ihm feurig wie lupenrein gleichermaßen. Erstaunlich dabei ist, welche technische Fertigkeit er sich nicht nur im Laufe des Lebens angeeignet, sondern auch bis ins Alter konserviert hat, schließlich ist sein Hauptberuf ja seit Langem das Unterrichten auf höchstem Niveau, sowohl an der Hochschule für Musik Würzburg als auch in aller Welt bei Meisterkursen, darunter sehr regelmäßig in Japan, Polen, Österreich, Frankreich und in der Schweiz. Das alles kann nur jemand bewerkstelligen, der höchste Lebensdisziplin und eisernen Willen aufbringt.

Kluge Vorbereitung

Vielleicht geht ihm dabei minimal etwas ungestümer jugendlicher Leichtsinn, etwas Frische im Sound verloren, aber bei Studioaufnahmen ist das ja oftmals nicht einfach. Trotzdem wird Zacks Ysaÿe-Einspielung ihre Gültigkeit behalten. 'Malinconia: Poco lento' lautet der Titel zum zweiten Satz, der in herber Gesanglichkeit tiefernst vom Interpreten zelebriert wird. Der Dämpfer sorgt für die lethargische, quasi aussichtslose Atmosphäre, die hier mitschwingt. Zack spielt immer intonationsrein und hält zarteste dynamische Regungen bereit, die seine Aufnahme durchweg hörenswert gestalten. Die 'Danse des Ombres: Sarabande' ist am Anfang ganz im Pizzicato gehalten und erinnert wieder an Bach als Vorbild, ehe das harmonische Gerüst ausgeschmückt wird. Auch hier zeigt der Geiger Format als großer Lyriker. Ausschmückende Doppelgriffe umspielen die Melodie auf charmante Art und Weise. Geigerisch kompliziert wird es im Finale, das einen ganzen Virtuosen braucht. Auch hier gibt es nichts an Zacks Qualitäten zu deuteln. Sein Strich ist geordnet, ebenso seine Griffsicherheit in höchsten Lagen. Diese Produktion ist kein Schnellschuss, sondern wurde – wie stets bei seinen CDs – klug vorbereitet.

Ein weiteres interessantes Werk der 80-minütigen Thorofon-Neuproduktion ist 'Introduction et Fugue' op. 55/6 von Henri Vieuxtemps. Das französische Wunderkind debütierte 9-jährig in Paris und tourte bereits mit 14 Jahren mit Beethovens Violinkonzert durch Europas Konzertsäle. Immerhin, der gefürchtete Kritiker Robert Schumann lobte sein Spiel ‚in den höchsten‘ Tönen, wie Herwig Zack in seinem wie immer pointiert geschriebenen eigenen Booklet-Text zu berichten weiß. Diese Texte haben ihre besonderen musikwissenschaftlichen Qualitäten und sind immer gespickt mit Humor verfasst. Vieuxtemps lässt es in der 'Introduction' kantabel anlaufen. Seine Reverenz gegenüber Bach ist unverkennbar, besonders weil er die schwierige Form der Fuge wählt, die in der Tat diffizil auszuführen ist. Zack aber gelingt das großartig, selbst wenn der Satz mit siebeneinhalb Minuten gehörig in die Länge wuchert.

Es soll nicht unterschlagen werden, dass hier ebenfalls noch die ebenfalls französisch angehauchten Nummern VI und VII der Fantasien für Violine solo von G.Ph. Telemann in wunderschöner, nahezu exemplarischer Spielweise eingespielt sind. Sowohl helle Klangfarben und hohe Flexibilität im Affekt kennzeichnen da Zacks Interpretation.

Als Zugabe – gewissermaßen augenzwinkernd – spielt Zack schwungvoll eine Fassung der 'Marseillaise' von Claude Joseph Rouget de Lisle in der Bearbeitung Igor Strawinskys, der zur Zeit der Bearbeitung 1919 in Paris weilte. Was könnte treffender 'French Connection' beschließen?

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    The French Connection: Herwig Zack, Violine

Label:
Anzahl Medien:
Thorofon
1
Medium:
EAN:

CD
4003913126689


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Bach, Johann Sebastian
Honegger, Arthur
Martinon, Jean
Strawinsky, Igor
Telemann, Georg Philipp
Vieuxtemps, Henri
Ysaÿe, Eugène


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Thorofon

In der nunmehr über 40jährigen Tradition von THOROFON wurde ein respektabler, vielfach preisgekrönter Katalog aufgebaut. Eine Schatztruhe für besondere musikalische Raritäten, die die Lücken in der Überlieferung der musikalischen Tradition ein bisschen verkleinern, und außerdem jungen, talentierten Interpreten eine Chance geben. Zu unseren Schätzen gehören ebenfalls Gesamteinspielungen von Ludwig van Beethovens Klaviersonaten, sämtliche Werke für Klavier solo von Johannes Brahms, Gesamtausgabe der Kammermusik von Josef Rheinberger, das Gesamtwerk von Louis Ferdinand Prinz von Preussen, das komplette Klavierwerk von Robert Schumann, eine Gesamteinspielung der Max Reger Kompositionen auf 13 CD, die das abwechslungsreiche Repertoire von THOROFON abrunden.

Auszeichnungen wie der ECHO KLASSIK (17 mal!) oder der Preis der Deutschen Schallplattenkritik versinnbildlichen den Anspruch des Labels und unterstreichen die Qualität der Produkte.

THOROFON ist ein Label der BELLA M USICA EDITION JÜRGEN RINSCHLER.


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