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Sonntag, 26. September 2021

L.v.Beethoven: Leonore - Opera Lafayette, Ryan Brown

Off-Opernbühne macht Eindruck


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese DVD dokumentiert eine durchaus eindrucksvolle Produktion von Beethovens 'Leonore', die aber nur im großen Kontext relevant ist. Viele Gründe, die DVD zu kaufen, gibt es nicht.

Im Beethoven-Jahr 2020 war man vielerorts an Opern- und Konzerthäusern mit den verschiedenen 'Fidelio'-Fassungen des Komponisten konfrontiert. Hier und da gab es die vertraute letzte Fassung von 1814, aber auch die Urfassung von 1805 trat neben der Neufassung von 1806 auf den Plan, und ebenso wählten Dirigentinnen und Dirigenten Mischfassungen aller vorliegenden Ausgaben. Im Zuge eines mehrjährigen 'Leonore'-Projekts, das sich mit den verschiedenen Vertonungen ein und derselben Geschichte befasste – so auch mit Gaveaux‘ 'Léonore', der Vorlage für Beethovens Variante –, brachte die Opera Lafayette im März 2020 eine Produktion der Beethovenschen 'Leonore' in der Fassung der Uraufführung 1805 heraus. Der DVD-Mitschnitt dieser 'Leonore' liegt nun als Livemontage beim Label Naxos vor.

Die Veröffentlichung dokumentiert keine interpretatorische Glanzleistung, aber sie ist in anderer Hinsicht wichtig und eindrucksvoll: Hier zeigt sich, auf welch beachtlichem Niveau sich eine kleine Operntruppe in New York neben dem Giganten Metropolitan Opera behauptet – und das nicht mit einer zweitklassigen 'Tosca' oder einem fragwürdigen 'Lohengrin', sondern mit einer Repertoire-Nische, die man kenntnisreich und gewieft zu nutzen versteht. Die Opera Lafayette konzentriert sich auf die französische Opéra-Comique und deren klassische Vorläufer. Beethovens 'Leonore' ist da ein besonderer ‚Ausflug‘, der sich aber aus dem bereits erwähnten Großprojekt erklärt und der dem Ensemble und seinem Stammpublikum gegönnt sei, zumal hier die aufführungspraktische Nähe zur Spieloper mit Händen zu greifen ist.

Kleine Kollektive, eher lyrische Stimmen

Was Beethoven 1805 mit seiner 'Leonore' zur Diskussion stellt, ist eben nicht das bombastische Musikdrama, das uns die Tradition der vergangenen 200 Jahre glauben machen will. Das deutsche Singspiel ist ebenso präsent wie das Erbe der französischen Oper des ausgehenden 18. Jahrhunderts und jede Verschlankung der Kollektive Chor und Orchester kommt diesem Konzept ein gutes Stück näher. So musiziert bei der Opera Lafayette nur ein übersichtliches Orchesterchen, das sich dicht im ohnehin schon kleinen Graben aneinanderschmiegt. Auf historischen Instrumenten vermitteln es routiniert einen authentischen Eindruck davon, woher die 'Leonore' kommt. Spielfreudig und hochkonzentriert folgen die Musikerinnen und Musiker ihrem musikalischen Leiter Ryan Brown. Der präferiert auffallend rasche Tempi und vermeidet jede Form von Pathos in den musikalischen Nummern. Das stützt das theatrale Geschehen und die vokalen Möglichkeiten des Ensembles wunderbar, es geht aber in wenigen Momenten auch auf Kosten der Innerlichkeit. 'O Gott, o welch ein Augenblick' verweht so rasch wie ein tatsächlicher Wimpernschlag, spiegelt aber nicht die emotionale Größe des Moments. Ja, bei René Jacobs aktuellem 'Leonore'-Mitschnitt geht es inspirierter und aufregender zur Sache, aber dieser Vergleich wäre unangebracht.

Große Namen stehen nicht auf der Bühne der Opera Lafayette, was ein paar biografische Hinweise im englischsprachigen Beiheft der DVD wünschenswert gemacht hätte. Auch ein paar Informationen zur Geschichte und Wirkung der Opera Lafayette als spezielles Ensemble im harten Kampf amerikanischer Opernhäuser wären mehr als fair.

Für die auch in der ersten Fassung technisch extrem fordernde Partie der Leonore präsentiert diese Produktion Nathalie Paulin. Sie verfügt über eine warme, sonore Stimme, die zu dramatischer Attacke und leuchtenden Spitzentönen fähig ist. Im Rahmen dieser Aufführung ist sie eine absolut zufriedenstellende Besetzung. Mit recht ordentlichem Deutsch wartet sie sowohl in den Musiknummern als auch in den schwer verdaubaren Dialogpassagen auf.

Qualitative Hürde

Diese Dialoge sind schon beim Lesen des Librettos eine qualitative Hürde, doch wenn sie wie hier von lauter Nicht-Muttersprachlern eher schlecht als recht zelebriert werden, als befände man sich in der Parodie einer in die Jahre gekommenen Rundfunkeinspielung aus den 1950er-Jahren, dann schmälert das den Genuss deutlich. Wie gesagt, Paulin liefert hier noch die beste Leistung ab, dicht gefolgt von Pascale Beaudin als Marzelline. Die beiden versteht man immerhin problemlos, was man von den diffus tönenden Sprachanwandlungen eines Keven Geddes als Jaquino nicht behaupten kann, und auch Jean-Michel Richer als Florestan und Matthew Scollin als Pizarro kämpfen unüberhörbar mit den deutschen Sätzen.

Dafür singt Richer einen eindrücklichen, verletzlich lyrischen Florestan, dessen gelegentliche Brüchigkeit und vokale Grenzerfahrung in Verbindung mit Richers ausdrucksstarker Interpretation ein glaubwürdiges Gesamtbild ergibt. Auch Beaudins Pfeife schmauchende Marzelline passt wunderbar ins akustische Geschehen, mit soubrettiger Leichtigkeit und leicht herbem Zugriff. Der Rocco von Stephen Hegedus kommt ohne Bass-Schwärze aus und stützt sich vielmehr auf lebendige Spielopernleichtigkeit. Sprachlich bleiben viele Wünsche offen und auch stimmlich gibt es ‚dünne Stellen‘, zum Beispiel im Duett mit Pizarro, bei dem die dunkle Basis verloren geht.

Diesen Pizarro gibt Matthew Scollin stimmlich wie darstellerisch als eindimensionalen Gewaltmenschen – mit viel Energie, Härte, Kälte, aber ohne große Abgründe. Keven Geddes schrammt als Jaquino gefährlich an einer Lachnummer vorbei. Er singt das tadellos, aber schauspielerisch ist er ziemlich im Stich gelassen und sprachlich bewegt er sich schlicht im Nirwana.

Inszenierung mit Hochschul-Charme

Die Inszenierung von Oriol Tomas kann man sich durchaus anschauen, auch wenn sie über den Charme einer Hochschulaufführung kaum hinauskommt. Bühnen- und Kostümbildnerin Laurence Mongeau hat die Szene konsequent leergeräumt und nur das Nötigste bereitgestellt, um die Situationen nachvollziehbar zu verorten. Was dann in dieser konzentrierten Bühnenwelt geschieht, bedient mit Vorliebe traditionelle Klischees in Sachen Personenführung. Eine spezifische Haltung zur Geschichte von Seiten des Regieteams ist nicht erkennbar, alles erzählt sich geradlinig und frei von eventuell störenden Akzenten. Die Solistinnen und Solisten tragen das trotz Leere recht dekorative Konzept eloquent mit.

Die große Langeweile bricht wie oft üblich im letzten Finale aus. Da verlassen den Regisseur die Ideen und es wird heftiges Stehtheater zelebriert. Mit dem Minister wissen weder Regisseur noch Sänger Alexandre Sylvestre viel anzufangen. Don Fernando steht einfach in einem frisch gewaschenen Kostüm rum und singt seinen Part mehr hübsch als glaubwürdig.

Was aber nachhaltig beeindruckt, ist der winzige Chor von gerade einmal acht Herren – bevor im Finale auch Damen dazutreten –, die als Soldaten und Gefangene agieren. Das 'O welche Lust' ist ein wirklich magischer Moment: kammermusikalisch direkt und ergreifend pur in Kombination mit dem historischen Instrumentarium. Schon allein für diese Leistung lohnt sich das Anschauen der DVD.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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    L.v.Beethoven: Leonore: Opera Lafayette, Ryan Brown

Label:
Anzahl Medien:
Naxos
1
Medium:
EAN:

DVD
747313567454


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Beethoven, Ludwig van


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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