> > > Le Plaintif: Erik Bosgraaf, Izhar Elias, Israel Golani, Alessandro Pianu, Robert Smith
Sonntag, 13. Juni 2021

Le Plaintif - Erik Bosgraaf, Izhar Elias, Israel Golani, Alessandro Pianu, Robert Smith

Weinen ohne Worte


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine feine Platte – programmatisch wie interpretatorisch – mit erlesener französischer Instrumentalmusik. Erik Bosgraaf und Cordevento sind auch in diesem Repertoire mehr als sattelfest und aussagefähig.

‚Weinen ohne Worte‘ – so steht es über dem Programm, das der Blockflötist Erik Bosgraaf und sein Ensemble Cordevento jetzt bei Brilliant Classics vorgelegt haben. Enthalten ist delikate Musik des französischen Grand Siècle, vom späten 17. und beginnenden 18. Jahrhundert also. Und im Mittelpunkt steht die ‚plainte‘, die Klage, die als Begriff zwar keiner festen musikalischen oder auch literarischen Form entspricht, wohl aber einen festen Platz im künstlerischen Affekthaushalt jener Zeit hat. Die mannigfaltigen Kontexte dazu werden im englischsprachigen Booklet in einem Text von 22 intellektuell durchaus anregenden Seiten erwogen. Allein: Das Argumentieren findet zu keinem Zeitpunkt schlüssig aus der Metaperspektive heraus. Wer also poetologische Entsprechungen von Klage und Trauer in antiken Vorbildern sucht oder entsprechenden Erwägungen aus frühneuzeitlichen musiktheoretischen Traktaten sein Herz öffnet, der wird hier glücklich. Wer konkretere Informationen und Bezüge bezüglich der Programmgestaltung oder gar konkrete Aussagen zu den vertretenen Komponisten sucht, der bleibt mit diesem Wunsch allein. Eine auf hohem Niveau zwiespältige Angelegenheit also.

Dabei lohnt ein Blick auf die vertretenen Künstler unbedingt. Zu hören sind Arbeiten von Marin Marais, Jean-Henry D’Anglebert, Jacques Hotteterre, Louis-Antoine Dornel, Michel Pignolet de Monteclair, François Campion und Pierre Danican Philidor – zur Crème jener Jahre gehörend, erlesen in Satz und Form schreibend, gedeckt und delikat im Ausdruck. Besonders häufig hat Erik Bosgraaf Reihungsformen gewählt, um das Moment der Klage auszudeuten, Kompositionen über einem sich wiederholenden Bassgang, wie Passecaille oder Chaconne, dazu auch die ‚schwereren‘ Sätze des Suiten-Kosmos wie Sarabande oder Loure, nicht zu vergessen das für die französische Ästhetik jener Zeit typische Tombeau. Durch das Einflechten leichterer Sätze aus dem Reich der Suite gelingt es, der Gefahr andauernder Monochromität zu entgehen – was bei aller Begeisterung für die klingende Sphäre der Klage durchaus ein Gewinn ist.

Noble Affekte

Das mehrfach bei Brilliant Classics bemerkenswert hervorgetretene Ensemble Cordevento – neben Erik Bosgraaf mit verschiedenen Blockflöten sind das Izhar Elias auf der Barockgitarre, Israel Golani auf der Theorbe, Alessandro Pianu auf dem Cembalo und Robert Smith auf verschiedenen Violen – vermag auch hier bei den noblen Franzosen zu überzeugen. Anders als bei früheren Einspielungen mit italienischem Repertoire agieren die Instrumentalisten hier deutlich maßvoller, was Virtuosität, schiere Kraftentfaltung und die Bereitschaft zur drastischen Geste betrifft. Bosgraaf agiert als Primus inter pares mit dem ganzen Arsenal der bis ins Bassregister verfügbaren Flöten ebenso reich an Farben wie an Schattierungen, charakterisiert viele der Satzeigenheiten durch diese Auswahlentscheidungen. Dazu bringen gerade die Violen von Robert Smith eine feine, gleichsam mürbe Linearität ein, die den Kompositionen sehr gut zu Gesicht steht. Hinzu tritt das perkussive Moment der drei anderen Instrumente, hier nobel und sublim, viel weniger offensiv prasselnd als etwa bei Vivaldi.

Suche nach der feinen Nuance

Klage und Trauer bedeuten in der Deutung des Ensembles nicht automatisch, dass es langsam zugehen muss. Natürlich tut es das auch, genauso aber werden andere Sätze behände und frisch geboten, in feinem Kontrast zur Gesamtlinie. Dynamisch wird zutreffend alles Grobe und Grelle gemieden, ist die fortwährende Suche nach der feinen Nuance prägend, was gleichwohl nicht auf Kosten klarer Konturen geht. Die feinen Linien werden geradezu ausgesungen, dabei reich gegliedert und maßvoll mit Verzierungen versehen. All das spiegelt sich im Klangbild, das konzentriert, transparent und plastisch ist, dazu erwärmt und mit maßvoller räumlicher Expansion.

Eine feine Platte also – programmatisch wie interpretatorisch – mit erlesener französischer Instrumentalmusik. Gewiss wird hier sehr fein ‚ohne Worte geweint‘. Aber auch ohne Umgebungswissen und im rein musikhörenden Zugriff erschließt sich eine lohnende Welt. Erik Bosgraaf und Cordevento sind auch in diesem Repertoire mehr als sattelfest und aussagefähig.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Le Plaintif: Erik Bosgraaf, Izhar Elias, Israel Golani, Alessandro Pianu, Robert Smith

Label:
Anzahl Medien:
Brilliant classics
1
Medium:
EAN:

CD
5028421956947


Cover vergössern

Brilliant classics

Brilliant Classics steht für hochwertige Klassik zu günstigen Preisen!

Mit den Veröffentlichungen von komplettierten Gesamtwerks- Editionen und Zyklen berühmter Komponisten, hat sich das Label erfolgreich am Musikmarkt etabliert. Der Klassikmusikchef, Pieter van Winkel, ist Musikwissenschaftler und selbst Pianist. Mit seinem professionellen musikalischen Gespür für den Klassikmarkt, hat er in den letzten Jahren ein umfangreiches Klassikprogramm aufgebaut. Neben hochwertigen Lizenzprodukten fördert er mit Eigenproduktionen den musikalischen Nachwuchs und bietet renommierten Musikern eine ideale Plattform.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Brilliant classics:

  • Zur Kritik... Neun Sinfonien aus Ecuador: In knapp dreißig Jahren entstanden die neun Sinfonien des Vaters der ecuadorianischen Orchestermusik. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Reizende Unterhaltung: Giulio Ricordi erweist sich als Meister der gehobenen häuslichen Unterhaltungsmusik. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Grenzbezirke der Kammermusik: Mit seinem Klaviertrio op. 102 lotet Max Reger Grenzbezirke der Kammermusik aus. Das Artium Trio ist dem Werk in jeder Hinsicht gewachsen. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle Kritiken von Brilliant classics...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Aus einem besonderen Reich: Drei Kantaten aus dem besonderen Reich der Werke für Sopran und Bass: Mit Betonung auf einer exemplarischen Deutung von BWV 21 'Ich hatte viel Bekümmernis'. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Hell und klar: Eine h-Moll-Messe als Plädoyer für die schlanke Vokalbesetzung, ohne ideologische Verengung oder argumentativen Schaum vor dem Mund. Stephan MacLeod und sein Ensemble Gli Angeli Genève als Bach-Kraft von Rang. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Ohne Schlacken: Bachs Ouvertüren ohne Pauken und Trompeten – und nicht nur das: Dank solistischer Besetzung auch ganz ohne Schlacken. Lars Ulrik Mortensen und Concerto Copenhagen mit einer konzentrierten, fein balancierten Kammerversion. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (6/2021) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich