> > > Paul Ben-Haim: Symphony No.1, Pastorale variée, Pan: BBC Philharmonic Orchestra, Omer Meir Wellber
Montag, 14. Juni 2021

Paul Ben-Haim: Symphony No.1, Pastorale variée, Pan - BBC Philharmonic Orchestra, Omer Meir Wellber

Omer Meir Wellber dirigiert BBC Philharmonic mit Werken von Paul Ben-Haim


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit der Ersten Symphonie, 'Pan' und 'Pastorale variée' erklingen drei Werke der mittleren Periode von Israels Nationalkomponisten in vorbildlicher Manier.

Omer Meir Wellber (*1981) zählt inzwischen zu den profiliertesten Dirigenten seiner Generation. Der Israeli war ständiger Gast an vielen Opernhäusern wie Tel Aviv, Dresden, Berlin, Wien, Mailand, Verona und anderswo, ehe die Pandemie ihn wie andere Spitzendirigenten völlig ausbremste. 2022 will er als neuer Musikdirektor der Wiener Volksoper durchstarten. Neuerdings hat Wellber mit 'Die vier Ohnmachten des Chaim Birkner' auch sein neues Mozart-Buch veröffentlicht. In seiner brandaktuell vorliegenden CD 'Music of Israel' (Aufnahmen vom Dezember 2019 und März 2020) mit dem BBC Philharmonic beim britischen Label Chandos hat er Teilhabe an der heraufdämmernden Renaissance des Komponisten Paul Ben-Haim, der am 5. Juli 1897 als Paul Frankenburger in München geboren wurde. Der Komponist kehrte Deutschland 1931 nach seiner Entlassung am Theater Augsburg den Rücken und wanderte 1933 nach Palästina aus. Er änderte seinen Namen in Paul Ben-Haim. Die CD enthält drei Werke der mittleren Schaffensperiode, von denen nur noch das Symphonische Poem 'Pan' op. 17 in Deutschland entstand. Die Erste Symphonie (1939/40) wie auch die hier eingespielte 'Pastorale variée' op.31b von 1945 (revidiert 1948) hat Ben-Haim bereits in Israel geschrieben.

Spätromantische Aura

Ein besonderer Leckerbissen dieser neuen CD ist die 'Pastorale variée', ein Thema mit sechs Variationen, das für Solo-Klarinette (hier wunderschön von John Bradbury ausgeführt), Streichorchester und Harfe gesetzt ist. Das Thema mutet sphärisch an und deutet weite, endlose Wüstenlandschaften an, wie sie in Israel mitunter anzutreffen sind. Soloklarinette und Streicher sind in ihrer Linienführung miteinander verwoben. Der Dolce-Charakter kristallisiert sich durch Wellbers Dirigat unverkennbar heraus. Das von ihm bevorzugte Klangbild ist weich-kraftvoll, die sich entwickelnde Dynamik bezeugt ein reichhaltiges Spektrum des Orchesters. Präzise sind die Schläge in der Variation II, die in Anklängen durchaus orientalische Tonleitern und Repetitionen verwendet. Doch wird nur selten die spätromantische Aura verlassen. Die Variation III ('Calmo') lenkt gleich wieder in ruhigere Fahrwasser. Bradbury vermag hier neben Tutti-Violinen mit hohen Flageolett-Klängen sicher zu bestehen. Die Klangeinstellung schmeichelt dem Solisten, der stets komfortabel durchhörbar ist. In der nächsten Variation übernehmen die Violoncelli das Solothema und schwelgen in romantischen Phrasen, ehe die Klarinette wieder die Führung an sich zieht. Düsteres Unisono eröffnet den nächsten Abschnitt, der motorisch wie charakteristisch für Abwechslung sorgt. Da pfeift und springt die Musik gehörig und die Klarinette zeigt Klezmorim-Künste. Den Epilog nährt quasi Filmmusik-Ambiente. Hier tänzelt und singt die Klarinette ihr Lied, begleitet von den farblich glänzend aufgelegten BBC-Philharmonic-Streichern, und wird zum Ende hin sogar virtuos.

'Pan' heißt das Symphonische Poem auf einen Text von Heinrich Lautensack, welches am Beginn der neuen CD eingespielt ist. Fast unmerklich hebt der Klang an in den höchsten Streichern, steigt die Tonleiter herab und wieder herauf, so dass ein Zirkulieren vor dem Sopraneinsatz (Claudia Barainsky) offenbar wird: Es ist das Flirren des verzehrenden Feuers, von dem ‚ein Weib spricht, im Traum eines Mannes‘: ‚Die Himmel ausgebrannt: die große Glut; und Dämmer wogt: wie Rauch von rotem Brande; wogt und verwogt.‘ Da kann man tiefenpsychologisch viele Bilder assoziieren: Der erste Teil klingt deutlich nach Gustav Mahler, allerdings kann Barainsky mit ihrer Performance nicht vollends überzeugen, vergleicht man sie beispielsweise mit Sängerinnen wie Camilla Nylund. Barainskys Textverständlichkeit gerade in den leisen Anfangspassagen lässt manchmal zu wünschen übrig, beziehungsweise kommt es auch vor, dass sie Silben verschluckt. Der zweite Abschnitt ist ein rein orchestrales, dreieinhalbminütiges Zwischenspiel. Warme Sequenzen verströmen da und erzeugen spätromantisches Feeling, ein wenig nordisch wie bei Sibelius erscheint der Sound. Auf jeden Fall sagt die Farbgebung mit satten Streichern, virtuoser Harfe, Glockenspiel und glanzvoll und doch gedecktem Blech zu. Flöten setzen Pans mythologisches Instrument gekonnt in Szene. Der dritte Abschnitt ist wieder der Sängerin vorbehalten, die hier wieder, Erotik versprühend, schwelgen darf.

Die Erste Symphonie von Paul Ben-Haim stammt aus den ersten Kriegsjahren 1939/40. Der Zweite Weltkrieg, der mit Bombardierungen Tel Avivs durch die italienische Luftwaffen auch Ben-Haims neues Zuhause erreicht hatte, spielt in der Form und Anordnung der Musik eine vorgeordnete Rolle: martialische Marschklänge, schnatternde Bläser, rasende Streicherfigurationen dominieren den mit 'Allegro energico' titulierten 1. Satz, der nicht die Schärfe und Konsequenz einer Siebten Sinfonie von Schostakowitsch erreicht, aber sich von Mahler deutlich distanziert hat.

Geradezu hilflos und verzweifelnd scheint die hirtenhafte Holzbläsermusik im langsamen, liedhaften Mittelsatz 'Molto calmo e cantabile' zu kreisen. Da tritt die Musik gewollt auf der Stelle, so dass auch der Hörer in Resignation verfallen könnte. Diese Depressivität wird mehr und mehr durch Träume übertüncht, die plötzlich aufkeimen und der Musik doch noch eine ermutigendere Note verleihen, die aber das Fatalistische schwer im Gepäck mitschleppen. Auch entdeckt der Hörer eingesprengte Anderthalbton- und Tritonus-Schritte, die diesem Satz einen orientalischen Touch verleihen. Bezaubernd wie Flöten- und Violinsolo sich mischen: Da entspinnt sich ein zarter Dialog, in den sich Oboe und Horn auch noch einreihen. Hier ist das Orchester top geführt und Omer Meir Wellber agiert in seinem Element: Er wählt das genau richtige Tempo und begeistert durch die rechte Balance, die er den Instrumenten abfordert.

Präzise

Der mit einem Paukensolo eröffnende Schlusssatz 'Presto con fuoco' verprasst in seiner ungehemmten Motorik volle Leidenschaft. Ein bisschen wie bei Paul Dukas‘ 'Zauberlehrling' werden hier hexenmeisterliche Kräfte entfesselt, die sich nur schwer bändigen lassen. Das BBC Philharmonic spielt das Spiel mit, ist technisch absolut beneidenswert gerüstet, um dem blasenden Orkan standzuhalten. Präzision ist hier Trumpf. Der Mittelteil begeistert durch seine fremdartig-dunkle Melodieführung (Celli und Bässe im Unisono), Geigen folgen, Bläser steigen mit ein, so dass das Bild einer vorbeiziehenden Karawane vor das Auge tritt. Nach deren Verschwinden ebbt die Musik dynamisch ab, um dann noch einmal zum finalen Endspurt anzusetzen. Da wird es noch einmal laut und pathetisch: Israels Nationalkomponist Nummer eins Paul Ben-Haim schuf mit dieser Ersten Symphonie den Grundstein seines späteren Ruhmes. Eine wichtige, gut gemachte CD.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Paul Ben-Haim: Symphony No.1, Pastorale variée, Pan: BBC Philharmonic Orchestra, Omer Meir Wellber

Label:
Anzahl Medien:
Chandos
1
Medium:
EAN:

CD
095115216927


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Ben-Haim, Paul


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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