> > > Anton Bruckner: Mass No.2 in E Minor & Te Deum: Collegium Vocale Gent, Orchestre des Champs-Elysées, Philippe Herreweghe
Sonntag, 11. April 2021

Anton Bruckner: Mass No.2 in E Minor & Te Deum - Collegium Vocale Gent, Orchestre des Champs-Elysées, Philippe Herreweghe

Luzide Pracht


Label/Verlag: Phi
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Philippe Herreweghe, sein Collegium Vocale Gent und Anton Bruckner: Eine gereifte, gelassene Deutung zweier Spitzenwerke romantischer Chormusik.

Philippe Herreweghe folgt auf seinem Label Phi seit einigen Jahren seinen Leidenschaften – neben Erwartbarem wie Bach, Victoria oder Gesualdo steht immer wieder auch Romantisches auf dem Programm, von Dvořák über Brahms bis zu Bruckner. Letzterer steht mit seiner Messe in e-Moll WAB 27 in der Version von 1882 sowie dem Te Deum WAB 45 in der Fassung von 1884 im Mittelpunkt der aktuellen Platte, die Herreweghe mit seinen Ensembles, dem Collegium Vocale Gent und dem Orchestre des Champs-Elysées, vorstellt.

Die Messe, ein architektonisch wie affektiv durchaus ambitionierter Riesenbau, gerät unter Herreweghes Händen zu einer erstaunlich eleganten Größe, weil der Dirigent in dieser Musik neben der Explikation der offensichtlichen Anklänge an kontrapunktische Traditionen eher auf der Suche nach dem Schubertschen Moment ist als nach einem spätromantischen Überwältigungskünstler. Und damit hat er zweifellos Recht, auch in den Sinfonien läge man mit diesem Zugang richtig. Jede Linie, jede der harmonischen Wirkungen im Satz ist ausgeformt. Dabei achtet Herreweghe sehr auf die Natürlichkeit des Sprachflusses und die enge Bindung der Musik an die Texte – auch hier, möchte man sagen, mit ähnlichem Ertrag wie bei Bach oder Schütz.

Das Te Deum wird in seiner für Bruckners Verhältnisse überschaubaren Dimension von knapp zwanzig Minuten Spielzeit leicht unterschätzt, ist aber ein Kleinod voller blühender Schönheiten, thematisch wie in der harmonischen Anlage. Verglichen mit den zur gleichen Zeit Anfang der 1880er Jahre entstandenen 6. und 7. Sinfonie, Werken der reifen Form und Ausdehnung, wirkt es schlichter, gesammelter, konzentrierter. Doch für Bruckner selbst war es mehr – ein Werk, das dem Komponisten in seinem Lobpreis Gottes wenige Jahre später geeignet schien, das Finale der Neunten zu ersetzen, falls das nicht mehr vollendet werden sollte. Das wurde es nicht, und doch wird heute meist der dreisätzige Torso aufgeführt, seltener eine der ausgeschriebenen Varianten, die plausibel aus den Skizzen und Studien entwickelt wurden. Und das Te Deum ist die ganz rare Ausnahme am Ende der neunten Sinfonie. Hier, bei Herreweghe, entfaltet es sich mit Noblesse, linearer Schönheit, auch mit geschmackvoll zu entfaltender Kraft. Und man bekommt eine Ahnung davon, warum Bruckner mit seinem Votum für das Te Deum als ‚Ersatzfinale‘ doch richtig gelegen haben könnte.

Wunder der Dynamik

 

Zentrales interpretatorisches Element beider Werke ist der Chor. Philippe Herreweghe hat in zwei verschiedenen Besetzungsgrößen singen lassen: In der 2019 in der Essener Philharmonie aufgenommenen Messe sind 40 Stimmen zu hören, im Te Deum, das bereits 2012 im Luzerner KKL eingespielt wurde, sind es 50. Alles Pauschale ist dem chorischen Engagement fern, das höchste Maß an Binnendifferenzierung ist gewährleistet. Wenn man das im Kontext dieser phasenweise so klangstarken, ja klangprächtigen Musik sagen kann: Es wird subtil phrasiert, achtsam gar. Keine Silbe wird gegen den Wortsinn betont, keine Phrase gegen ihr inhärentes Ziel ausgerichtet, Linien werden verlässlich als Teil dichten Gewebes sinnvoll gestaltet, auch süffige Klänge wie zum Beispiel im Credo sind plastisch und profiliert gesetzt. Bei allem Kern verfügen die Register des Chors über schwebende Qualitäten, die auch in größerer Besetzung erhalten bleiben. Wo geboten, etwa am Beginn des Te Deum oder in dessen drittem Satz 'Aeterna fac' stürzen sich die Vokalisten mit Emphase in den Breitwandsatz.

Orchestral wird diese hochdifferenzierte Anlage ideal gespiegelt – in der reinen Bläserformation der Messe wird ebenso wie in der ‚vollständigen‘ Orchesterbesetzung des Te Deum alles mit Geschmack und wachem Bewusstsein geformt, immer wieder mit dezidierter, so pointierter wie motivierter Kraftentfaltung geschmackvollen Zuschnitts. Herreweghe lässt die Tempi mit Maß und Mitte fließen, von einer großen Freiheit getragen. Dynamisch ist Differenz in ihrer ausgeprägtesten Form zu erleben – keine einzige pauschale Geste lässt sich hören, nie wird in einer ‚mittleren Arbeitslautstärke‘ gesungen, stets sind Wechsel zutreffend abgebildet, entstehen dank der luziden Ausarbeitung dieser Sphäre immer wieder magische Momente. Wenn Kraft entfaltet wird – natürlich passiert das auch bei Herreweghes Bruckner nicht selten –, dann immer mit Geschmack und stimmlicher Konzentration. Das sichert etwa den Sopranen auch in garstiger Randlage einen gerundeten Klang und vermeidet Schärfen, die gerade den Sopranen in Bruckners Chormusik sonst häufig unterlaufen. Intoniert wird in der Messe mit ihrer heiklen Faktur und den gelegentlich hinzutretenden Instrumenten herausragend; nie ist wahrzunehmen, wie ambitioniert die praktische Umsetzung der Brucknerschen Ansprüche tatsächlich ist. Klanglich ist das bei geringfügigen Differenzen der beiden Aufnahmesituationen durch das Tritonus-Team von Andreas Neubronner sehr passend eingefangen, mit Transparenz und Struktur, die Größe der Musik bändigend.

Solistische Geste

Bleiben noch die Solisten des Te Deum, die dort vor allem im Ensemble gefordert sind. Es singen die Sopranistin Hanna-Elisabeth Müller, die Altistin Ann Hallenberg, der Tenor Maximilian Schmitt und der Bass Tareq Nazmi. Die Stimmen sind wunderbar geeignet für die geradezu nachklassische Schlichtheit etlicher dieser Passagen. Maximilian Schmitt ist am deutlichsten in tatsächlich solistische Geste gefordert und entspricht dem sehr schön im 'Te ergo quaesumus' und am Beginn des 'Salvum fac populum tuum Domine', mit Schmelz und nobler Kraft. Tareq Nazmi ist gleichfalls mit einer kurzen, unbegleiteten Phrase zu hören, die sein mittlerweile in mancher Einspielung entfaltetes samtenes Stimmmaterial zumindest andeutet.

Viele Dirigenten der historisch informierten Praxis befassen sich mit der Musik der Romantik, haben speziell eine Schwäche für Bruckners Werke – und nähern sich dieser meist über die geistlichen Werke des Österreichers an. Philippe Herreweghe hat schon lange Fühlung zu dieser Sphäre aufgenommen, die erste Einspielung der e-Moll-Messe datiert von 1990. Hier ist eine gereifte, gelassene Deutung zweier Spitzenwerke romantischer Chormusik zu hören, die mit Klarheit geboten werden und immer dann überwältigen, wenn ihnen diese Qualität eingeschrieben ist. Sehr überzeugend.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Anton Bruckner: Mass No.2 in E Minor & Te Deum: Collegium Vocale Gent, Orchestre des Champs-Elysées, Philippe Herreweghe

Label:
Anzahl Medien:
Phi
1
Medium:
EAN:

CD
5400439000346


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Bruckner, Anton


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Phi

Der griechische Buchstabe φ (PHI - die Übereinstimmung mit den Initialen von Philippe Herreweghe ist nicht ganz zufällig) versinnbildlicht die Ambitionen des Labels. Er ist das Symbol für den goldenen Schnitt, für die Perfektion, die man in den Staubfäden der Blumen findet, für griechische Tempel, Pyramiden, Kunstwerke der Renaissance oder für die Fibonacci-Zahlenfolge. Seit der frühesten Antike steht dieser Buchstabe im eigentlichen Sinne für Kontinuität beim Streben nach ästhetischer Perfektion.
Mit der Realisierung dieses Katalogs erfüllt sich Philippe Herreweghe seinen Herzenswunsch, die Ergebnisse seiner musikwissenschaftlichen Forschungen und der im Laufe einer langen Karriere gewonnenen Erfahrungen hörbar werden zu lassen.
Mit vier bis fünf Neuproduktionen pro Jahr wird der Katalog Aufnahmen des wichtigsten symphonischen und chorischen Repertoires umfassen, Polyphonisches und natürlich die Werke von Johann Sebastian Bach, die Philippe Herreweghe in dem Bestreben wieder aufgreifen wird, immer vollendetere Versionen zu schaffen.


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