> > > Christoph Graupner: Antiochus und Stratonica: Boston Early Music Festival Orchestra, Paul O'Dette, Stephen Stubbs
Mittwoch, 14. April 2021

Christoph Graupner: Antiochus und Stratonica - Boston Early Music Festival Orchestra, Paul O'Dette, Stephen Stubbs

Hamburger Seifenoper


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Auf einer Bühne muss man Graupners 'Antiochus und Stratonica' vielleicht nicht zwingend erleben. Als 'Theater für die Ohren' funktioniert diese abstruse Barock-Seifenoper aber ganz vorzüglich.

Es gibt erstaunlicherweise immer wieder Opernausgrabungen, die man nicht zwingend auf einer Bühne in voller szenischer Montur erleben muss. Dennoch funktionieren manche dieser Werke ganz vorzüglich quasi als ‚Theater für die Ohren‘. Ein solches Beispiel ist die eben bei cpo auf drei CDs erschienene Barockoper 'Antiochus und Stratonica' von Christoph Graupner auf ein Libretto von Barthold Feind. Und ganz besonders trifft das zu, wenn es sich wie im vorliegenden Falle um eine so lebendige und wahrhaft kommunikative Einspielung handelt.

Das Boston Early Music Festival Orchestra unter der Leitung von Paul O’Dette und Stephen Stubbs serviert die Hamburger-Opernrarität aus dem Jahr 1708 mit einer Großportion theatraler Lust und enormer Virtuosität im Umgang mit diesem besonderen Genre. Das historische Know-how sowie eine unüberhörbare Zuneigung zu Graupner farbenprächtiger und ebenso witziger Partitur sind auch notwendig, um das krude Werk zum Schillern zu bringen. Man ist von barocken Opernlibretti ja einiges gewohnt, aber 'Antiochus und Stratonica' setzt eigene Maßstäbe. Die Handlung nachzuerzählen, ist zwecklos – im Zentrum stehen aber der Prinz Antiochus, der unglücklich in seine Stiefmutter Stratonica verliebt ist. Da sind Probleme vorprogrammiert. Aber auch wenn eine Zauberin in einen verheirateten jungen Mann verliebt ist.

Ganz in Hamburger Tradition treffen kurze Nummern (hauptsächlich in deutscher, aber im Einzelfall auch in italienischer Sprache) auf temporeiche Rezitative, ergänzt von Tanzmusiken. Die schnelle Szenenfolge muss ständig durch neue Verwicklungen oder fantasievolle Situationen am Leben gehalten werden. Um dem Verfransen der Geschichte etwas entgegenzusetzen, zieht die komische Dienerfigur Negrodorus die Strippen. Dabei durchbricht er auch schonungslos die vierte Wand und wendet sich ans Publikum: ‚Käm ich nicht wieder, gelt, ihr ginget bald nach Haus.‘

Höchst engagiertes Ensemble

Über dreieinhalb Stunden dauert 'Antiochus und Stratonica' – O’Dette und Stubbs haben nämlich etliche Striche, die schon zu Graupners Zeiten notwendig erschienen, für diese im Februar 2020 in Bremen entstandene Aufnahme wieder geöffnet. Musikalisch lohnt sich das allemal. Graupners Musik, sein Ideenreichtum sind faszinierend. Ein höchst engagiert agierendes Ensemble lässt zudem auf dieser Ersteinspielung keine Gelegenheit aus, die barocke Seifenoper mit Witz und Pathos auszukosten. Der liebeswirre Demetrius profitiert von der eleganten Naivität, die Aaron Sheehans Tenor klanglich erfahrbar macht. Und die beiden rivalisierenden Damen Ellenia und die Zauberin Mirtenia sind bei Sherezade Panthaki und Sunhae Im in guten Händen. Sprachlich bleiben Panthaki und Im dem herrlich durchgeknallten Libretto allerdings manches schuldig. Aber gerade Sunhae Im beherrscht die Magie der Töne, jagt furienhaft durch die Koloraturen und umgarnt ihren Demetrius wie den Hörer mit ihrem kunstvollen Sirenengesang.

Die Seelenqualen des Antiochus macht Christian Immler mit sonorem Bariton und anrührender Direktheit des Vortrags erlebbar. Ähnlich natürlich und zugleich markant ist der König Seleucus von Harry van der Kamp, während sich Hana Blažiková als Stratonica als versierte wie routinierte Stilistin präsentiert. Ein absoluter Glücksgriff ist Jan Kobow als Diener Negrodorus. Stimmlich tadellos konzentriert er sich auf die sprachliche Komponente seiner Partie und bildet mit glasklarer Artikulation und beneidenswerter Farbpalette die Grundlage dafür, dass diese Geschichte als purer Hörerlebnis funktioniert. Das ist dramaturgisch schon klug gebaut, aber auch schlicht hervorragend umgesetzt. Das übrige Ensemble ist bis in die kleinste Partie erfreulich überzeugend: Jesse Blumberg als eindrücklicher Hesychius und Oberpriester, Karlina Hogrefe als Flavia, Kim Kavanagh als Medor und das Chorquartett von Manja Stephan, Nina Böhlke, Benjamin Kirchner und Alexander Schuhmann.

Fehlende Spannung erschwert das Dranbleiben

So positiv der Gesamteindruck dieser ambitionierten Einspielung ist, es bleibt auch ein Quäntchen Nachdenklichkeit zurück. Man ist dankbar, die ungewöhnliche Musik Graupners hören zu können – doch 3 Stunden und 40 Minuten sind eine lange Spieldauer. Sie lässt zwar keine wirkliche Langeweile aufkommen, aber man kann nicht behaupten, dass es einen zwingend interessieren würde, wie die Geschichte wohl weitergeht. Das formuliert Negrodorus recht treffend am Ende des ersten Aktes: Wäre der humorvolle Kommentar nicht, könnte man der Versuchung erliegen, nach Hause gehen zu wollen. Er ist aber nunmal da, dieser Kommentar – und so bleibt man am Ball, um zu erfahren, was dem Autorenteam wohl noch so alles eingefallen sein mag. Bis zum absurden Happy End gibt es noch einige Schmuckstücke von Graupners Theatergespür zu entdecken.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Christoph Graupner: Antiochus und Stratonica: Boston Early Music Festival Orchestra, Paul O'Dette, Stephen Stubbs

Label:
Anzahl Medien:
cpo
3
Medium:
EAN:

CD
761203536924


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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