> > > Johann Kuhnau: Complete Sacred Works VI: Opella Musica, Camerata Lipsiensis, Gregor Meyer
Donnerstag, 15. April 2021

Johann Kuhnau: Complete Sacred Works VI - Opella Musica, Camerata Lipsiensis, Gregor Meyer

Entwicklungen


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Johann Kuhnau zu protegieren ist angezeigt – die Reihe von Opella Musica tut das verlässlich und auf hohem Niveau: Ein schöner Weg, der 2022 ins Ziel führen soll.

Die mittlerweile sechste Folge der Gesamteinspielung der geistlichen Werke des Thomaskantors Johann Kuhnau beim Label cpo bringt fünf Werke, die für die Bandbreite in Kuhnaus geistlichem Œuvre insgesamt stehen: Zwei dem Himmelfahrtstag gewidmete größere Kantaten sind zu hören, zunächst 'Ihr Himmel, jubiliert von oben', dann 'Lobet, ihr Himmel, den Herrn'. Sie sind reich besetzt und in den späten Leipziger Jahren entstanden: Formal deutlich gegliedert, greifen sie das Opernhafte in der Kirchenmusik, dem Kuhnau eigentlich so skeptisch gegenüberstand, dezidiert auf und machen insgesamt einen affektiv frischen Eindruck, wenn auch nicht durchgehend von unverwechselbarer Linearität getragen.

Dazu kommen zwei vokalsolistisch besetzte Kompositionen auf italienische Texte, die dem älteren Prinzip des geistlichen Konzerts folgen, in 'Bone Jesu, care Jesu' mit zwei Violinen als obligaten Instrumentalstimmen, im zweiten Fall des 'Laudate pueri Dominum' mit einer zusätzlichen, erstaunlich behände agierenden Posaune. Es sind dies Stücke, die selbstbewusst virtuosen Raum ausdeuten, ungemein klangsinnlich sind und einen wichtigen Hinweis geben, wo Kuhnaus musikalische Ursprünge lagen. Aber – auch das wird angesichts des weiteren kompositorischen Wegs klar – er blieb nicht in dieser Welt des geistlichen Konzerts, sondern begab sich auf einen Weg hin zur Kantate mitteldeutscher Prägung, die die Wahrnehmung älterer Formen in der Frage, was denn nun barock sei, heute bei aller historischen Informiertheit in der Breite doch überlagert hat. Noch ein weiteres Werk ist im Programm enthalten: 'Ich freue mich im Herrn' steht im Grunde zwischen den beiden beschriebenen Polen, ist zwar nicht äußerlich aber doch reich binnengegliedert, ein Satz für vier ‚Concertisten‘, die solistisch und chorisch gleichermaßen agieren. Im schwungvollen 12/8-Takt vollzieht sich das Prinzip der Concerto-Aria-Kantate in klanglicher Attraktivität und affektiver Frische – ein Umstand, der auch Kuhnau und seinen Zeitgenossen nicht entgangen ist, wie die relativ häufige Wiederaufführung des Satzes seit 1717 zeigt.

Stilkunde und Klangfreude

Das Projekt der Gesamteinspielung dieser unbedingt hörenswerten Musik zielt auf 2022 ab, das Jahr, in dem sich Kuhnaus Todestag zum 300. Mal jährt und in dem auch das cpo-Projekt abgeschlossen sein soll. Eng verknüpft ist es mit der Edition des gesamten erhaltenen Kantatenwerks Kuhnaus bei Breitkopf & Härtel, die der Altus des Ensembles Opella Musica, David Erler, verantwortet. Er ist die Verbindung zwischen wissenschaftlicher Publikation und klingender Wiederbelebung. Gemeinsam mit den Sopranistinnen Isabel Schicketanz und Heidi Maria Taubert, dem Tenor Tobias Hunger und dem Bass Friedemann Klos hat er bereits eine lange Strecke gemeinsamer Stil- und Interpretationskunde bei und mit Kuhnau bewältigt. Und die Formation beweist ihre feinen Qualitäten auch hier, in den Musiken der sechsten Folge. Die Vokalisten agieren klangfreudig, konzentriert, brillieren in frischer Interaktion. Naturgemäß lassen sich von allen Akteuren feine solistische Leistungen hören. Besonders treten in den geistlichen Konzerten Heidi Maria Taubert und vor allem Tobias Hunger hervor. Dessen Tenor ist im 'Laudate pueri' ganz besonders gefordert, was Beweglichkeit und technische Ambition angeht.

Die von Gregor Meyer von der Silbermann-Orgel der Georgenkirche in Rötha aus angeführte camerata lipsiensis nimmt mit luzidem Spiel und Klangfreude für sich ein, das harmonisch balanciert ist und reich an Details. Solistisch ragt neben den Violinen von Jana Anyzowa und Yumiko Tsubaki die Posaune von Sebastian Krause mit der Präsentation im Tenor-Konzert heraus. Die Gesten aller Instrumentalisten – neben den Streichern noch Traversflöten, Oboen, Fagott, Trompeten, Pauken und Laute in verschiedenen Konstellationen – sind konzentriert und affektiv präzis. Die bereits angesprochene Orgel ist wie stets in der immer am selben Ort produzierten Reihe ein besonders erfreulicher Aspekt, überaus kenntlich in Farbigkeit und von raumfüllender Substanz, dazu mit schönen registerhaft gesetzten Überraschungen.

Die Tempi entfalten sich frisch, alles scheint in Bewegung, allerdings erfreulich fern von reinem Selbstzweck oder gar Rekordhatz. Dynamisch wird durchaus mit Saft und Kraft agiert, werden die versammelten Kräfte dezidiert und selbstbewusst entfaltet. In enger Verbindung aller Instrumente und der vokalen Kräfte ergibt sich ein farbenreiches intonatorisches Bild, ein nobilitiertes Plenum, das immer wieder von Silbermanns Orgel substantiiert wird. Der Raum der Georgenkirche in Rötha ist erprobt und integriert alle Kräfte, sichert Transparenz und Strukturklarheit, all das in schöner Balance. Johann Kuhnau zu protegieren ist angezeigt – die Reihe von Opella Musica tut das verlässlich und auf hohem Niveau: Ein schöner Weg, der 2022 ins Ziel führen soll.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Johann Kuhnau: Complete Sacred Works VI: Opella Musica, Camerata Lipsiensis, Gregor Meyer

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203530526


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Kuhnau, Johann
 - Ihr Himmel, jubiliert von oben -
 - Ihr Himmel, jubiliert von oben -
 - Ihr Himmel, jubiliert von oben -
 - Ihr Himmel, jubiliert von oben -
 - Ihr Himmel, jubiliert von oben -
 - Bone Jesu, care Jesu -
 - Ich freue mich im Herrn -
 - Laudate pueri Dominum -
 - Laudate pueri Dominum -
 - Laudate pueri Dominum -
 - Laudate pueri Dominum -
 - Laudate pueri Dominum -
 - Laudate pueri Dominum -


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Dirigent(en):Meyer, Gregor


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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