> > > Wolf-Ferrari: 3 Violin Sonatas: Davide Alogna, Costantino Cotena
Mittwoch, 14. April 2021

Wolf-Ferrari: 3 Violin Sonatas - Davide Alogna, Costantino Cotena

Italienisches Fin de siècle


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Davide Alogna (Violine) und Costantino Catena (Klavier) spielen klangsüßes italienisches Fin de siècle, leider mit gelegentlichen Intonationsmängeln.

Die drei Violinsonaten Nr. 1 g-Moll op. 1, Nr. 2 a-Moll op. 10 und Nr. 3 E-Dur op. 27 des in Venedig 1876 geborenen Komponisten Ermanno Wolf-Ferrari stehen in Deutschland nur höchst selten auf dem Programmzettel. Es gibt gewisse, deutlich hörbare handwerkliche Schwächen und Längen, vor allem in den Nummern 2 und 3, die wohl einen größeren Erfolg dieser in ihrer Anlage spätromantisch anmutenden und deutlich an Vorbild Johannes Brahms angelehnt konzipierten Sonaten vereitelten. Davide Alogna (Violine) und Costantino Catena (Klavier) haben sich in dieser neuen Einspielung bei Brilliant Classics – leider ohne ein deutsches Wort im Begleittext! – nobel diesen Stücken verschrieben und künstlerisch viel herausgeholt.

Wolf-Ferrari war der älteste Sohn des deutschen Kunstmalers August Wolf, der sich auf Italien-Tour in die Venezianerin Emilia Ferrari verliebte. Der Knabe wächst bis zu seinem 15. Lebensjahr in Italien auf und erhält Klavier- und Zeichenunterricht. Erst mit 16 Jahren drängt es ihn unaufhaltsam zur Musik und er nimmt ein Musikstudium an der Königlichen Akademie der Tonkunst in München bei Joseph Rheinberger auf. Drei Opernversuche 1895 scheitern. Trotzdem trifft er Verdi in Mailand auf Vermittlung Arrigo Boitos. In dieser Studentenzeit schreibt er an seiner vom Einfall her glücklichen ersten Violinsonate, die ganz klassisch dreisätzig angelegt ist: Der Kopfsatz 'Sostenuto-Allegro appassionato quasi presto' wirkt wie aus einem Guss – auch im hier festgehaltenen Vortrag der beiden Italiener. Das kraftvoll akkordisch auftrumpfende Klavier öffnet den Vorhang in der gleichen Tonart, wie Max Bruch es für sein berühmtes Violinkonzert tat: in g-Moll. Die Violine setzt schwelgerisch ein und ihr Text ist von Beginn an mit dem Klaviersatz eng verwoben. Alognas Ton ist da glühend warm und das Pianoforte vermag überraschende Wendungen bereitzuhalten. Die beiden Interpreten korrespondieren ideal. Der Anschlag von Catena am Klavier ist klar und differenziert, seine Akkorde setzt der Pianist treffsicher. Nobel klingt die Violine da, könnte nur gelegentlich noch etwas drängender, forscher agieren. Dieser Satz ist wirklich ausladend gestaltet für einen 19-jährigen. Hier zeigt sich die Frühreife Wolf-Ferraris.

Lyrischer Atem

Grazil und wie am seidenen Faden hervorgezaubert tritt der langsame Satz 'Lento senza tempo' aus der Versenkung. Das Klavier spielt eine Choralzeile, die Violine antwortet darauf allein, ehe das Klavier den Choral fortsetzt. Hier öffnet sich ‚eine Art der Feierlichkeit, die uns auf Charakterzüge des Komponisten blicken lassen, die er vielleicht dem Werk Beethovens entnommen haben mag‘, heißt es darüber im Booklet, das leider nur auf Englisch verfasst ist. Ein lyrischer Atem entfaltet sich hier, der an absolute Musik denken lässt. Leider gibt es hier und da in der Ausführung – namentlich bei der Violine intonationsmäßig in den höheren Lagen und Oktaven – Unzulänglichkeiten, die dieser filigrane Satz nicht verdient hat. Feurig beginnt der Schlusssatz 'Sostenuto-Allegro ma non troppo e con spirito'. Hervorzuheben sind die gute Saal-Akustik und Balance der Aufnahme, die im Renaissance-Palazzo Chigi zu Ariccia, einer kleinen Stadt südlich von Rom, im November 2019 stattfand. Die beiden Künstler finden hier ein gepflegtes partnerschaftliches Musizieren, wobei die Dramatik und ausgefeilte Dynamik des Satzes mit all ihrer geheimnisvollen Aura nicht zu kurz kommen. Ein schwelgerischer Satz, der auch technisch nicht ohne Tücken ist.

Sechs Jahre später entschloss sich Wolf-Ferrari – nachdem seine Oper 'Cenerentola' 1900 in Venedig durchgefallen war – seine zweite Violinsonate zu schreiben. Inzwischen hatte er geheiratet und sein einziger Sohn Federico war geboren, doch bekannt war er immer noch nicht. Diesmal experimentierte er an der Form, was der Sonate nicht so gut bekommt: Das Werk ist nur zweisätzig gehalten und verfügt über einen etwas zermürbenden, verworrenen Einstieg voll Düsternis (absteigende Chromatik) und nach der Introduktion über ein absolut sperriges erstes Thema, das rhythmisch komplex und absolut ungesanglich aufgebaut ist. Vielleicht beschreibt es seine Lebensphase nach der gescheiterten Oper, bei der er sich ebenfalls verrannt hatte? Die Tonsprünge sind abenteuerlich, die Oktaven martialisch. Hier schreit ein Künstler seinen Frust heraus.

Dass so ein Werk nicht leicht zu meistern ist, ist klar. Alogna kämpft sich wacker durch die Partitur, aber ihm gelingt kein überzeugender Ansatz: Was sich etwa in der Mitte des Satzes in der Durchführung vollzieht, hört sich nach dem Einstieg in eine Fuga an, verkümmert aber karikierend. Das Pizzicato klingt wie eine Farce, ein schlechter Witz. Aber Alogna wagt hier zu wenig, das mutet alles zu schülerhaft an in dieser nervösen Passage. Diese Einfälle Wolf-Ferraris sind auch nicht wirklich vortragsreif. Es ist mehr ein Suchen, ein Probieren, ein kümmerlich Abnippeln, was hier zu Papier gebracht wurde. Dieser verkorkste Satz – mit humorvollem Schluss! – wirft einige Rätsel  für den Hörer auf. Die Genialität eines jungen Richard Strauss erreicht der 25-Jährige auf jeden Fall nicht. Auch das sich anschließende 'Recitativo. Sostenuto con amore, semplicemente' wirkt leicht gehemmt, in Träume versunken, obwohl Davide Alogna sich hier nach seinen Möglichkeiten frei spielt. Aber wieder sind die Motive der zweigebundenen, erst auf-, dann absteigenden sukzessiven Terzen langweilig. So etwas hätte weder Schumann noch Brahms geschrieben. Danach herrscht wieder lieblichste Harmonie, amore eben, wie im Titel gefordert. Diese Sonate – trotz enorm glanzvoll strahlendem Schluss in A-Dur – ist unausgegoren, hätte noch eines beratenden Mentors bedurft.

Bieder und zuckersüß

Erst kurz vor seinem Tod 1948 schrieb Wolf-Ferrari 1943 noch einmal als 67-Jähriger eine Violinsonate, diesmal viersätzig; sein Opus 27 in E-Dur, das abgeklärter, geläuterter, milder und altersweiser wirkt. Auch hier ist der romantische Duktus noch erlebbar, auch wenn sich das Werk wieder in zu vielen lapidaren Sequenzen ergießt und diese mit vertrackten Fugierungen verknüpft. Die Sexten-Terzen-Doppelgriffe hat Alogna leider nicht lupenrein in der Hand und der Satz, obwohl ‚moderato‘ betitelt, wirkt obendrein ein bisschen behäbig. Das 'Andantino' ist ein hübsches Stück für den Sonntagnachmittagskaffee. Leider bleibt es unter Durchschnittsniveau, zu bieder im Einfall, zu zuckersüß in Wohlklang und affig in seinen Verzierungen, zumal für das Entstehungsjahr 1943. Man denke nur an Poulencs aufrührende Sonate aus exakt gleicher Zeit. Da hat Wolf-Ferrari leider überhaupt nichts zu melden. Er versucht hier in klassischer Manier und gleicher Tonart A-Dur Beethoven (2. Satz op. 23!) zu kopieren, was ihm aber völlig misslingt. Im 'Agitato con passione' treten gleich zu Beginn noch einmal größere intonatorische Schwierigkeiten des Geigers auf, was der Tonmeister ihm nicht hätte durchgehen lassen sollen. Das macht den Hörgenuss zunichte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wolf-Ferrari: 3 Violin Sonatas: Davide Alogna, Costantino Cotena

Label:
Anzahl Medien:
Brilliant classics
1
Medium:
EAN:

CD
5028421960937


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Wolf-Ferrari, Ermanno


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