> > > David Philip Hefti: Die Schneekönigin: Tonhalle-Orchester Zürich, David Philip Hefti
Sonntag, 26. September 2021

David Philip Hefti: Die Schneekönigin - Tonhalle-Orchester Zürich, David Philip Hefti

Hörbare Temperaturen


Label/Verlag: Neos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


David Philip Heftis atmosphärisch dichtes Musiktheater 'Die Schneekönigin' hat es auf CD vermutlich schwerer als im direkten Liveerlebnis.

Hans Christian Andersens 'Schneekönigin' ist 2018 zum wiederholten Mal zu Musiktheater-Ehren gekommen. Nach diversen Opern und Kinderkonzerten von Hans Abrahamsen bis Marius Felix Lange hat nun auch der Schweizer Komponist David Philip Hefti das faszinierende Märchen zum Klingen gebracht. Die Tonhalle-Gesellschaft Zürich vergab zu ihrem 150-jährigen Bestehen hierfür einen Kompositionsauftrag, das Libretto lieferte Andreas Schäfer. Der Mitschnitt der Züricher Uraufführung vom November 2018 ist nun beim Label NEOS erschienen.

Das knapp 80-minütige Werk für Sopran, zwei Sprecher und Orchester wandelt irgendwo zwischen Erzählkonzert und suggestivem Musiktheater. Es richtet sich ebenso an Erwachsene wie an Kinder, worin es dem Märchen Andersens in besonderem Maße gerecht wird. Vieles bleibt rätselhaft, manchmal auch schlicht unnahbar oder fremd, und gleichzeitig bieten Text, Musik und Interpretation immer wieder starke Momente der Identifikationsmöglichkeit, klare Chancen für Empathie – wenn auch nicht durchgängig.

Ton gewordenes Eis

Dem Hörer geht es ein wenig so wie den beiden Kindern Gerda und Kay: In die gewohnte Ordnung, in das greifbare Glück dringt etwas Kaltes und Unheimliches von außen ein. Es irritiert, stört und bezwingt einen gleichermaßen. Von diesen Kontrasten lebt Heftis Musik. Alles hat seine Farbe, seine Funktionsweise. Die serielle Musik der Schneekönigin selbst, das Ton gewordene Eis, kriecht bedrohlich durch den Raum, ergreift von allem Besitz. Hefti erzielt hier erstaunliche Effekte, man könnte ihm unterstellen, er sei in der Lage, Temperaturen zu komponieren. Das Tonhalle-Orchester Zürich setzt unter der Leitung des Komponisten all die Raffinessen der Partitur routiniert um.

So reizvoll Heftis Musik auch ist, so schwierig bleibt die Dramaturgie dieses Musiktheaters. Das Episodenhafte, die Aneinanderreihung von Einzelbegegnungen zwischen Gerda und den diversen Erscheinungsbildern der Schneekönigin hat auch etwas Ermüdendes. Die ‚lange Reise‘ einer Figur, wie sich in vielen Märchen und Erzählungen im Zentrum steht, ist für die Bühne immer wieder eine Herausforderung. Und Schreiber und Hefti bieten in ihrer 'Schneekönigin' auch keine restlos überzeugende Lösung. Die Gefahr besteht, dass man als Hörer, dem das vermutlich auch optisch spannende Orchesterspiel sowie die kostümierten und agierenden Protagonisten verborgen bleiben, die Aufmerksamkeit und damit den Faden verliert. Bei aller Farbenpracht und allem Einfallsreichtum entwickelt selbst Heftis Musik nicht die Sogwirkung und Überraschungsmomente, die man sich wünscht, um ‚bei der Stange‘ zu bleiben.

Zum Niederknien schön

An diesem Umstand mag aber auch die Kombination von Sprechern und einer Sängerin nicht ganz unschuldig sein. Delia Mayer und Max Simonischek gestalten ihre Figuren Gerda und Kay sowie die Krähe und den überspannenden Erzähltext hinreißend und lebendig. Gepaart mit Heftis Klangmagie nimmt die Geschichte Fahrt auf. Doch dann tritt Mojca Erdmann als Schneekönigin in Erscheinung: Auch sie singt die fordernde Partie zum Niederknien schön und mit bewundernswerter Virtuosität. In Erdmanns Stimme liegen Glut und Eis nah beieinander und sie trifft die richtige Mischung aus opernhafter Dramatik und nahezu entseelter Instrumentalität. Das Problem: Man versteht nur schwer oder gar nicht, wovon sie eigentlich singt. Der abrupte Wechsel zwischen gesprochener Sprache und Gesang zerschneidet für den Hörer den Lauf der Geschichte. Das mag in einzelnen Momenten äußerst effektvoll sein, weil etwas Fremdartiges und Unbegreifliches eindringt, aber auf die Dauer ist es enervierend, weil man ständig zum Beiheft greifen muss, um nachzuvollziehen, wo man sich inhaltlich gerade befindet oder was konkret verhandelt wird. Das mag im Konzertsaal als Liveerlebnis kein großes Problem sein, weil szenische Vorgänge oder optisch nachvollziehbare Haltungen beim Verständnis helfen, doch auf CD nimmt es einiges an Faszination.

Dennoch bleibt diese 'Schneekönigin' ein vor allen Dingen atmosphärisch dichtes Stück Musiktheater, das wohl im Konzertsaal oder gar auf einer Opernbühne seine verzauberte Zuhörerschaft finden dürfte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    David Philip Hefti: Die Schneekönigin: Tonhalle-Orchester Zürich, David Philip Hefti

Label:
Anzahl Medien:
Neos
1
Medium:
EAN:

CD
4260063120282


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Neos

NEOS ­ das neue Label für Zeitgenössische Musik, das seit Mitte Mai 2007 auf dem deutschen, seit Oktober 2007 auch auf dem internationalen Markt präsent ist. Im Zentrum der Neuveröffentlichungen stehen Kompositionen des  20. und 21. Jahrhunderts - die Betonung liegt dabei auf Welt-Ersteinspielungen.

Insofern setzt Wulf Weinmann den bei seinem früheren Label col legno eingeschlagenen Weg konsequent fort. Langjährige frühere Partner wie  das Internationale Musikinstitut Darmstadt (IMD), die Donaueschinger Musiktage des SWR, die musica viva des Bayerischen Rundfunks oder die Salzburger Festspiele haben die Zusammenarbeit mit Weinmann auch für die Zukunft vereinbart.

Inzwischen weitet sich NEOS programmatisch aus: Vier Produktlinen entwickeln sich im Kontext Neuer Musik in Zusammenarbeit mit Komponisten und Interpreten, die über ein weit gespanntes Repertoire verfügen: Aufnahmen, die Tradition und Moderne verbinden, Werke früherer Meister in bisher nie oder selten gehörten Interpretationen meist originaler Bearbeitungen sowie eine Jazzlinie mit Musikern, die man eher aus der zeitgenössischen Musikszene kennt, wie Olga Neuwirth oder Mike Svoboda.

NEOS veröffentlicht pro Jahr ca. 40 CDs, SACDs und DVDs, die weltweit (z.B. in Deutschland über helikon harmonia mundi) vertrieben werden. Hohe technische Qualität der Aufnahmen ist selbstverständlich. Auch Design und ansprechende Verpackung sind zentrales Anliegen: Alle Produktionenerscheinen in Digipacks mit ausführlichen Textinformationen und Illustrationen.


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